Die kleine Zeitzeugin

Kaputte Urlauber_ innen

d'Lëtzebuerger Land du 22.02.2019

Haben Sie, gebeugte Leserin, sich nicht auch schon immer danach gesehnt, sich mal richtig auszutoben? Ohne pingelig-pedantische Rücksicht auf Verluste den Lüster zertrümmern, mit Stuhlbeinen auf Armleuchter dreschen, Mobiliar vermöbeln? So richtig hemmungslos, hemmungslos, das war doch mal in. Jetzt nicht mehr so, vielleicht ist das das Problem. Wie ein Mann, einer mit echten Eiern, eine Spezies, die es bald nur noch im Zoo zu bestaunen gibt oder im Museum oder im Gefängnis. Wie ein Rockstar in einem imperialen Hotel, wo das ja Ritual ist. Wie ein echter Künstler, der anstatt in die Tasten zu hauen, sein Klavier verhaut. Aber früher war das nur für Genies, ohne Geniegottaura wäre man rasch abgeführt worden, an einen Ort, an dem alles sehr stabil ist.

Gerade im Urlaub, der ja immer eine Herausforderung darstellt – immer diese Wellen, wird denen nicht langweilig?, diese Grillen, die an unsern Nerven sägen, hört das nie auf? –, ist das ein Thema. Wenn wir über die Minenfelder trippeln, die wieder mal keine Minnefelder sind, kann es sogar hochexplosiv werden. Statt Vulkanausbrüchen kommt es zu archaischen Wutausbrüchen.

Aber jetzt gibt es einen Ausweg aus dem globalen Urlaubsparadies, das so viele auf die Palme bringt, sie kommen kaum noch runter. Weil man ja zu sich kommt, da gibt es keine Rettung mehr. Oder? Auf Kreta schon, endlich. Im guten alten Kriti, ganze Degenerationen suchten sich dort, sie kamen mit einem Batikhemd zurück.

Im guten alten Kriti bietet jetzt ein Hotel was Besonderes, für Fitness, Bio-Balance und Harmony. Gut für den Einzelnen, aber auch gut für die Gesellschaft, sogar für das gesellschaftliche Klima, wie oft gibt es denn so was? Meist machen die Leute ja was Egoistisches, Kuscheln mit Krokodilen oder irgendwo hinaufkeuchen, was niemand weiterbringt, schon gar nicht das Klima. Oder sie fressen alles ratzekahl, das geht immer.

Das schöne Hotel, das im himmlischen Licht badet, bietet seinen Gästen einen Wut-Raum an. Wut tut gut, Wut ist ein Gut, wird sich das Hotel-Management gedacht und in der Marktlücke einen Voodoo-Raum eingerichtet haben. Wutlust ist ja sehr verbreitet, kein Wunder, dauernd muss man sich zusammenreißen, die Menschenwürde, mittlerweile sind sogar die Tiere mancherorts würdig, sogar die Frauen. Und irgendwohin muss diese Wut ja, die wegen dem Stau und dem Triebstau, sie ist überall, darf nirgends raus, ist ja schließlich schon verpönt, wenn Mann in seinen eigenen Gemächern das eigene Gesponst vermöbelt, alles soll Mann schlucken oder sich beraten lassen. Und alle werden immer wütender, im Netz und auf der Straße, sie kochen, wenn eine Radlerin vorbei schwebt. Oder wenn in der Sprechblase jemand was Konträres blubbert. Wut wird immer wutgutbürgerlicher.

Und dann der Urlaub, wo Mensch zu sich kommt, da muss er ja Amok laufen, meist ist es Gott sei Dank zu heiß. Statt also den Koch zu erschlagen oder Kakerlaken zu jagen, um sie anschließend als Trophäe bei RTL zu präsentieren, können sich Gäste neuerdings abreagieren. Statt dass Oma dem Opa eine überbrät, weil alles so anders ist und kam und er kein anderer ist, kann sie ausflippen, ein für alle Mal, nachher gibt es Dinner. Wenn der böse Blues der blauen Tage kommt und man alle und alles zum Teufel wünscht, kann man bequem nebenan Exorzismus betreiben.

Japanische Betriebe arbeiten schon mit dem Wut- Management, Wutkraft statt Windkraft wird es bald heißen. Also ausrasten, statt auszurasten, und dann gechillt nach Hause, alle wackeln noch und werden nicht mal geschieden.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich der Rage Room, wie er auf cool heißt, leider als trostlos-therapeutisches Kinderzimmer. Die Einrichtung ist spartanisch. Nix griechische Vasen, nix barocke Sekretäre. Flaschen. Kisten. Gähn. Schutzanzüge auch noch. Okay, es richtet es sich, innovatives Entertainment, an die Millennials. Oma und Opa werden sich also weiter damit abmühen, einander in Kleinkriegen klein zu kriegen. Immer mal wieder den guten alten Urschrei praktizieren. Für Luxemburger_innen ist diese Therapie sowieso nichts. 19 Euro nur.

Michèle Thoma
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