Esch wird in zwei Jahren Europäische Kulturhauptstadt sein. Vorfreude auf das kulturelle Ereignis sucht man jedoch nahezu vergebens

K(r)ampf um Esch 2022

d'Lëtzebuerger Land vom 10.01.2020

Public Relations Nancy Braun ist der derzeit um gute Presse bemüht. Die Leiterin vom Esch 2022 gibt lange Interviews im Tageblatt, Luxemburger Wort oder auch in der Revue. Sie erklärt das Konzept des Projekts der Europäischen Kulturhauptstadt Esch 2022, spricht von „Nachhaltigkeit“, „Partizipation“ und „Barrierefreiheit“ und arbeitet den Kanon positiv geladener Schlagwörter ab, ohne jedoch allzu konkrete Details zu nennen. Doch vor allem vermittelt sie eine Botschaft: „Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.“

Tatsächlich wird die Zeit für das Projekt der Kulturhauptstadt langsam knapp. Für Außenstehende mag es bis 2022 noch ein langer Tag sein – aber für die Organisatoren eines solchen Großprojekts mit 19 beteiligten Gemeinden aus zwei Ländern, rund 500 Projekten und einem Budget von fast 60 Millionen Euro sind zwei Jahre eine denkbar kurze Zeitspanne. Und so wirkt der Kulturbereich äußerst angespannt in Bezug auf Esch 2022. Das Land hat mit einem Dutzend Vertreter aus Politik und Kultur geredet, die direkt am Projekt Esch 2022 beteiligt sind. Bis auf Politiker wie Vera Spautz (LSAP), Georges Mischo (CSV) oder auch die neue ProSud-Präsidentin Anouk Boever-Thill (CSV) wollen alle anonym bleiben. Manche Beteiligte atmen tief auf, wenn sie darauf angesprochen werden, andere verdrehen nur die Augen und noch andere wünschen sich insgeheim, dass bereits das Jahr 2023 sei und das Projekt hinter ihnen liegen würde. Optimisten finden sich nur wenige.

Drama in drei Akten Auf dem Projekt Esch 2022 lastet von Beginn an eine schwere Hypothek. Darauf können sich alle einigen. Wer daran Schuld trägt? In dieser Frage gibt es keinen Konsens. Wenn es nach Vera Spautz geht, der früheren Bürgermeisterin von Esch, war sie am Anfang die einzige, die Interesse am Projekt zeigte. Die Begeisterung hielt sich in Grenzen, als es hieß, dass Luxemburg nach 1995 und 2007 turnusmäßig zum dritten Mal die Möglichkeit hat, ein Europäisches Kulturjahr zu organisieren. Eigentlich wollte niemand ein weiteres Kulturjahr, heißt es auch aus dem Kulturministerium. Die Rede geht von einer Kulturhauptstadt-Müdigkeit. Laut Spautz habe der damalige Kulturminister Xavier Bettel (DP) sie gar von einer Kandidatur abhalten wollen: „Xavier Bettel wollte das Projekt nicht.“

Doch Spautz ließ sich nicht beirren – und scheiterte. Ihre Kandidatur, die von der Kulturabteilung der Stadt Esch unter dem Thema Liebe eingereicht wurde, fiel bei der Europäischen Jury in Brüssel durch. Die Stadt Esch entschied sich für einen Strategiewechsel mit der ehemaligen Feuilletonjournalistin Janina Strötgen und dem Dramaturg Andreas Wagner an der Spitze. Beide konnten mit ihrem Bidbook und dem Thema Remix die Jury in Brüssel zwar überzeugen, scheiterten jedoch in Luxemburg. Neue politische Kräfteverhältnisse nach den Lokalwahlen 2017 in Esch und den Partnerstädten, Unstimmigkeiten im Bidbook sowie nicht zuletzt ein erwecktes Interesse bei konkurrierenden Kulturakteuren sorgten dafür, dass auch Strötgen und Wagner weichen mussten. Die Posse um ihren Abgang hallt mitsamt juristischem Nachspiel bis in die Gegenwart nach und hat das Projekt schwer befleckt.

Im Sommer 2018 wechselte schließlich zum dritten Mal die Leitung von Esch 2022 – es übernahmen zwei alte Bekannte der Luxemburger Kulturszene: Nancy Braun und Christian Mosar. Braun war bereits im Organisationsteam für das Kulturjahr 2007, beide können auch sonst viel Erfahrung bei der Umsetzung von kulturellen Projekten vorweisen – eines fehlt ihnen hingegen: der Stallgeruch des Minettes.

Politisches Manöver Spautz bezeichnet es als den Zeitpunkt, an dem die kulturellen Eliten der Stadt Luxemburg das Projekt „kaperten“. Denn auch im Comité de lecture sowie im Verwaltungsrat von Esch 2022 befinden sich seither etwa mit Robert Garcia oder Jean-Marie Haensel übliche Verdächtige des sozio-kulturellen Lebens der Hauptstadt. Spautz nennt es ein „politisches Manöver“, um die Stadt Esch mit ihren ursprünglichen Plänen auszubooten. Auch andere Akteure sprechen vom Klüngel der „Stater Parvenüs“, die wenig Verständnis für die Identitäten und Besonderheiten des Südens mit sich bringen. Tatsächlich haben Braun und Mosar 90 Prozent des Bidbooks verworfen, was sie im Juni 2019 offiziell der Europäischen Kommission mitteilten. Sie hielten zwar am Konzept Remix fest, starteten das Projekt ansonsten noch einmal von Grund auf neu mitsamt partizipativem Prozess. Zudem sollte die Finanzierung der Projekte nur noch zu 50 Prozent von Esch 2022 getragen werden, für die restliche Finanzierung mussten die Kreativen einen Mäzen finden.

