Digital4education

„Schulen brauchen Freiraum“

d'Lëtzebuerger Land du 15.03.2019

Digitalisierung ist in aller Munde. Was macht der Bildungsminister Claude Meisch, um Schulen und Lehrer auf das digitale Zeitalter einzustellen?

D’Land: Herr Minister, Sie haben 2015 das Aktionspaket Digital4education angekündigt. 2017, das ist mehr als 40 Jahre nach dem Start des ersten Internets. Warum dauert es so lange, bis Veränderungen in der Schule ankommen?

Claude Meisch: Die Schule hat oft eine gesunde Skepsis und läuft nicht jedem Trend nach. Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Digitalisierung die Gesellschaft und unsere Gewohnheiten revolutioniert. Sie bietet auch der Schule Chancen. Was den Unterricht betrifft, aber auch was die Kommunikation zwischen Lehrern und Eltern, Schülern und Lehrern angeht. Wir müssen diese Entwicklung aber so begleiten, dass sie niemanden überfordert.

Die Regierung will allen Sekundarschülern ein Tablet an die Hand zu geben. Das Tablet sei aber kein Selbstzweck, betonen Sie. Was ist es dann?

Das I-Pad ist ein Instrument und seine Nutzung macht pädagogisch Sinn, wenn es für das Lernen etwas bringt. Wenn ich im Geschichtsunterricht neben dem Text ein Originaltondokument abrufen kann, dann schafft das Mehrwert. Ebenso, wenn ein Lehrer digital nachvollziehen kann, ob ein Schüler Fortschritte macht, oder wenn ihm digitale Anwendungen helfen, zu differenzieren und individuell auf den Lernprozess eines Schülers einzugehen. Oder wenn sich über Cloud-Systeme die Kommunikation und der Austausch zwischen Schülern und Lehrern vereinfacht.

Wenn es um digitale Kompetenzen geht, geht es meist um die Schüler. Aber wie steht es eigentlich um die Lehrer?

Das Gros der Lehrer hat einen selbstverständlichen Umgang mit Medien, weil sie sie beruflich in der Schule, aber auch privat nutzen. Und weil die meisten Medien inzwischen so nutzerfreundlich sind, dass man nicht Informatik studiert haben muss, um sie zu verstehen. Medien pädagogisch sinnvoll zu nutzen, ist aber nicht so einfach. Da werden sicher noch Weiterbildungen und Erfahrungswerte benötigt. Für den Lehrer bedeutet der Umgang mit Medien im Unterricht auch, dass sich seine Rolle ändert: Es geht nicht so sehr um Wissensvermittlung, sondern um die Analyse, Anwendung und Vernetzung von Informationen.

Immer mehr Schulen starten eigene IT-Projekte von unterschiedlicher Qualität. Wäre ein Rahmenplan Medienkompetenz, der Leitlinien vorgibt, sinnvoll?

Wir sind gerade dabei, einen solchen Rahmenplan zu formulieren. Er soll als Handlungsanleitung dienen. Ansonsten wollen wir den Schulen aber Freiraum lassen, denn an den Schulen geschieht sehr viel. Vor zwei Jahren haben wir das Label Future Hub eingeführt, um innovative Sekundarschulen im Bereich der ICT anzuerkennen.

Informatik wird bisher vorrangig in klassischen Lyzeen unterrichtet. Talent gibt es aber auch auf anderen Schulstufen.

Darum haben wir es zur Bedingung gemacht, dass die Future-Hub-Lyzeen Ausbildungen auf den unterschiedlichen Schulzweigen anbieten sollen. Es gibt eine IT-Ausbildung innerhalb des DAP und des Technikers. Bisher sind die drei Future-Hub-Schulen ein Pilotprojekt, aber wir möchten das Konzept auf andere Schulen ausdehnen.

Mit Luxembourg Tech School unterstützt das Ministerium ein weiteres IT-Projekt, allerdings außerhalb der regulären Schulzeit. Weil es nicht in den herkömmlichen Stundenplan passt?

Das Angebot der Luxembourg Tech School ist schulbegleitend und richtet sich an talentierte Jugendliche, die meist sehr gute Mathe- und Englischkenntnisse haben. In Ateliers und Arbeitsgruppen programmieren und entwickeln sie gemeinsame Projekte. Und was dabei herauskommt, lässt einen den Mund offen stehen. Mir auch.

Viele Computercracks eignen sich ihr Wissen selbst an. Ist die Schule mit ihren Fächern und Abschlüssen den Herausforderungen der Digitalisierung und neuen Arbeitsformen gewachsen?

Cracks, die in der Schule Probleme haben und trotzdem groß rauskommen, gab es schon immer, siehe Albert Einstein oder Bill Gates. Deshalb muss ich nicht gleich alle Schulen niederreißen. Schulen brauchen sicherlich mehr Freiraum. Schaue ich beispielsweise den Erfolg der Makerspaces an, die es in mehr als der Hälfte der Lyzeen gibt, dann ist das eine Form eines kreativen Freiraums, in dem sich Schüler ausprobieren und eigene Ideen entwickeln können. Früher haben Kinder in der Garage mit dem Vater oder Opa geschraubt.

Schön wäre, wenn sie das auch in von Frauen geführten Garagen könnten ...

Stimmt, es ist eine Herausforderung sicherzustellen, dass diese Bereiche nicht nur Jungen offen stehen und Mädchen außen vor bleiben. Studien belegen: Mädchen haben dieselben technischen Fähigkeiten; es ist ihr Umfeld, das ihnen einredet, sie könnten etwas nicht. Das müssen wir ändern.

Wie steht es mit den gesundheitlichen Risiken von Smartphone und Tablet?

Die Beratungsinitiative Bee Secure klärt über Risiken im Internet und in den sozialen Netzwerken auf, warnt vor Abzocke und Grooming, berät zu Filtern, damit Kinder nicht Inhalte sehen, die nicht für ihr Alter bestimmt sind. Eltern treibt heute die Frage um, wie viel Zeit vor dem Bildschirm gesund, sinnvoll und altersgerecht ist. Ein Kleinkind vor ein Tablet zu setzen, macht nicht viel Sinn. Sein Gehirn ist noch nicht so weit entwickelt. Videospiele können für Kinder und Jugendliche mit Lernprozessen verbunden sein, allerdings kann zu viel Zeit vor dem Bildschirm zur Spielsucht führen. Kinder müssen wissen, dass viele Spiele und Anwendungen so konzipiert wurden, dass wir möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. Das gilt auch für uns Erwachsene. Wir werden Eltern sensibilisieren und müssen Vorbild sein und selbst das Handy aus der Hand legen.

Was war die letzte App, die Sie auf Ihr Handy geladen haben?

Privat lade ich vor allem Musik aus dem Internet. Die letzte App, die ich auf mein Handy installiert habe, war RunKeeper ( eine kostenlose Jogging-App, die gelaufene Kilometer auswertet, die Redaktion).

Ines Kurschat
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