In Düdelingen öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich. Für die LSAP, die dort traditionell mit absoluter Mehrheit regiert, könnte das am 8. Oktober zum Problem werden

„Wir sind extra“

Bewohnerin des Düdelinger Arbeiterviertels Italien
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 01.09.2017

„Nee, ich sag’ nichts“, wehrt der ältere Herr in beigen Hosen und mit grauem Schnauzer unwirsch die Frage nach seiner Meinung zu den Gemeindewahlen am 8. Oktober ab. „Fragen Sie drüben im Kiosk an der Ecke, da bekommen Sie Antworten.“ Er macht eine wegwerfende Handbewegung, als wollte er lästige Fliegen verscheuchen. Wir stehen in der Rue Tattenberg in Düdelingen, der viertgrößten Proporz-Gemeinde im Land.

Dann bricht es doch aus ihm heraus: „Politik, das ist lauter Geschwätz. Für uns tun die nichts. Ich bin 81 Jahre alt, ich werde dieses Jahr nicht wählen gehen!“, knurrt er und guckt grimmig drein. Was ihn an der gegenwärtigen Politik stört? „Es ist nicht alles falsch, aber es läuft nicht genug. Wo sollen die jungen Leute arbeiten, jetzt, wo es kaum noch Industrie gibt?“ Husky und ein Logistikzentrum im angrenzenden Bettemburg reichten nicht. Er habe noch im Düdelinger Stahlwerk geackert, „das war vor der Stilllegung des Steckel“ (1984), und sich zum Vorarbeiter hochgearbeitet. „Wenn du dich angestrengt hast, konntest du etwas werden. Und heute?“, fragt er und gibt selbst die Antwort. Heute gehe „alles den Bach herunter“, und „die Neger da oben lassen sogar die Mülltonnen draußen stehen“, obwohl das verboten sei. Er fuchtelt mit dem Gehstock die Straße aufwärts. Der plötzliche Wutausbruch ist nach etwa fünf Minuten wieder verraucht.

Vom Powerhaus zur Schlafgemeinde

Bergaufwärts, Richtung Brücke, geht es ins Quartier Italien. Im schummrigen Café Inès unweit vom Aufgang zum Bahnhof Usines hängen Bilder an den Wänden, die an vergangene Zeiten erinnern. Die Besitzerin bringt zwei Espresso, deren Schwarz so dunkel ist wie die Schlacke, die man auf alten Fotos sehen kann, als Düdelingen sich stolz als „Forge du Sud“ präsentierte.

Inès lebt seit über 20 Jahren in Düdelingen, und von Anfang an in „Italien“, hat aber zur Lokalpolitik trotzdem keine Meinung. Sie zuckt hinterm Tresen unentschlossen mit den Schultern: „Es ist eigentlich alles okay. Mehr Gäste wäre schön, aber es ist nicht die Zeit.“ Früher reihte sich in dieser Straße ein quirliges Café ans nächste. „In Italien gab es alles: Tanzclubs, Bars und Puffs“, sagt Robert Felix. Der gebürtige Luxemburger ist Präsident des Stadtteilvereins Schmelz-Echo. „Ich habe früher in Esch gewohnt, aber als Jugendliche fuhren wir nach Düdelingen. Da war immer etwas los“, erinnert er sich. Heute gibt es in Italien noch drei Cafés, eines hat kürzlich den Besitzer gewechselt, doch die neue Inhaberin schüttelt die dunklen Locken: Sie spricht nicht ausreichend Französisch, um sich über Politik zu unterhalten. Die Genehmigung, um das Café zu betreiben, habe sie jedoch ohne Probleme erhalten. Das sei in Brasilien, woher sie stamme, anders.

Waren es früher die italienischen Stahlarbeiter, die dem Viertel den Namen gaben, leben dort heute hauptsächlich Portugiesen und Kap-Verdianer, aber auch Brasilianer, Chinesen, Jugoslawen und mehr. Insgesamt 90 Nationalitäten, mitunter auf engem Raum, der Ausländeranteil beträgt in Düdelingen 41 Prozent. „Die meisten interessieren sich nicht für Politik. Sie haben genug damit zu tun, ihr Leben zu organisieren“, sagt Figueiredo dos Santos Alvaro. Der Portugiese mit den grau melierten Haaren ist diesen Nachmittag zuhause anzutreffen. Ein Unfall, sagt er und zeigt auf sein kaputtes rechtes Bein. Wir treffen uns in einem Kellerraum in der Grundschule gegenüber, den er benutzen darf: Alvaro ist Präsident des Komitees „Les bons voisins“ und Ansprechpartner für die Bewohner Italiens und für die Gemeinde, er sammelt Wünsche und Beschwerden, vermittelt auch mal bei Streit. Mietwucher und illegales Wohnen seien ein großes Problem. „Die Gemeindeverwaltung sagt, wir sollen das melden, aber das ist nicht unsere Aufgabe“, ärgert er sich.

