Carnet de l'habitat

Isolationsbeschwerden

d'Lëtzebuerger Land vom 03.10.2002

Als Wohnungsbauminister Fernand Boden (CSV) Luxemburg Anfang Juni 2001 in New York auf der UN-Versammlung zum Thema "Habitat" vertrat, hielt er eine Rede, die gut klang. Luxemburg bemühe sich, "de concilier l'évolution de la population et la croissance économique avec un environnement sain, un milieu naturel et humain harmonieux". Und er zählte die Instrumente auf, über die man verfüge: den nationalen Nachhaltigkeitsplan, das Programme directeur für die Landesplanung und das so genannte Carnet de l'habitat, "qui constitue un instrument individualisé, une sorte de radiographie du logement, dressé par un expert qui analyse la stabilité, l[&]'hygiène, le confort, l'écologie et surtout ses propriétés thermiques du logement".

Ein Glück, dass auf solchen Konferenzen niemand nach dem Erfüllungsstand der Versprechen und der Wirksamkeit der Instrumente fragt. Lagen im Juni 2001 doch Nachhaltigkeitsplan und Programme directeur zur Landesplanung noch immer nur als Vorprojekte der letzten Regierungskoalition vor, wird über beide erst jetzt wenigstens diskutiert. Und das Carnet de l'habitat war zum Zeitpunkt der UN-Konferenz zwar schon seit zwei Jahren im Gespräch, sollte jedoch erst am 20. September 2002 vom Regierungsrat gut geheißen werden.

Begonnen hatte alles vor vier Jahren, vor allem auf Betreiben von Umweltschützern nach dem Welt-Klimagipfel in Kioto. Ende 1998 zogen Greenpeace-Aktivisten mit Messgeräten durchs Land und stellten an der Gebäudesubstanz teils erhebliche  Energieverluste aufgrund mangelhafter Isolation fest. Kurz darauf starteten Mouvement écologique und OGB-L eine gemeinsame Kampagne für "Energiepässe" nach deutschem Vorbild: Für jedes Privathaus sollten eine Energiebilanz erstellt, Verbesserungsvorschläge gemacht und deren Umsetzung staatlich gefördert werden. Erhoffte sich der OGB-L dadurch neue Arbeitsplätze im Baugewerbe, argumentierte der Méco mit dem für Luxemburg soeben fixierten Klimaschutzziel von minus 28 Prozent CO2 und mit der Tatsache, dass der Energieverbrauch der Privathaushalte zwischen 1990 und 1998 um 29 Prozent gestiegen war und sich in absoluten Zahlen bedrohlich dem der Industrie näherte, die den ihren soeben durch Umstrukturierungen gesenkt hatte.

Den Vorschlag griff die CSV-DP-Regierung auf, doch das Wohnungsbauministerium sprach sich gegen vom Umweltministerium ausgegebene separate Energiepässe aus. Wenn schon, dann sollte der Zustand der Gebäude insgesamt erfasst werden. Daran arbeite man mittlerweile mit einem deutschen Institut, hieß es im Herbst 1999. Als jedoch ein gutes Jahr später noch kein Resultat vorlag, ließ Umweltminister Charles Goerens (DP) dennoch einen Entwurf für Energiepässe ausarbeiten: erschöpften sich konkrete Klimaschutzmaßnahmen doch in den Förderprogrammen zum Ausbau der erneuerbaren Energienutzung und der Kraft-Wärme-Kopplung, nahm der Widerstand gegen eine eventuelle CO2-Steuer seitens der Wirtschaft nicht ab, wollte niemand auf die Akziseneinnahmen aus dem Tanktourismus verzichten. Eine Verbesserung der Wärmedämmung an Gebäuden aber versprach eine Reduktion der im Privatbereich verursachten Emissionen um 30 bis 40 Prozent. Goerens scheiterte jedoch erneut an Fernand Boden, der einen Eingriff des Umweltministeriums in sein Ressort nicht dulden und weiter an einem Carnet de l'habitat für die Gebäude insgesamt arbeiten lassen wollte.

Bei diesem Ansatz ist es prinzipiell auch geblieben, nachdem der Entwurf zum Carnet de l'habitat nach drei Jahren Arbeit endlich vorliegt. Künftig soll jeder Hausbesitzer beim Wohnungsbauminister die Erstellung eines Carnet beantragen können. Der Minister entscheidet formell darüber und gibt den Antrag an eine Kommission weiter. Die prüft, ob mit Mängeln zu rechnen ist und gibt einen Positiv- oder Negativbescheid. Im ersteren Fall darf der Hausbesitzer einen anerkannten Experten um die Ausführung der Bestandaufnahme bitten und mit bis zu 1 850 Euro Staatszuschuss für die Honorarkosten rechnen. Die "gro Kaart fir d'Haus", wie Daniel Miltgen, Regierungsrat im Wohnungsbauministerium, sie nennt, soll die Grundlage sein, auf der ein Hausbesitzer staatliche Hilfen für die Verbesserung des Gebäudes beantragen kann. Zuschüsse zur Verbesserung von Hygiene, Stabilität oder Wohnkomfort werden vom Wohnungsbauministerium gewährt; solche zur Verbesserung der Energiebilanz vom Umweltministerium. Im Unterschied zu den Beihilfen aus dem Wohnungsbauministerium, die es als "Verbesserungsprämien" schon heute gibt, soll der Zuschuss für bessere Isolation nicht von der Einkommenslage des Haushaltes abhängen.

