Franz Freiherr von Hoiningen-Huene (1888-1973)

Ein Gerechter in Feldgrau?

d'Lëtzebuerger Land vom 13.12.2019

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, dichtete einst Bertolt Brecht. Fast könnte man meinen, da die jüngere Geschichtswissenschaft etliche Legenden über die Kriegsjahre entzaubert hat, sei nun die Zeit angebrochen, neue Helden zu suchen, vielleicht um das nationale Narrativ wieder ein bisschen ins Lot zu bringen. Ein Buch bringt jetzt einen blaublütigen Offizier ins Spiel, der bedrängten Juden half und Kontakte zu den Verschwörern des 20. Juli 1944 pflegte. Kann man sich einen schöneren Helden für das Großherzogtum wünschen?

Die großen Linien dieses Heldenepos sind schnell erzählt: Der deutsche Erste-Weltkriegs-Veteran Franz Freiherr von Hoiningen-Huene (1888-1973) heiratet 1922 Mia de la Fontaine (1898-1978), Tochter einer angesehenen Luxemburger Familie. In den 1930-er Jahren engagiert sich das Ehepaar aktiv für den Nationalsozialismus. Beide werden NSDAP-Mitglieder. Franz wünscht an Wehrmachtsübungen teilzunehmen, was ihm altersbedingt verwehrt wird. Mia gehört als „Landeskassenwartin“ zur Führungsriege einer nationalsozialistischen Frauenorganisation. Am 10. Mai 1940 wird das Großherzogtum besetzt und von Hoiningen zieht pflichtgetreu seine feldgraue Uniform wieder an. Dem Baron wird eine Schlüsselposition bei der Passierscheinstelle zugeteilt. Er entscheidet, wer aus Luxemburg ausreisen darf und wer nicht.

Ab dem Sommer 1940 benutzte von Hoiningen diese Stellung, um hunderten jüdischen Luxemburgern die Ausreise zu ermöglichen. Im Dezember 1941, mittlerweile in Lille stationiert, äußert er sich in einem Pariser Restaurant regimekritisch und wird von einem Kollegen denunziert. In Berlin wird ihm der Prozess gemacht und er wird zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Bevor von Hoiningen seine Haft antreten kann, nimmt der berühmte Mediziner Ferdinand Sauerbruch ihn unter seine Fittiche und attestiert ihm Spätfolgen eines Bauchschusses aus dem Ersten Weltkrieg. Statt seine Strafe in einem Gefängnis zu verbüßen, darf von Hoiningen im Schutz eines Berliner Krankenhauses verweilen. Im September 1944 droht dem Scheinpatienten erneut die Verhaftung. Er flüchtet, reist heimlich durch Deutschland und rettet sich in das von den Alliierten bereits befreite Luxemburg.

Nach dem Krieg führt von Hoiningen ein unauffälliges Leben auf Schloss Limpertsberg. Über die Rettungsaktivitäten äußert er sich zeitlebens nicht. Erstmals bekannt wird seine Heldentat durch ein Memorandum des Rabbiners Robert Serebrenik (1902-1965): Der Baron sei der einzige „rayon de soleil“ gewesen in jener prekären Zeit1. Eine Anfrage, um von Hoiningen als „Gerechten unter den Völkern“ anzuerkennen, eine israelische Auszeichnung für Nicht-Juden, die unter Gefahr für das eigene Wohl Juden das Leben gerettet haben, wird von der Yad-Vashem-Stiftung 1980 abgelehnt. Von Hoiningens Motive waren wohl zu undeutlich.

Gut 40 Jahre später unternimmt der Politikwissenschaftler François Heisbourg mit seinem Buch Cet étrange nazi qui a sauvé mon père (Éditions Stock, 2019) einen Versuch, von Hoiningen-Huenes Rolle aufzuarbeiten und seine Kanonisierung als Gerechten unter den Völkern voranzutreiben. Der Vater des Autors, der spätere Diplomat George Heisbourg (1918-2008), konnte 1941 durch eine Intervention von Hoiningens Luxemburg verlassen und sich ins nicht besetzte Frankreich absetzen. Heisbourg fils nun möchte jenem Mann ein Denkmal errichten, den er als Retter seines Vaters betrachtet; ein ehrenwertes Anliegen, auch wenn er dazu neigt, seinen Helden unnötig zu überhöhen und ihm dies stellenweise den klaren, nüchternen Blick versperrt.