Die Komitees in den Vierteln gibt es seit fast zehn Jahren. Ins Leben gerufen wurden sie 2008 im Rahmen des Projet ensemble. Ziel der von der Gemeinde finanzierten Initiative war es, insbesondere die ausländische Bevölkerung stärker in Politik und Gesellschaft einzubinden. Denn obwohl die Arbeiterviertel Italien, Brill und Op der Schmelz aus der Geschichte Düdelingens nicht wegzudenken sind und sich Politiker heute gerne damit brüsten, wenn Vorfahren aus den Vierteln stammten, ist das Verhältnis der Bewohner zur Gemeindeführung nicht ohne Konflikte.

90 Nationalitäten, wie beteiligen?

„Wir gehören nicht zu Düdelingen. Wir sind extra“, drückt es Robert Felix aus und es schwingt aufmüpfiger Stolz mit. Beim ersten Komiteetreffen kamen eine Hand voll Interessierte, dann wurden es immer mehr. 2011, vor den Gemeindewahlen, kam richtig Schwung in die Komitees: Mit Unterstützung der Mitarbeiterin von Interactions, die über das Wahlsystem informierte, schrieben sich immer mehr Bewohner in die Wählerlisten ein. Inzwischen ist der Trend ins Stocken geraten. Das Projekt Ensemble gibt es weiterhin, es wird nach wie vor von einer Mitarbeiterin von Interactions im Auftrag der Gemeinde koordiniert, aber die Luft scheint raus.

„Feste organisieren geht immer, da ist die Gemeinde direkt dabei. Aber bei den echten Problemen, da duckt sie sich weg“, schnauft Robert Felix verärgert. Gefragt, wo ihm und den Menschen im Viertel der Schuh drückt, fallen ihm die „über hundert Hühner“ ein, die hinter der Straße in Verschlägen gehalten werden. Mehrere eingeschriebene Briefe habe er an die Gemeinde geschickt. Bis heute ohne Antwort. Dabei wohnt der Bürgermeister nur einige Häuser weiter. Die Straße ist, abgesehen von Bauarbeiten, gepflegt und trotz zentraler Lage idyllisch ruhig.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, rechtfertigt sich Bürgermeister Dan Biancalana. „Doch, wir haben die Hühner kontrolliert. Einiges war nicht in Ordnung, aber jetzt ist alles OK.“ Offenbar ist die Entwarnung im Viertel nicht angekommen. Ohnehin dürften inkorrekte Papiere weniger ihre Sorge gewesen sein, es sind der Lärm und der Gestank, über den sich die Anwohner aufregen. In vielen Gärten von Op der Schmelz, Brill und Italien finden sich Tierverschläge oder Gemüsebeete: In der Nachkriegszeit erweiterten ärmere Familien so ihren Speiseplan, die Tradition hat sich erhalten.

Eingekesselt und abgehängt

Doch es geht bei den diesjährigen Gemeindewahlen nicht (nur) um gackernde Hühner, um fehlende Parkplätze oder stinkende Mülltonnen. Ein Problem, das Düdelinger über Parteigrenzen hinweg verbindet, ist der Verkehr. Eingeklemmt zwischen Süd-Collectrice, Bettemburger Kreuz und A31 Richtung Frankreich, stößt den Bewohnern die Transportpolitik seit Jahren quer auf. Seitdem die CFL die Direktverbindungen zwischen Wolmeringen, Düdelingen und Luxemburg-Stadt von sechs auf zwei Züge täglich reduziert hat, verbringen sie noch mehr Zeit im Auto, respektive im Stau. Denn auch die Ersatzbusse kommen nicht an den Blechlawinen vorbei, die sich tagein, tagaus vom Süden Richtung Hauptstadt wälzen. Entsprechend gereizt ist die Stimmung, sobald es aufs Verkehrsproblem zu sprechen kommt: „Meine Frau nimmt jeden Morgen früh den Bus – und kommt trotzdem nicht pünktlich zur Arbeit“, sagt ein Portugiese, der sich an der Bar des chinesischen Restaurants einen Frühschoppen genehmigt, sichtlich aufgebracht. „Auch das Umsteigen am Bahnhof Bettemburg ist unmöglich und kostet unnötig Zeit.“

