Trier etabliert sich als Ausstellungsort

Karl Marx in der Basilika

d'Lëtzebuerger Land du 18.05.2018

Dank Heintz van Landewycks nennt sich Trier ein Zentrum der deutschen Zigarettenindustrie. Die Stadt liegt eben wirtschaftlich ungünstig, abseits der großen Verkehrswege, am äußersten Westrand Deutschlands. Deshalb versucht sie, vom Fremdenverkehr zu leben.

Weil die Porta Nigra und andere Römerbauten mit der Zeit nicht jünger werden, kam irgendein Kommunalbeamter oder Unternehmensberater auf die Idee, Trier als „Ausstellungsort zu etablieren“, so Staatssekretär Salvatore Barbaro (Opus, Mai 2018, S. 134), mit klotzigen „biographischen Landesausstellungen“ über publikumswirksame historische Persönlichkeiten. Den Anfang machte vorsichtig Kaiser Konstantin im Jahr 2007. Ihm folgte, schon kühner, 2016 Kaiser Nero. Da lag es auf der Hand, dass nach Nero Hitler kommen musste. Der Stadtverwaltung schien dann doch der Mut gefehlt zu haben, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

So entschied man sich für Karl Marx. Der kam vor 200 Jahren in Trier zur Welt und zieht deshalb täglich Busse voll chinesischer Touristen an. Die Entscheidung fiel aber schwer. Denn der Trierer Bürger empfand es bis vor wenigen Jahren als eine weit größere Schande, dass Marx in seiner Stadt geboren wurde, als dass Hitler bis 2010 ihr Ehrenbürger blieb. In seinem riesigen Briefwechsel erwähnte Marx seine Heimatstadt ein paar Mal, aber er äußer­te sich weder belobigend, noch geringschätzig über Trier, die Stadt war ihm schlichtweg egal.

Anfang des Jahres wehrte sich der Präsident der Universität noch einmal aufgeregt gegen den Vorschlag, die Uni „Karl-Marx-Universität“ zu nennen. An Marx’ Wohnhaus, heute ein Ein-Euro-Shop in der Simeonstraße, wurde erst vor kurzem eine Erinnerungstafel angebracht. Erst diesen Monat weihte Trier laut stöhnend das erste Marx-Denkmal ein, nicht freiwillig, sondern aus Sorge um die Busse voll chinesischer Touristen. Mit feinem chinesischen Humor haben die Volksrepublik China und der Bildhauer Wu Weishan die Stadt gezwungen, eine überlebensgroße Statue von Liu Chunhuas Vorsitzender Mao unterwegs nach Anyuan mit einem Marx-Kopf aufzustellen.

Aber der Trierer Bürger ist anpassungsfähig. Mit dem gleichen Streberfleiß, mit dem er nur zweieinhalb Monate nach der Reichtagswahl 1933 Hitler zum Ehrenbürger ernannte, begräbt er nun Karl Marx unter gleich vier Ausstellungen. Quer über die Fußgängerzone hängt ein Spruchband „Wir sind Marx“, Bäcker verkaufen Karl-Marx-Brot und die Souvenirläden und Museums-Shops bieten kiloweise Marx-Kitsch an. Aus Luxemburg gehörte zuerst Großregionsministerin Corinne Cahen (DP) und dann Kulturstaatssekretär Guy Arendt (DP) dem Beirat der Ausstellungen an, die Postverwaltung verbreitet Ende Juli eine hierzulande nur diskret zirkulierende Marx-Briefmarke.

Vom Dompropst über die Ministerpräsidentin und den Bürgermeister bis zum Vorsitzenden der Friedrich-Ebert-Stiftung ist man sich plötzlich einig, dass Marx noch immer wichtig ist. Schließlich müssen sie die fünf Millionen Euro für die angeblich größte Marx-Ausstellung aller Zeiten rechtfertigen. Schätzungsweise 3 000 Mal nannten sie in den vergangenen Tagen den noch immer nach Schwefel riechenden Marx „umstritten“, aus Angst vor der Rache Gottes und all der Wähler und Pfarrkinder, die der Roten Armee nie verziehen, Auschwitz befreit zu haben.