Stilistisch ist diese Herangehensweise dem Buch ebenfalls nicht zugute gekommen. Wahllos werden lateinische Phrasen und überflüssige Referenzen (Filme von Luis Buñuel, Bücher von Robert Musil und Zitate von Donald Rumsfeld) eingestreut. Man wundert sich, dass ein erfahrener Akademiker so unbeherrscht schreibt. Etliche Detailfehler sind dem Gesamteindruck auch nicht zuträglich.

Wenig hilfreich und unsachlich ist, dass Heisbourg über Seiten hinweg über sein angespanntes Verhältnis zu von Hoiningens Enkel berichtet. Dessen familiäres Milieu ist ihm scheinbar gänzlich fremd. Standardwerke, die möglicherweise zu einem besseren Verständnis von Hoiningens Familienhintergrund und seinem Werdegang beitragen könnten, hat Heisbourg nicht berücksichtigt2. Zwangsläufig fragt man sich, ob es nicht ratsam gewesen wäre, die Geschichte seines Vaters zurückzuschrauben oder in einem separaten Kapitel zu erzählen.

Ein Phantom in den Archiven?

Anhand etlicher neuer Archivfunde aus dem In- und Ausland gelingt es Heisbourg, von Hoiningens Lebensweg zu rekonstruieren, aber in seinem Eifer ist so manches auf der Strecke geblieben. Es wäre nützlich gewesen, von Hoiningens Umfeld genauer zu erfassen.

Warum zum Beispiel wurden einige Akteure dieses Mikromilieus zu Kollaborateuren, während andere sich der Besatzung widersetzten und wiederum andere passiv blieben? Welche Rolle spielten Antisemitismus und antiliberales Gedankengut in der Oberschicht bereits vor 1940? Gab es Mentalitätskontinuitäten, die auch nach der Befreiung anhielten? Und wie stark wurde von Hoiningen von diesem Milieu geprägt?

Aus der von Heisbourg selbst befürworteten Analyse von Hoiningens „écosysteme“ werden Antworten auf solche Fragen oftmals nicht deutlich und es gibt einiges zu ergänzen. Da wäre zum Beispiel der Onkel von Hoiningens Ehefrau, Hippolyt de la Fontaine, dessen „Phantasie sich durch aufwühlende Heldenbücher entzündete“ und der sich bereits als Jugendlicher für das Kriegshandwerk entschloss. Seine Offizierslaufbahn in Deutschland erstreckte sich von der Kaiserzeit über den Ersten Weltkrieg bis in das Dritte Reich. 1942 erhält der damals 72-Jährige das Kriegsverdienstkreuz. Ein Journalist der gleichgeschalteten Luxemburger Wort reist nach Wiesbaden, um eine Lobeshymne auf den Jubilar zu schreiben: Der „alte Soldat“ verkörpere ein „edles Menschentum“3.

Fontaine, der sich 1933 der SA angeschlossen hatte4, gibt an, zu bedauern, dass die Luxemburger die „eindeutigen Zeichen unserer großen Zeit“ nicht erkennen würden. Solche Details, die das Verständnis von Hoiningens und seines direkten Umfelds vertieft und Zusammenhänge erhellt hätten, findet man in Heisbourgs Buch nicht. Stattdessen wird zum Beispiel über drei Konzertmeister referiert, die in keinem relevanten Zusammenhang zur Lebensgeschichte von Hoiningens stehen.

Der Antisemit vom Königsring

Am 23. Januar 1945 durchsucht die Sûreté publique die Adresse Königsring 49 (Boulevard Royal). Vor dem Krieg gehörte die Wohnung der jüdischen Familie Cahen-Rubach; jetzt, nach der Befreiung, werden dort nationalsozialistische Veröffentlichungen beschlagnahmt. Während der Besatzung lebte hier Auguste Baron Jacquinot (1878-1963), ein Vetter von Hoiningens Ehefrau. Der Historiker Christian Calmes erstellte 1990 eine Lebensskizze des Bettemburger Erben einer Ziegelfabrik, der sich nach dem Ersten Weltkrieg einen Namen mit diplomatischen Missionen machte5. Jacquinots publizistisches Werk umfasst Feuilletonbeiträge, Gedichte und eine pseudowissenschaftliche Abhandlung über Ölvorkommen in den Ardennen.