Die Deutung von Spautz eines Zentrum-Minette-Konflikts hat einen Reiz und lässt sich nicht vollends von der Hand weisen. Allerdings gib es jedoch faktische Gründe, die über die Deutung hinaus gehen. Laut Bürgermeister Georges Mischo lag der Neustart vielmehr an der Schwäche des Bidbooks. „Das Bidbook war auf Sand gebaut“, so Mischo. Projekte, wie etwa das Highlight einer Ausstellung von Ai Weiwei, ließen sich kaum realisieren, andere waren nicht stichhaltig durchdacht. Auch die Finanzierung von 50 Prozent sei auf Wunsch aller Partnergemeinden beschlossen worden und sei kein Oktroi von wirtschaftsliberalen Kreisen der Hauptstadt gewesen. Und nicht zuletzt habe die Stadt Esch zu Beginn zu sehr den Alleingang gewagt, ohne Rücksicht auf die Interessen der anderen Gemeinden sowie des Staates, der mit 40 Millionen Euro den weitaus größten finanziellen Beitrag leistet sowie zusätzlich rund 37 Millioen Euro in Infrastruktur in Belval investiert. Kurz: Es gab keinen anderen Weg als den Neustart.

Im Wartesaal Die Frist, um Projekte einzureichen, ist nun nach sechsmonatiger Verlängerung am 31. Dezember definitiv abgelaufen. Laut offiziellen Angaben von Esch 2022 sind rund 500 Projekte eingereicht worden – das letzte um 23.44 Uhr. Es liegt nun am sogenannten Comité de lecture, die Projekte zu begutachten und dem Verwaltungsrat vorzulegen. Das klingt nach viel Bürokratie und erklärt, warum das Organisationsteam bis dato noch nicht näher über die Projekte kommunizieren konnte. Und da die Zeit zunehmend drängt hat man auf die best practise von 2007 zurückgegriffen. Alle Projekte werden nach vier unterschiedlichen Kategorien bewertet: 1 (Zusage), 2 (prinzipielle Zusage nach Überarbeitung), 3 (Absage) und 4 (on hold). Wie es heißt, sind rund 200 Projekte ausgewertet worden; knapp zehn Prozent hätten grünes Licht erhalten, etwa 100 befinden sich in Kategorie 2, der Rest wurde abgelehnt oder ist im Wartezustand. Nancy Braun hat für den 20. Februar eine Pressekonferenz angekündigt, aber wie gut informierte Kreise mitteilen, wird die gesamte Prozedur sich noch mindestens bis März hinziehen. Gerade darin sehen viele beteiligte Künstler ein Problem: Manche Kunstprojekte sind so angelegt, dass sie spätestens jetzt mit den Vorbereitungen beginnen müssten, um rechtzeitig bis 2022 realisiert werden zu können. Einige Künstler überlegen sich gar, ob sie nicht von ihrem Projekte absehen sollten, um nicht die eigene finanzielle Existenz in Gefahr zu bringen. Es ist der sich hinziehende Prozess, bei dem die Künstler sich im Wartesaal befinden, der zu Frustrationen führt.

Für die Organisatoren hingegen stellt sich ebenfalls die Frage, ob sie noch in der Lage sind, sogenannte Highlights in dieser kurzen Zeit zu organisieren. Laut Beteiligten im Team von Esch 2022 sieht es eher nicht danach aus – eine Ausstellung wie All we need aus dem Jahr 2007 wird es nicht geben, ein Rolling Stones Konzert wie 1995 auch nicht. Es sei sowieso nicht realistisch anzunehmen, dass Touristen aus Dänemark oder Polen wegen dem Label Kulturhauptstadt nach Esch aufbrechen, dämpft ein Beteiligter die Erwartungshaltung auch was Touristenandrang anbelangt. Demnach wird es keine one shot Attraktionen geben, nur um kurzfristig die Masse zu begeistern. Laut Mischo wird die Eröffnungsfeier und die Abschlussfeier in Belval in Richtung Aarhus 2017 gehen, da sie vom gleichen Showproduktionsunternehmen Battle Royal aus Berlin organisiert wird.

Die Organisatoren sind nach dem breiten öffentlichen Projektaufruf nun vielmehr damit beschäftigt, den partizipativen Prozess wieder einzufangen und eine rote Linie in das Kulturjahr zu bekommen. Für einige war dieser offene Ansatz ein Fehler, da er auf Quantität und nicht auf Qualität setzt. Hochwertige Projekte würden durch die Vielzahl von kleinen Ideen ausgebremst mit dem Ergebnis einer mittelmäßigen Mischkultur. Allerdings heißt es aus dem Organisationsteam, dass genau dieser sozio-kulturelle Aspekt, bei dem sich alle beteiligen können bar jeder elitären Kunst im Elfenbeinturm, die Idee hinter dem Konzept von Esch 2022 sei. Es gehe nicht um die „Happy few“. Doch selbst die größten Kritiker dieses krampfhaften Projekts sind sich sicher: „Am Ende werden sich alle gegenseitig auf die Schulter klatschen und das Feuerwerk genießen.“

Pol Schock
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