Von Umfragewerten

„Die Luxemburger”

d'Lëtzebuerger Land du 03.02.2012

Die Luxemburger sind reich. Die Luxemburger kaufen gerne in Trier ein. Die Luxemburger sind ein Volk von Eigentümern. Die Luxemburger geben weniger Geld aus. Die Luxemburger wandern aus. Die Luxemburger sind eher zurückhaltend und konservativ. Aber wer sind „die Luxemburger”? Wovon, oder besser gesagt von wem ist eigentlich die Rede, wenn Wissenschaftler, Journalisten und Politiker von „den Luxemburgern” sprechen?

Luxemburg ist ein Einwanderungsland, und das ist gut so! Einmal abgesehen von der kulturellen Bereicherung: allein hätten wir den gewaltigen Wirtschaftsapparat, der uns heute auszeichnet, der uns Reichtum (nicht für alle, aber für viele), Wohlbefinden (für die meisten) und Anerkennung (nicht überall) bringt, nicht aufbauen können. Unsere Stahlindustrie, unser Finanzplatz, unser Baugewerbe, unser Gesundheitswesen und vieles andere mehr: all das würden wir in der heutigen Form nicht kennen, wenn wir nicht massiv Immigranten aufgenommen und Grenzgänger eingestellt hätten.

2011 zählte unser Land 43 Prozent Ausländer, 1991 waren es noch 29 Prozent, 1971 erst 18 Prozent. Wenn in einem Zeitungsartikel, in einer Pressemitteilung, in einer Studie oder Umfrage völlig undifferenziert von „den Luxemburgern“ die Rede ist, stellt sich also immer mehr die Frage, wer denn gemeint ist: Menschen mit einem luxemburgischen Pass oder einfach alle, die in Luxemburg leben, die mittlerweile mehr als 220 000 Ausländer inklusiv? In einer Gesellschaft, die so heterogen und von so vielen Ungleichheiten geprägt ist, wie die unsere, macht es insbesondere bei der Darstellung von sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Sachverhalten Sinn, zu unterscheiden zwischen luxemburgischen und nicht-luxemburgischen Einwohnern Luxemburgs.

Eine repräsentative Stichprobe von 1 000 Einwohnern setzt sich zusammen aus 568 Luxemburgern, 159 Portugiesen, 60 Franzosen, 35 Italienern, 33 Belgiern, 24 Deutschen, elf Briten, sieben Niederländern sowie 103 Vertretern anderer Nationen. Die Feststellung, dass Luxemburg 6,6 Prozent Arbeitslose zählt, sagt nichts darüber aus, dass etwa portugiesische Einwanderer sehr viel häufiger betroffen sind als Luxemburger. Die gleiche Feststellung gilt beim Armutsrisiko. Auch was Konsumfragen angeht, gibt es zum Teil deutliche Unterschiede. Wer ist wohl gemeint, wenn es heißt: „Der Trierer Handel macht zu einem Viertel Umsatz mit Luxemburger Kundschaft“?

Wenn aus einer Studie zur grenzüberschreitenden Wohnmobilität zitiert und behauptet wird, dass zwischen 2001 und 2007 7 715 Luxemburger das Großherzogtum verlassen haben, kann das irreführend sein, da der Eindruck erweckt wird, es hätten nur luxemburgische Staatsbürger das Land verlassen. Dabei wurde diese Auswanderergruppe gebildet von 1 900 Franzosen, 1 842 Luxemburgern, 1 645 Belgiern, 637 Portugiesen, 575 Deutschen und 1 116 Angehörigen anderer Staatsgemeinschaf[-]ten. Im Dezember 2011 veröffentlichte das Beratungsunternehmen Deloitte eine Studie aus der hervorging, dass die Luxemburger ihr Weihnachtsbudget von 1 200 auf 930 Euro herunterschrauben woll(t)en. 500 „Luxemburger“ hatte man zu diesem ungemein wichtigen Thema befragt. Wirklich nur Luxemburger? Umfrageergebnisse dieser Art sind nur aussagekräftig, wenn man genau weiß, was untersucht wurde und wer an der Befragung teilgenommen hat. Zu schreiben, „die Luxemburger sind reich“, ist genauso doof wie zu behaupten, wir wären mehr und mehr von Armut bedroht. Geht’s vielleicht auch ein bisschen genauer?

Claude Gengler
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