Gemeinsam mit den Nachbargemeinden Kayl und Rümelingen (der schwarz-blau-grüne Schöffenrat in Bettemburg wollte sich nicht anschließen) hat der Schöffenrat eine Petition gestartet, in der er den Erhalt der Direktverbindungen fordert; über 1 000 haben bereits unterschrieben. Allerdings kritisieren déi Lénk und die CSV, dass die LSAP und Déi Gréng auf nationaler Ebene für eben diese Transportpolitik Verantwortung tragen. Die lokale CSV fordert, neben den City- und Tice-Bussen einen Rufbus innerhalb der Gemeinde, insbesondere für ältere Düdelinger. Auch die Jugend ist unzufrieden, weil der Nachtbus nach Luxemburg-Stadt lediglich freitags fährt, statt wie in anderen Gemeinden zusätzlich samstags.

Soziale Hypothek

Während im Ärger über die Verkehrsbelastung sich alle weitgehend einig sind, ist dies bei der Sozialpolitik anders. Sie könnte der LSAP-Majorität bei den Gemeindewahlen vielleicht zum echten Problem werden. Denn eine aufgehübschter Stadtkern mit dekorativem Wasserspiel, ein verkehrsberuhigter Shared space, ein Kulturangebot mit zwei Kunstgalerien, Jazzfestival und Filmarchiv, ein Innovations-Hub im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Arbed zu bezahlbaren Mietpreisen für Start-ups sowie farbenfrohe Werbefilme, um Einzelhändler und Geschäfte anzulocken, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch die 20 000-Einwohner-Gemeinde soziale Gräben verlaufen, die riskieren, sich weiter zu vertiefen. Auch wer von außen kommt und nicht viel über Düdelingen weiß, braucht nicht lange, um zu erkennen, dass die Arbeiterhäuser in Italien kleiner und gedrungener, die Gärten ärmlicher sind als die schnieken Bungalows im Viertel Lenkeschléi beispielsweise.

Die Gemeinde hat verstärkt in Infrastrukturen investiert, die Grundschule in Italien wurde renoviert, Straßen wurden saniert, das Anwohnerparken eingeführt, um der steigenden Flut an Autos Herr zu werden. „Hier im Viertel gibt es keine Parkautomaten. Jetzt parken Autos von außerhalb unsere Straßen zu“, ärgert sich Figueiredo Alvaro. Da schwingt der leise Vorwurf mit, den man im Viertel häufig hört: dass die „da unten in der Administration“ sich nicht um die kleinen Leute kümmern, sie ihre Probleme nicht kennen und sie nicht ernst nehmen.

Der Bürgermeister will das nicht so auf sich sitzen lassen. „Wir versuchen, alle Bewohner mitzunehmen, nur ist das nicht so einfach“, unterstreicht Dan Biancalana. Mit 37 Jahren ist er der zweitjüngste sozialistische Bürgermeister im Land (noch jünger ist mit 33 Jahren Parteikollegin Christine Schweich, Bürgermeisterin von Monnerich). Biancalana leitet zudem das aus elf Südgemeinden bestehende Gemeindesyndikat Pro-Sud. Mit seinem Grübchen-Lächeln, den freundlichen Augen und dem modischen Hemd sieht er aus wie der ideale Schwiegersohn.

Er setze sich nicht genügend durch, wenn es darum geht, die Interessen der Gemeinde nach außen zu vertreten, etwa im Verkehrsverbund Tice, oder bei den Verhandlungen mit dem Transportminister, bemängelt die christlich-soziale Opposition, die freilich selbst ein historisches Durchsetzungsproblem plagt: Bis auf einmal kurz nach dem Krieg hat die CSV nie den Bürgermeister in Düdelingen gestellt.

