Bio-Landwirtschaft

"Das System durchrütteln"

d'Lëtzebuerger Land vom 07.12.2000

d'Lëtzebuerger Land: Durch die BSE-Krise steigt die Nachfrage nach Bio-Fleisch. Freuen Sie sich darüber? 

Änder Schanck: Natürlich bin ich froh, wenn mehr Bio-Produkte gekauft werden. Aber eine Freude, die sich aus dem Leid anderer speist, ist keine richtige Freude. Was jetzt an Einbußen auf die Landwirte und Metzger zukommt, halte ich für  schlimm.

 

Sind die Landwirte und Metzger in Ihren Augen schuldlos?

Niemand ist völlig schuldlos. Auch die Verbraucher nicht. Es ist zugelassen worden, dass sich weltweit ein agro-industrielles System aufbauen konnte, und BSE ist ein Risiko, das dieses System mit sich gebracht hat. Es ist wissenschaftlich mittlerweile erwiesen, dass eine Pflanze unter dem Einfluss von Sonnenlicht im Boden Nährstoffe mobilisieren kann. Das sind natürliche Prozesse, deren sich früher die gesamte Landwirtschaft bedient. Energie- und Nährstoffbilanzen ha-ben gezeigt, dass die biologische Landwirtschaft die einzige mit positiver Energiebilanz ist. Bio-Bauern verzichten auf mineralische Dünger, vor allem Stickstoffdünger, auf chemische Pflanzenschutzmittel und auf jegliche Gentechnik. Fleischmehl im Futter war für uns immer tabu. In den Boden kann nur hereinkommen, was auf dem Hof erzeugt wurde. Aber trotzdem kann am Ende mehr herauskommen! Die konventionelle Landwirtschaft dagegen gleicht heute einem Patienten, der im Krankenhaus am Tropf hängt und immer neue Medikamente eingeflößt bekommt.

 

Tun Sie jetzt nicht vielen konventionell ausgerichteten Landwirten Unrecht? 

Sicher ist für sie der Einsatz von Chemie schon eine Frage der betrieblichen Rentabilität. Aber das System an sich gehört grundsätzlich in Frage gestellt. Es geht um volkswirtschaftliche Folgekosten, die endlich analysiert werden müssen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Schweizer Wissenschaftler hat das Herbizid Atrazin analysiert. Das ist heute verboten, früher wurde es zum Preis von 80 Schweizer Franken das Kilo verkauft. Dagegen wurden die Kosten für die Beseitigung der Überreste eines Kilos Atrazin aus dem Grundwasser mit 20 000 Schweizer Franken veranschlagt. Solche Mechanismen sind einfach Irrsinn. Da entstehen Ge-fahren für die Allgemeinheit, ihre Beseitigung kostet den Steuerzahler viel Geld, aber verdient hat am Ende ein Agro-Chemie-Unternehmen. Das muss aufhören.

 

Indem alle konventionell arbeitenden Landwirte Bio-Bauern werden?

Wir müssen die BSE-Krise als Chance verstehen und uns grundsätzliche Gedanken ma-chen, wie es weitergehen soll. Das alle Bauern auf Bio umsteigen, ist gar nicht wünschenswert. Bio-Landbau ist keineswegs einfach zu machen. Es gibt zwar, nicht zuletzt dank der Vermarktungsstrukturen für Bio-Produkte, die wir mittlerweile aufgebaut ha-ben, unter den derzeit 30 Bio-Bauern in Luxemburg solche, die kommerziell so erfolgreich sind wie erfolgreiche konventionell Arbeitende. An-dere haben es dagegen sehr schwer. Doch das trifft für so manchen konventionellen Landwirt ebenfalls zu. Erfolg im Bio-Landbau hängt vor allem vom Wissen ab, vom richtigen Umgang mit dem Boden und den Tieren, der genauen Kenntnis von Fruchtfolgen und von biologischen Vorgängen.

 

Könnte die biologische Landwirtschaft uns alle ernähren? Sie geht schließlich nicht von ständiger Ertragssteigerung aus.

