Das Musée national de la Résistance wird mobil

Museum auf Rädern

d'Lëtzebuerger Land du 18.05.2018

„Du kannst nicht auf die Jugendlichen zugehen und ihnen einfach Zahlenmaterial in die Hand drücken und meinen, das hinterlässt einen bleibenden Eindruck.“ Jim Goerres weiß, wie er Jungen und Mädchen am ehesten motivieren kann, sich mit dem Thema Judenverfolgung und Antisemitismus zu beschäftigen. „Es ist besser, auch Aktuelles aufgreifen.“ Der pensionierte Lehrer ist Mitbegründer von Memoshoah, einem Verein von geschichtsinteressierten Bürgerinnen und Bürgern, der 2013 gegründet wurde und an die Judenverfolgung erinnern will.

Die Mitglieder haben unter Leitung von Kurator Laurent Moyse und mit Unterstützung des Grafikers Olivier Bouton vor drei Jahren die zweisprachige Ausstellung Between shade and darkness des Resistenzmuseums zu einer mobilen Version mitsamt pädagogischer Präsentation für die Schulen umfunktioniert, die Goerres koordiniert. Im Mittelpunkt der mittlerweile 27 Schautafeln steht zwar die Erinnerung an den Holocaust, aber weil die Macher mehr leisten wollten als reine Erinnerungsarbeit und klassische Zeitzeugenarbeit (von denen es immer weniger gibt), haben sie sich dafür entschieden, aktuelle Themen wie Homophobie, Islamophobie oder den zunehmenden Rechtspopulismus neben dem wieder erstarkenden Antisemitismus aufzugreifen. „Die dahinterliegende Denkstruktur ist der des Antisemitismus sehr ähnlich, damit können die Jugendlichen etwas anfangen“, sagt Goerres. Zudem wurde die Ausstellung nach dem Erscheinen des viel diskutierten Berichts des Historikers Vincent Artuso um eine weitere Schautafel ergänzt. In dem Bericht La question juive au Luxembourg 1933-1945 zog Artuso im Februar 2015 den Schluss, dass die damalige Ersatzregierung, die Luxemburger Verwaltungskommission, eine Mitschuld an der Deportation luxemburgischer Jüdinnen und Juden trifft.

Der Clou der mobilen Ausstellung: Sie ist so flexibel, dass sie ohne große Mühen und viel Aufhebens in einem etwas größeren Auto transportiert und aufgestellt werden kann. Interessierte Schulen und andere Institutionen können die Ausstellung, die vornehmlich aus Vereinsgeldern, also privat, finanziert wurde und nun im dritten Jahr läuft, anfordern. Der Europäische Gerichtshof und mehr als 30 Schulen haben das bereits getan. So wie bis zum 8. Mai das Lycée technique du Centre.

Das Konzept hat sich demnach bewährt und soll nun erweitert werden: Zum einen will der Verein, der aus etwa 200 Mitgliedern und vor allem einem Kern von rund 13 Aktiven besteht, die Feedbacks, die über die Jahre von Schülern und Lehrern eintrafen, auswerten und in eine Überarbeitung der Ausstellung einfließen lassen.

Systematisch wurde zwar keine Kritik abgefragt, dafür ist keine Zeit, denn die pädagogische Begleitung und die Verwaltung geschehen ehrenamtlich. Die Ausstellung ist allgemeiner gehalten: Sie informiert ausführlich über das Schicksal der Luxemburger Juden, ihre Zuwanderung, die ersten antisemitischen Ausfälle, die zunehmende Isolierung, die Enteignung und Deportationen mit dem Ziel der Vernichtung in Nazi-Konzentrationslagern. Sie thematisiert Wurzeln des frühen Antisemitismus und Antijudaismus. Auf zeitgeschichtliche Debatten, wie sie in den vergangenen Jahren etwa im Tageblatt rund um die Antisemitismus-Klage gegen eine hochrangige Richterin stattfand oder, ganz rezent, die Vorwürfe eines ADR-Abgeordneten gegen das Comité pour une paix juste au Proche-Orient geht sie indes nicht ein. Nicht aus Angst vor Kontroversen, wie Goerres sagt, sondern um „Polarisierungen, die nichts bringen“, zu vermeiden. In den Diskussionen mit den Jugendlichen werde aber sehr wohl auf Aktuelles eingegangen.

Wer sich ein wenig in den sozialen Netzwerken, vor allem auf Facebook umschaut, weiß: Vermint ist das Terrain auch hierzulande. Es gibt auch in Luxemburg Menschen, die den bis heute andauernden Antisemitismus nicht erkennen wollen oder geradezu leugnen, zu beobachten beispielsweise beim Streit um den makabren Viandener Reim „Jud’ im Stroh“, der bis 2014 noch unbekümmert auf der Miertchen gesungen wurden, bis er auf Initiative der damaligen DP-Abgeordneten und heutigen Familienministerin Corinne Cahen aus dem Volksfest-Liederkatalog gestrichen wurde.

Bisher können interessierte Schüler oder Lehrer vom Memoshoah-Team angelernt werden. Sie erhalten eine gründliche Einführung, um selbst Schüler durch die Schautafeln führen und den Inhalt im Unterricht entsprechend aufbereiten zu können. Oftmals ergeben sich spannende Gespräche zwischen den Verantwortlichen von Memoshoah und den Jungen und Mädchen aus den Klassen. „Deshalb bin ich nach wie vor aktiv. Von den Begegnungen nehme ich auch etwas mit”, betont Jim Goerres, der seine Hoffnung in die für demnächst geplante Gründung einer Stiftung Shoah setzt. „Dann können wir vielleicht einen Historiker beschäftigen, der uns hilft, das Konzept zu überarbeiten.“ Möglicherweise dann mit einem Kapitel zu den Luxemburger Debatten?

Memoshoah ist zudem an einem Filmprojekt beteiligt: Das Videokünstlerduo Karolina Markiewicz und Pascal Piron dreht mit Les témoins vivants eine Dokumentararbeit über den Holocaust und Antisemitismus, von Luxemburg nach Polen und zurück. Beraten werden sie von der Soziologin Renée Wagener und dem Historiker Denis Scuto.

Weil die mobile Form so gut ankommt, bestehen zudem Überlegungen, Inhalte der Dauerausstellung des Resistenzmuseums so aufzubereiten, dass sie auf vier Rädern durchs Land verschickt werden können. „Die Planungen laufen“, bestätigt Museumsleiter Frank Schroeder dem Land. Da es nicht nur reine Schautafeln sein sollen, wird überlegt, interaktive Werkstätten zu entwickeln, in denen Schülern die Geschichte näher gebracht werden soll. Erarbeitet werden die Inhalte gemeinsam mit den Frënn vum Resistenzmusée. Bis das neue Konzept spruchreif ist, wird es aber noch eine Zeit dauern. Denn parallel laufen die Arbeiten zur Renovierung des Museums an der Place de la Résistance in Esch-sur-Alzette; die Bauarbeiten sollen im September beginnen. Interessierte müssen auf das Museum dennoch nicht verzichten: Auszüge der drei Dauerausstellungen können weiterhin im Untergeschoss des Escher Friedensgericht besucht werden. Dessen Räume sind zwar deutlich kleiner, haben aber den Vorteil, dass das Ersatzmuseum 40 Meter ums Eck des eigentlichen Sitzes ist.

Ines Kurschat
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