Weil die Wirklichkeit stets die Satire übertrifft, fand der entsprechende Festakt für Karl Marx in der Konstantin-Basilika statt. Das ist die Rache dafür, dass der 26-jährige Marx 1884 in den Deutsch-französischen Jahrbüchern (S. 71) schrieb, „das religiöse Elend“ sei „in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend“, womit auch alles zu Burka-Gesetz und Entradikalisierung gesagt wäre.

Als Festredner sprach in der Basilika der Herzjesu-Marxist, angeblich „letzte Kommunist“ und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der schon im Mai 2009 in der Hollericher Gaststätte Marx eine Wahlkampfveranstaltung der CSJ unter dem Titel „Juncker meets Marx“ animiert hatte. Nun stand er vor dem Altar, erzählte von seinem schmerzhaften Ischias und erntete dafür allgemeines Gelächter von den Christenmenschen im Kirchenschiff. Zu Karl Marx fiel ihm dagegen beim besten Willen nichts ein, außer dass er den Trierer Sozialtheologen Oswald von Nell-­Breuning vorziehe und man Marx nicht die Schuld am Stalinismus geben solle.

Für die „kommunistische Unterdrückung im Osten“ mochten plötzlich auch die sozialdemokratischen Redner Marx nicht mehr verantwortlich machen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, dass ihre Marx-Ausstellungen gegen den antikommunistischen Grundkonsens der BRD verstoßen. Zu Beginn der Eröffnungsfeier in der Basilika hatte noch ein antikommunistischer Gast zu toben begonnen, war aber dann von einem halben Dutzend Rausschmeißer nicht niedergeprügelt, sondern verständnisvoll hinausbegleitet worden.

In Wirklichkeit machten die „demokratischen Sozialisten“ Marx stets für den Sozialismusversuch im Osten verantwortlich, um ihre Abkehr von ihm zu rechtfertigen und nach den Krediten für den Ersten Weltkrieg diejenigen für den Jugoslawienkrieg und Hartz IV für den globalen Wirtschaftskrieg stimmen zu können. Aus diesem Grund bleibt die Kalte-Kriegs-Propaganda in keiner Ausstellung präsenter als im Karl-Marx-Haus. Marx‘ Geburtshaus ist im Besitz der SPD, die nach dem Bankrott der DDR-Konkurrenz das Studienzentrum liquidierte, die Bibliothek abtransportierte und nun schon zum zweiten Mal die Dauerausstellung aufpeppte, um den unaufhaltsamen Aufstieg des Proletariats von Karl Marx zu Willy Brandt zu verherrlichen (d’Land, 25.3.2010). Kulturlos, wie die Sozialdemokratie ist, herrscht die ständige Angst vor, die Besucher intellektuell zu überfordern. Auf die frisch geweißten Wände sind saubere Graffiti gemalt, der Arbeitssessel, in dem Marx starb, ist Teil einer interaktiven Toninstallation.

Die letzte halbwegs autonome Direktorin des Karl-Marx-Hauses, die Marx-Forscherin Beatrix ­Bouvier, ist wissenschaftliche Leiterin der zwei Ausstellungen über Leben und Werk von Karl Marx. Auf die Frage während der Pressevorstellung, was sie bei der Konzeption der Ausstellungen Neues über Marx erfahren habe, meinte sie ehrlich: „eigentlich nichts“. Die Ausstellungen im Rheinischen Landesmuseum und im Stadtmuseum Simeonstift stellen Marx ganz im Sinn der rezenten Biografien von Jonathan Sperber oder Gareth Stedman Jones als „a ninenteenth-century life“ dar. Das entspricht Marx’ Methode, Menschen und Dinge in ihren historischen Kontext zu stellen, und musealisiert ihn gleichzeitig als ein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte.