Ich denke, sie kann. Es ist schon wahr - der ideale Bio-Bauer sagt, wenn die Nachfrage zum Beispiel nach Bio-Fleisch zu groß wird: mehr Tiere, als auf meinen Betrieb passen, halte ich nicht. Dann werden Bio-Produkte eben knapp, und es müsste versucht werden, mehr Landwirte dafür zu interessieren. Erfahrungsgemäß gelingt das auch, wenn die Nachfrage steigt. Wir erleben es derzeit: seit drei Monaten bieten wir gemeinsam mit Luxlait BioMilch an. Seitdem hat unter den Milchbauern das Interesse an Bio-Milchproduktion zugenommen.

 

Aber stößt die biologische Landwirtschaft nicht an die begrenzten Flächen, haben wir es nicht zu tun mit immer mehr Zersiedelung, mehr Straßen, mehr Industriezonen?

So stark ist der Flächenrückgang nicht. Viel schlimmer ist die sinkende Zahl der Betriebe, das rückläufige Interesse junger Leute, Landwirt zu werden, der Exodus von fähigen Leuten aus den Bauernbetrieben in Richtung Agroindustrie und Beratung. Natürlich: Wir leben in einem reichen Land, und ein Bauer muss in der Regel tagein, tagaus auf Achse sein, kann nicht zwei Mal im Jahr Urlaub machen und muss auf so manche Bequemlichkeiten verzichten. Der urbane Lebensstil, der sich immer weiter durchsetzt, ist nicht ohne Auswirkungen auf den Bauernberuf. 

 

Ist Luxemburger Bio-Fleisch garantiert BSE-frei?

Es gibt nie eine hundertprozentige Garantie. Und möglicherweise be-steht in Betrieben, die erst kürzlich auf biologische Produktion umgestellt wurden, ein Restrisiko aus der Zeit, als sie konventionell betrieben wurden. Aber diese Überlegungen sind ähnlich theoretisch wie für die konventionelle Landwirtschaft.

 

Welche Kontrollen gibt es denn für Bio-Landwirte?

Den flächendeckenden BSE-Tests, auf die sich die EU-Landwirtschaftsminister Anfang der Woche geeinigt haben, werden auch wir unterworfen. Daneben werden alle Bio-Be-triebe regelmäßig durch Bio-Kontrollstellen überprüft. Bis vor zwei Jahren hatten die beiden luxemburgischen Bio-Landbau-Vereine diese Kontrollen gemacht. Inzwischen werden sie im Auftrag der Administration des services techniques de l'agriculture im Landwirtschaftsministerium von ausländischen Instituten vorgenommen. Zusätzlich führen diese Institute noch im Auftrag der beiden Bio-Vereine Kontrollen durch. 

 

Ist es schon vorgekommen, dass ein Bio-Landwirt seine Anerkennung entzogen bekam?

Sanktionen gab es bereits. Bis zur Aberkennung der Bio-Lizenz reichten sie allerdings nicht. Aber ich weiß von Fällen, wo ein Bio-Bauer es versäumt hatte, Bio-Saatgut zu be-schaffen und auf einem Feld konventionelles Saatgut ausbrachte. Er bekam diesen Acker für zwei Jahre für die Produktion gesperrt.

 

Er darf dann nicht statt Bio auf diesem Feld konventionell arbeiten?

Nein, dann würde der Betrieb die Bio-Lizenz verlieren. Eine Mischwirtschaft mit getrenntem konventionellem und biologischem Anbau in einem Betrieb lässt das EU-Recht zwar zu, bei uns ist sie jedoch nicht gestattet. Das finde ich auch gut so.

 

Was bewegt die Verbraucher derzeit zum verstärkten Kauf von Bio-Produkten?

Die Verbraucher sind anspruchsvoll. Zumal in einem so reichen Land wie Luxemburg. Aber dass die Leute nun Bio-Produkte kaufen, weil sie der Überzeugung sind, eine Landwirtschaft fördern zu müssen, die das agro-industrielle System außen vor lässt, glaube ich nicht. Da ist wohl in erster Linie Angst im Spiel. Doch dass man erst nachdem eine Katastrophe passiert ist, nachzudenken beginnt, ist ein ganz menschlicher Zug.

 

Peter Feist
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