Für die Menschen in den Arbeitervierteln ist der Kriminologe Biancalana ein „Fonctionnaire“, ein Beamter einer schwerfälligen Verwaltung, und also weit weg von ihnen. Dabei verkörpert der Politiker eigentlich eine Erfolgsstory, wie es sie zahlreich in Düdelingen gibt: italienischer Vater oder Mutter, die sich als Einwanderer eine Existenz aufgebaut haben und deren Nachwuchs alle Türen offen stehen. Die Beteiligung gerade der ausländischen Bevölkerung liegt dem LSAP-Politiker eigenen Aussagen zufolge besonders am Herzen.

Wandel wohin, für wen?

Die Anstrengungen, die die Gemeindeführung dafür unternimmt, kommen dennoch nicht überall an. Bei den Beratungen um den neuen Landesentwicklungsplan für das Siedlungsprojekt Nei Schmelz hat die Gemeinde versucht, die Bürger einzubinden. Auf der rund 40 Hektar großen Industriebrache zwischen Wasserturm, Bahnhof Usines und Laminoir soll in Zusammenarbeit mit dem Fonds du Logement bis 2030 ein neues Viertel mit über 800 Wohnungen, Geschäften und Kindergärten entstehen, das die Viertel Italien und Op der Schmelz miteinander verbindet. Die Gemeinde lud zu mehreren Zukunftswerkstätten und Informationsveranstaltungen zum Mega-Bauprojekt ein, doch die Opposition sagt, sie warte noch heute auf die abschließende Synthese. „Ich war bei acht von zehn Veranstaltungen. Aber Konkretes gibt es nicht. Warum dauert das so lange, was haben wir davon?“, fragt Robert Felix skeptisch. Kollege Alvaro drückt es direkter aus: „Das ist nicht für uns“, sagt er kurz und knapp. „Viel zu teuer.“

Wohnungsnot nicht angepackt

Gemeinde und Fonds du Logement beteuern beide, es gehe darum, die soziale Mixität zu fördern. Dafür soll neben Eigentumswohnungen und Familienhäusern bezahlbarer Mietwohnraum entstehen. Doch beim bereits im Bau befindlichen Projekt Am Duerf, bei dem 100 Wohnungen gebaut werden sollen, bieten Immobilienagenturen 120 Quadratmeter-Apartments im Internet für rund 600 000 Euro und mehr an. Nicht bloß für Bewohner von Italien oder Op der Schmelz sind solche Preise unbezahlbar. Immer öfter hört man von jungen Düdelingern, die wegen der hohen Immobilienpreise schweren Herzens fortziehen, obwohl sie lieber in Düdelingen bleiben würden. Eine Entwicklung, die eigentlich niemanden überraschen dürfte, denn sie war schon vor 25 Jahren Thema im Gemeinderat. Ein Sitzungsbericht von 1992 hielt fest, dass Düdelingen „Opfer seiner Attraktivität wird“, dass „soziale Wohnungsnot“ besteht und einige Hauseigentümer groß abkassierten. Es war der damalige LSAP-Schöffe Mars Di Bartolomeo, der versprach, „künftig größeres Gewicht auf den sozialen Wohnungsbau zu legen“, und fand, dass man das Thema nicht den „Promotoren überlassen“ dürfe.

Heute, nach einem weiteren Vierteljahrhundert LSAP-Majorität mit den Bürgermeistern Mars Di Bartolomeo und Alex Bodry, nennt die Gemeinde 38 Sozialwohnungen ihr Eigen; viel zu wenig, um der wachsenden Nachfrage nachzukommen. Mit Am Duerf (100) und Lenkeschléi (240) kommen zwar demnächst fast 350 weitere Wohnungen auf den Markt, aber den unteren Einkommensklassen, so ist zu befürchten, ist damit wenig geholfen, sofern die Gemeinde nicht gezielt gegensteuert. Vielmehr rächt sich nun, dass die Gemeinde kaum über eigenes Bauland verfügt und sie den Wohnungsbau lieber anderen überlassen hat.