Die Stärke der unnötigerweise auf zwei Museen verteilten zentralen Ausstellung ist es zweifellos, einem nur oberflächlich mit Marx vertrauten Publikum ohne den marxistisch-leninistischen oder antikommunistischen Holzhammer die Etappen seines Lebens vorzuführen. Die Entwicklung seines Denkens kommt allerdings zu kurz. Im Simoenstift werden die „Stationen seines Lebens“ als Aufenthaltsorte der Flüchtlingsfamilie Marx gezeigt, von Trier über Bonn, Köln und Berlin bis Paris, Brüssel und dann London. Wobei mehr Gewicht auf die vor allem mit Gemälden illustrierte Atmosphäre und soziale Realität dieser Städte gelegt wird als auf das dortige Leben der Familie Marx.

Auch im Landesmuseum hängen viele der aus unzähligen Büchern bekannten Porträts, Industriegemälde, Arbeitsszenen und Karikaturen aus England, Frankreich, Deutschland, Belgien, Ita­lien und Spanien des 19. Jahrhunderts beisammen. Im Original sind auch das Autorenexemplar des ersten Bands des Kapital und das einzige erhaltene Manuskriptblatt des Manifest der Kommunistischen Partei aus dem Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis in Amsterdam ausgestellt, beide von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Unter den 247 ausgestellten Ausgaben des Manifest ist die „zum 100. Todestag von Karl Marx nahe seines Geburtsorts“ erschienene luxemburgische Übersetzung besonders hervorgehoben.

Auffallend selten sind dagegen die Porträts von Karl Marx selbst, denen das Stadtmuseum Simeon­stift 2013 die Ausstellung Ikone Marx gewidmet hatte. Eine Ausnahme bildet die 2016 entdeckte und nun erstmals ausgestellte, winzige Zeichnung von Heinrich Rosbach des etwa 18-jährigen Studenten Marx (d’Land, 6.10.2017). Auch den immer wieder romantisierten oder skandalisierten Familienverhältnissen wird nicht allzu viel Bedeutung beigemessen. Ganz im Sinn des Meisters, denn eine Anfrage von Meyers Konversations­lexikon nach einer Biografie hatte Marx „nicht nur nicht geliefert, sondern auf den Brief nicht einmal geantwortet“, wie er am 26. Oktober 1868 an ­Ludwig Kugelmann schrieb.

Die Ausstellung endet mit mehreren halbleeren Sälen über Marx Opus magnum, Das Kapital, dem das Hamburger Museum der Arbeit eine eigene Ausstellung gewidmet hatte. Eine „Marx-Maschine“, in die über Fließbänder die Worte „Kapital“ und „Arbeitskraft“ zirkulieren, bringt keinen größeren Erkenntnisgewinn als die Feststellung, dass die Bergleute und Hüttenarbeiter früher ein schweres Los trugen und die Reichen ein gemütlicheres Leben führten.

Mit dem Bonmot, dass Marx kein Marxist sein wollte, umgehen die Ausstellungen die Frage nach seinen geistigen Erben in aller Welt, die seine Methode, die herrschenden Verhältnisse zu verstehen, bis heute weiterzuentwickeln und auf die sich verändernden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bedingungen anzuwenden versuchen. Jene Bedingungen, die rund 50 Kunstwerke in der vom Trierer Bistum organisierten Ausstellung Lebens-Wert Arbeit im Museum am Dom illustrieren, darunter selbstverständlich eine Installation zu Ehren von Oswald von Nell-Breuning.

Karl Marx 1818-1883. Leben, Werk, Zeit, Rheinisches Landesmuseum; Stationen eines Lebens, Stadtmuseum Simeonstift; Von Trier in die Welt, Karl-Marx-Haus; Lebens-Wert Arbeit, Museum am Dom. Bis zum 21. Oktober 2018, von 10 bis 18 Uhr, montags geschlossen, Eintritt 20 Euro, Katalog 384 S., 29,95/39,95 Euro.

Romain Hilgert
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