Das blödeste Event des Jahres

Eurovisionär

d'Lëtzebuerger Land du 22.05.2015

Es ist wieder soweit, das pompöseste, bombastischste, überflüssigste, blödeste Event des Jahres findet statt. Es ist hölzern, es ist aus Plastik und Silikon, es kommt anstolziert und angestampft. Es wuchtet sich auf Sockeln und Kothurnen, es schwebt, es klebt sirupös in unsern Ohrmuscheln, es ist extrem unverdaulich. Wer hat das nur alles zusammengemischt? Gut, dass es keine Todesstrafe in Europa gibt. Es ist so sinnlos grotesk. Man kann es nur lieben.

Einmal im Jahr treffen sich arme Auserwählte, um der gespannten Europa-Öffentlichkeit die allererschröcklichsten Songs darzubieten, die nach nervenraubenden Ausleseverfahren und drakonischen Urteilssprüchen von Expertinnen und Jurys zusammengestellt wurden. Oft stürmen sie die Bühne in Truppen, die sich alsbald seltsam verrenken oder Zirkuskunststücke darbieten, die schon vor 100 Jahren out waren. Zur Strafverschärfung werden Sketches aufgeführt, à la Scouts-Theater, nur möchtegern-glamouröser. Manchmal sind sie leicht zu verstehen, jemand schmachtet jemand an. Schlimmstenfalls hat das Ganze einen Sinn, beziehungsweise, huch!, eine Botschaft. Dann will die Darbietung uns aufrütteln, uns etwas bewusst machen, zum Beispiel dass wir alle Menschen sind.

Einmal im Jahr findet der europäische Erd-Ball statt, der mittlerweise bis nach Australien reicht, man will ja niemanden diskriminieren. Nur Luxemburg ziert sich mal wieder. Wirklich schade, dass es sich nicht bewirbt und nicht mit sich wirbt.

Möglicherweise zuckt die geneigte, eventuelle Leserschaft dieser Spalte dezent angeödet die Achseln, ist längst schon naserümpfend ausgestiegen. Diese Lieblingskatastrophe berührt ihren Aufmerksamkeitsradius nicht mal peripher. Dabei bietet der europäische Moritaten-Stadl ein weites Forschungsfeld für alle Bildungswilligen. Ein historisches und ein soziologisches. Es wird paktiert und taktiert, das Gute siegt, das Grauenvolle muss auch eine Chance bekommen, alle sind für den Frieden. Russland wählt auch Wurst, ist das nicht ein zivilisatorischer Fortschritt, und wer darf eine so eurozentristische Frage stellen?

So viel Zeit ist vergangen seit Merci Chérie. Als die Mauer in unseren Köpfen fiel und der Osten plötzlich zum Westen wurde, rückten die Ostfrauen an. Sie bombardierten die wehrlosen Westler mit Brüsten und anderen hochgerüsteten Körperteilen. Das Familienfest bekam einen rabiaten Porno-Touch, die Feministinnen auf der Couch ächzten. Dann schoben sich diese Ostler auch noch mafiös gegenseitig die Punkte zu, so dass der gute Westen katzenjammerte wie in einer Lehrerkonferenz. Der gute Westen schickte zur Revanche Heerscharen zarter Jünglinge in den Kampf, wurde immer schwuler oder tat so. Keine Chance mehr für eine irdisch göttliche Weißrussin mit einer zünftigen weißrussischen Hymne, ein Jahr später tanzten schon weißrussische Knaben an. Und jetzt, alles ist so schön miteinander und durcheinander, wird es immer mehr alles. Wir werden immer mehr alles. Ritter, Dominas, Jünglinge, Greisinnen, Menschen mit den diversesten Behinderungen und diversesten Geschlechts. Weißrussen, Zottelmonster. Alle agieren demokratisch in unserer freien Wurst-Wertewelt nebeneinander, gegeneinander. Niemand ist ausgegrenzt, Europa bekränzt sich selber unbegrenzt.

Falls er oder sie oder es genug Punkte ergattert natürlich. Es gibt Punkte, nicht wie in heuchlerischen Schulmodellen, überall punkten Punkte, die Menschen lechzen nach Punktvergaben. The winner is ..., die Loser schleichen vom Feld, winken matt mit matten Fähnchen, versinken in der Geschichte.

Und die Sieger? Ebenfalls. Einnachtssiege, Einnachtsfliegen, meistens. Anders als in der Frühzeit des Contests, wo noch echtes Liedgut siegte, das man sich sogar freiwillig anhörte, gewinnen jetzt meistens Statements, Images, Logos. Es kommt zu Verkündungen, messianischen Botschaften. Europa zeigt, wie anders es ist, wie sehr es das Andere integriert, es wirbt mit seinem Wertemodell, das alles verwerten kann. Einfach gute, coole Songs haben es schwer, wie hätte sich das Holländerduo letztes Jahr gegen die Erscheinung einer Wurst durchsetzen können?

Die Wurst wird uns segnen. Und was oder wer uns alles begegnen?

Michèle Thoma
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