Weniger bekannt sind Jacquinots politische Umtriebe; noch in einer 2016 erschienen Familiengeschichte bleiben sie unerwähnt6. Dabei sind sie zutiefst befremdend, denn Antisemitismus durchzieht seine Gedankenwelt wie ein roter Faden. In seinen Memoiren blickt er auf seine Pariser Studentenzeit zurück und schildert seine Eindrücke von der Dreyfus-Affäre. Damals, so Jacquinot, hätten schattenhafte Finanzleute die Politik geknechtet: „Israël devient roi en France“7. Unter dem Eindruck der Russischen Revolution verschärft Jacquinots Ton sich: „le monstre juif dévorera la Russie“8. Diesem Weltbild, einem Gemisch aus christlicher Esoterik, Antikommunismus und Rassismus, bleibt Jacquinot auch während der Kriegsjahre treu und verfasst drei Bücher: Du passé à l’avenir (1941), Les aveugles (1942) und Quo vadis Europa (1943). Gleich dem Vichy-Régime, propagiert er darin die deutsch-französische Kollaboration und die Neuordnung Europas und unterfüttert seine Thesen mit antisemitischer Hetze. In aberwitziger Selbstüberschätzung versuchte Jacquinot, Hitler um eine Audienz zu bitten. Seine Villa in Bettemburg soll er einer NS-Organisation mietfrei zur Verfügung gestellt haben.

Nach der Befreiung gerät Jacquinot sofort ins Visier der Justiz9. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt ihn der „Gefährdung der äußeren Staatssicherheit“. Auch seine judenfeindliche Agitation wird ihm angelastet, sie sei „particulièrement haineux“. In seiner Verteidigung, gestützt durch seinen Anwalt Émile Reuter, bemüht Jacquinot sich als Friedensboten und Vordenker der paneuropäischen Idee darzustellen, der lediglich aus Sorge um den Einfluss der „finance juive“ zur Feder gegriffen habe. Da man ihm nicht alle Anklagepunkte nachweisen kann, wird er am 23. Februar 1946 zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Ein Entlastungszeuge ist hier von besonderem Interesse, nämlich Franz von Hoiningen-Huene. Leider befindet sich in der Prozessakte kein Protokoll seiner Zeugenaussage, so dass man auf einen Artikel aus der Obermosel Zeitung vom 28. Januar 1946 angewiesen ist: „Und schließlich trat noch ein weiterer Zeuge auf, ein früherer deutscher Offizier, welcher mit einer Luxemburgerin verheiratet (v.H.) und aus Deutschland flüchten mußte, um nicht ins Gefängnis, wohin er wegen antinazistischer Umtriebe gebracht worden war, liquidiert zu werden. Er schwamm unweit Remich durch die Mosel und lebt seitdem in Luxemburg. Sein Zeugnis hing mit der Affäre Jacquinot weniger direkt zusammen und bezog sich mehr auf die hinter den Brüsseler Kulissen betriebene Opposition der Wehrmacht gegen das Hitlerregime. Mit diesen Kreisen soll Jacquinot zur Zeit gelegentlich Fühlung gehabt haben.“

Der Mann, den Heisbourg zwangsläufig als Gerechten unter den Völkern sieht, legte also ausgerechnet für den glühenden Antisemiten Jacquinot seinen guten Ruf in die Waagschale. Wie soll man dieses Puzzlestück aus von Hoiningens Vita deuten? Anscheinend pflegte er Kontakt zu Jacquinot, dessen weltanschaulicher Horizont ihm bekannt gewesen sein dürfte. Überbewerten sollte man das Engagement für den Judenhasser Jacquinot vielleicht nicht, aber unweigerlich drängt sich die Frage auf, wie nah von Hoiningen der Welt Jacquinots stand, auch nach 1945.