Die Mitarbeiter der neuen Maison sociale, in der mehrere Wohlfahrtsdienste an einem Ort zentral gebündelt sind, geben ihr Bestes, aber die Nachfragen nach preiswertem Wohnraum und Mietbeihilfen steigt, weil immer mehr Düdelinger sich die Marktpreise nicht leisten können. Die Armutsquote liegt bei 16 Prozent, in den Vierteln Italien und Op der Schmelz dürfte sie noch höher sein. Einer regionalen Studie zufolge, die 2013 von CEPS/Instead verfasst und vom Statistischen Amt Statec kürzlich aktualisiert wurde, liegt Düdelingen meistens im Drittel jener Gemeinden mit eher problematischen sozialen Trends.

„Die Stadt im Wandel“, wie es Dan Biancalana ausdrückt, klingt schön als kommunale Eigenwerbung, doch in Wirklichkeit ist der Übergang weiterhin eine Riesenherausforderung. Die Lücke, die der Niedergang der Stahlindustrie riss, klafft tief und hat sowohl im kollektiven Gedächtnis der Düdelinger, als auch in den sozialen Strukturen deutliche Spuren hinterlassen. Mit der Arbed war ein bestimmtes soziales Modell verbunden: Sie sorgte, wenn auch teils mehr schlecht als recht, für die Unterbringung der Arbeiter. Später verhalf sie vielen zu kleinen Grundstücken, auf denen sie nach Arbed-Plänen Häuser bauten. Wer genügend schuftete, konnte sich ein bescheidenes Leben aufbauen. Abends traf man sich in der Kneipe im Viertel, lästerte über den Boss oder versuchte, sich abzulenken. Andere engagierten sich gewerkschaftlich, wurden politisch aktiv.

Die Gewerkschaftssektion Düdelingen-Osten des OGBL war lange Jahre der mitgliederstärkste Ortsverband und einer der aktivsten dazu. Dass der OGBL seine 60 Lokalsektionen zu 23 fusionieren will, steht symbolisch für den Umbruch: Lokal ist nicht mehr viel los, auf den spärlichen Veranstaltungen bleiben nostalgische alte Herren und Damen unter sich, die einstige Gewerkschaftshochburg bleibt vom apolitischen Trend nicht verschont. Heute arbeiten viele Düdelinger außerhalb, in Luxemburg oder in Esch, und kommen erst spät nach Hause. Wer etwas Geld auf die hohe Kante legen kann, zieht aus den beengten Vierteln fort, nicht selten jenseits der Grenze, wo Grundstückspreise noch erschwinglich sind.

Es ist dieser fehlende soziale Kitt, die fortschreitende Individualisierung, die Schere zwischen armen und besser situierten Düdelingern, die manchen Sozialisten nervös machen: Man habe versäumt, frühzeitig gegenzusteuern und stehe unter Zugzwang, sagt einer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Denn auch wenn die LSAP vom Glanz von einst zehrt und mit einer Mehrheit von fast 54 Prozent regiert, ihr Vorsprung schmilzt kontinuierlich; 2005 waren es noch fast 60 Prozent. Nutznießer der Entwicklungen sind die Grünen, die bei den Wahlen 2011 auf fast 15 Prozent Zustimmung kamen (11,5 Prozent im Jahr 2005) und damit der CSV nachhaltig die Stellung als drittgrößte politische Kraft abspenstig gemacht haben. Und déi Lénk, die 2011 aus dem Stand fast 6,9 Prozent der Stimmen erhielten und mit der jüngsten Kandidatenliste ins Rennen starten. An den Erfolg wollen sie anknüpfen und haben schon eine Wahlbroschüre vorgelegt: Sie wollen besonders gegen die Wohnungsnot mobilisieren. Die DP war 2005 hoffnungslos untergegangen und spielt in Düdelingen keine Rolle.

Gefragt, was seine politische Präferenz für den 8. Oktober wäre, würde er wählen gehen, sagt der 81-Jährige in der Tattenberger Straße nach kurzem Nachdenken: „Déi Lénk, die würden vielleicht eine andere Politik machen“. Es ist nicht herauszuhören, ob er damit Aufbruch in neue Zeiten oder nostalgische Rückschau meint.

Düdelingen in Zahlen (2016):

Einwohner:20 724

Ausländer:4116 Prozent

Nationalitäten:94

Ordinärer Haushalt:784 Millionen Euro

Pro-Kopf-Verschulung: 937 Euro

RMG-Empfänger:45 Prozent

Armutsquote:16 Prozent

Arbeitslosenquote:85 Prozent

Eingetragene Vereine:212

Ines Kurschat
© 2017 d’Lëtzebuerger Land