Wenngleich Architekten und Bauberater die Einführung des Carnet begrüßen, bleiben Fragen offen. In etwa drei Tagen könnte die Bestandsaufnahme am Haus, die über ein Computerprogramm erfolgen soll, das gemeinsam mit dem deutschen Institut erstellt wurde, abgeschlosen sein, meint das Wohnungsbauministerium. Als Experten in Frage kommen laut Reglemententwurf alle im Ordre des architectes registrierten Architekten und Bauingenieure, die nach bisherigem Stand der Dinge in einem Zweiwochenkursus an dem Computerprogramm ausgebildet werden sollen. Das aber reiche wahrscheinlich nicht, sagt ein Vertreter des Ordre des architectes, der an Vorgesprächen zum Carnet-Projekt beteiligt war: "Wärmedämmung und Verbesserung an der Gebäudesubstanz hängen so stark zusammen, dass ein Architekt, der Verbesserungsvorschläge macht, erhebliche Erfahrungen mit alter Bausubstanz benötigt." Was eine weitaus umfassendere Ausbildung erfordere als eine Einweisung in ein Computerprogramm. Das deckt sich mit den Aussagen des damaligen Präsidenten des Ordre des architectes auf einer Podiumsdiskussion zu ökologischem Bauen vor einem Jahr: Wieviele Architekten hier zu Lande über ausreichende Kenntnisse dazu verfügten, konnte er nicht sagen. Mit der Erstellung des Carnet aber wird in Zukunft die Tätigkeit des Architekten-Experten weitgehend abgeschlossen sein. Eine weitere fachliche Begleitung der Verbesserungsvorschläge kann durch ihn zwar erfolgen. Nur müsste der Hausbesitzer sie zum großen Teil selbst be-zahlen. Es sei denn, es gelingt ihm, beim Wohnungsbauministerium eine "Architektenprämie" zuerkannt zu bekommen, oder aus dem Honorarzuschuss für die Erstellung des Carnet bleibt etwas übrig. Doch dass die vom Wohnungsbauministerium geschätzten drei Tage zu dessen Erarbeitung ausreichen, hält der OAI-Vertreter für "ziemlich optimistisch" gedacht.

Dass es in Luxemburg bislang keinerlei Regelwerk für die energetische Verbesserung von Altbauten gibt, erschwert den klimaschützerischen Aspekt des Vorhabens zusätzlich. Die geltende Wärmeschutzverordnung trifft nur für Neubauten zu, "man müsste unbedingt beider Altbausubstanz ansetzen, die75 Prozent des Wohnungsbestands ausmacht", sagt Christiane Conrardy, Bauberaterin bei der Stiftung Oeko Fonds. In der Energiedirektion im Wirtschaftsministerium will man daran auch arbeiten, erklärt der zuständige Beamte. Aber erst, wenn eine EU-Direktive über die Energieeffizienz von Häusern vorliegt, womit in den nächsten Monaten zu rechnen sei. Deren Umsetzung in nationales Recht aber sei "bestimmt nicht für dieses Jahr" zu erwarten.

Da fragt es sich schon, wie wirksam das großherzogliche Reglement über konkrete Isolationsmaßnahmen und deren Förderung sein wird, an dem das Umweltministerium seinerseits als Fortsetzung zum Carnet de l'habitat arbeitet: Auch wenn Maßnahmen zur CO2-Einsparung großzügig bezuschusst und unabhängig vom Einkommen der Haushalte bezuschusst werden, dürfte eine regelrechte Energiesparkampagne um des Klimaschutzes willen durch das Umweltministerium schwer zu haben sein: Nicht nur mangels präziser Regeln zur energetischen Gebäude-sanierung und mangels Fachkräften - laut Reglemententwurf darf ein Carnet nur alle zehn Jahre ausgestellt werden, und ein Besitzer mehrerer Häuser pro Jahr nur für ein Haus ein Carnet beantragen. Dass das nicht ganz im Kioto-Sinne ist, räumt auch Regierungsrat Miltgen vom Wohnungsbauministerium ein.

Das Dumme ist nur, dass die Bevölkerung im Lande wie die Wirtschaft weiter wachsen soll und etwa laut der dem Umweltminister "zur Objektivierung der 700 000-er-Debatte" im Juni vorgelegten SERI-Studie sich der Primärenergiebedarf der Bevölkerung zwischen Ende der Neunzigerahre und dem Jahr 2050 um 61 Prozent erhöhen würde, falls politisch nicht wirksam gegengesteuert wird.

Das Carnet de l'habitat jedoch birgt einen psychologischen Pferdefuß: Wieviele Hausbesitzer werden bereit sein, tagelang einen Inspektor durch ihre Häuser ziehen zu lassen? Am Anfang vielleicht 800 bis 1000, schätzt man im Wohnungsbauministerium, und hat ins Staatsbudget 2003 dafür tausendmal 1 850 Euro aufnehmen lassen. Damit, dass es auf absehbare Zeit mehr als ein Drittel aller rund 135 000 Hausbesitzer sein könnten, rechnet man allerdings nicht.

 

Peter Feist
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