Liest man Heisbourgs Buch, so liegt der Schluss nahe, dass von Hoiningens Kritik am Regime 1941 keine Fundamentalkritik an der Nazi-Ideologie an sich war, sondern vielmehr eine unter dem Einfluss einer sich anbahnenden Niederlage formulierte Kritik an einer von Korruption, Willkür und militärischen Fehlentscheidungen geprägten Praxis des Nationalsozialismus. Obwohl diese Regimekritik und die darauf folgende Verfolgung das Gesamtbild von Hoiningens als Nazi-Gegner bestimmen, sind sie nur bedingt aussagekräftig bezüglich seiner Motive, ab 1940 hunderten Juden die Ausreise aus Luxemburg zu ermöglichen. Nach seine Versetzung nach Lille hat von Hoiningen sich – nach heutigem Kenntnisstand – nicht mehr für Juden eingesetzt.

Die Luxemburger Episode könnte man daher ganz unterschiedlich interpretieren: Ist die Deutung der Ereignisse als Rettungsaktion eine posthume Konstruktion? Zu denken gibt, dass weder der Baron selbst noch unmittelbar Beteiligte „des club des sauveurs“ (abgesehen von dem Rabbiner Serebrenik) sich über sein Handeln geäußert haben.

Heisbourg ist positiv anzurechnen, dass er sich dieses Falls mit so viel Leidenschaft angenommen hat. Sollte von Hoiningen nochmals in Jerusalem vorgetragen werden, wird sein Buch ein unerlässliches Instrument sein, aber ein durchschlagendes Argument für die Ehrung als „Gerechter unter den Völkern“ vermag es nicht zu liefern.

Wenn Heisbourg zu wissen glaubt, dass von Hoiningen „den Überzeugungen seines Clans den Rücken gekehrt“ habe, mutet das wenig überzeugend an. Denn gleichzeitig bringt er – sich auf Rabbiner Serebrenik berufend – von Hoiningens „noblen“ Charakter mit seiner „noblen Herkunft“ in Verbindung. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Heisbourg aus einer Schwärmerei heraus von Hoiningen unnötig heroisiert. Es geht nicht darum, den Baron vom Sockel zu stürzen oder sein Handeln zu bagatellisieren. Sinnvoll wäre es jedoch, die Causa von Hoiningen von gutgemeinten, aber letzten Endes mystifizierenden Elementen zu befreien – auch wenn dies vielleicht Widersprüche, Brüche oder Schattenseiten zu Tage fördert.

Maarten van Voorst ist Publizist.

1 zitiert nach Paul Cerf, L‘étoile juive au Luxembourg (Luxemburg: RTL edition, 1986) S.249-251

2 Zum Beispiel Stephan Malinowski, Vom König zum Führer (Berlin: S. Fischer Verlag, 2003)

3 „Ein Luxemburger 50 Jahre deutscher Offizier”, Luxemburger Wort, 14.05.1942.

4 SA-Stammliste, HStAd Fonds N1 in N° 309, Hessisches Staatsarchiv Darmstadt

5 „Le baron Charles Auguste Jacquinot (1878-1963)” in: Nos cahiers 11 (1990) 3, S. 31-54. Weitere Literaturhinweise lassen sich finden in dem von Nicole Sahl erstellten Eintrag zu Jacquinot für das Online-Autorenlexikon des Centre national de littérature.

6 Prosper Kayser, Die Nachkommen der Familie Karl Joseph de Collart *1726 St-Hubert +1812 Fischbach oo 1770 Liège - M. Francisca de Donnea *1734 Liège +1808 Dommeldingen (Luxemburg: Kayser & Vanolst, 2016)

7 Allo! Allo! Grand-père vous parle (Paris: Éditions de la Pensée Nouvelle, 1950) S. 82

8 „Quand le Tocsin sonnera…”, L’indépendance luxembourgeoise, 14.01.1930

9 Akte des Säuberungsprozesses (Nr. 149/46), Archives Nationales de Luxembourg

Korrektur: Eine frühere Version des Artikels, die auch in der Druckausgabe erschienen ist, nannte Hippolyt de la Fontaine den Schwager von Freiherrn von Hoiningen-Huene.
Maarten van Voorst
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