Ab dem 1. Oktober gelten in der EU neue Liquiditätsregeln. Ob die Luxemburger Banken bereit sind?

Überlebenstraining

d'Lëtzebuerger Land du 05.06.2015

Bald sind es acht Jahre her, dass Bear Stearns und BNP Paribas im Sommer 2007 Anlegern verboten, ihre Fondsanteile zu verkaufen um, wie es BNP Paribas damals nannte, „eine völlige Auflösung der Liquidität“ zu verhindern. Es war der Auftakt der Kreditklemme auf den internationalen Finanzmärkten, die sich im folgenden Jahr zu einer Finanzkrise auswuchs, die mit Dexia, Fortis und allerlei isländischen Bankinstituten auch Opfer in Luxemburg forderte. Wie gut sind die Banken vorbereitet, sollten die Kreditflüsse wieder einfrieren? Laut Revue de stabilité, vergangene Woche von der BCL veröffentlicht, anscheinend nicht ganz so gut, wie sich die Regulierungsbehörden das wünschen würden. Denn haben die Luxemburger Banken im Schnitt hohe Kapitalrücklagen, haben sie anscheinend Schwierigkeiten, die neuen Liquiditätsstandards zu erfüllen, die bald in Kraft treten werden. Nur 62 Prozent, das ergab die letzte Auswirkungsstudie, die BCL und CSSF gemeinsam durchführten, erfüllten die Anforderungen des Liquidity coverage ratio (LCR). Weniger als die Hälfte, 49 Prozent, erreichten den geforderten Net stable funding ratio (NSFR). Im Vergleich zu früheren Auswirkungsstudien, so die BCL, haben sich die Ergebnisse bereits verbessert. Weil der LCR schon kommenden Oktober in Kraft tritt, der NSFR aber erst 2018, drängt die Zeit beim LCR besonders.

Es war eine der großen Lehren der Finanzkrise von 2008 gewesen, dass auch Banken mit guter Kapitalausstattung in Schieflage geraten können, wenn ihre Rücklagen im Krisenfall nicht schnell genug in flüssige Mittel verwandelt werden können. Zum Beispiel dann, wenn sich die Banken gegenseitig kein Geld mehr leihen oder die Kunden ihre Konten räumen. Genau so war es den beiden Bankkonzernen Dexia und Fortis 2008 ergangen. Als Gerüchte über mögliche große Verluste bei der Dexia-Tochter in den USA aufkamen, wollten andere Banken dem Mutterkonzern kein Geld mehr leihen. Fortis hatte im selben Sommer bereits eine Kapitalerhöhung durchgeführt. Doch die hielten Analysten für unzureichend, nachdem der Konzern sich an der Übernahme der niederländischen Konkurrenten ABN Amro beteiligt hatte. Im Milieu wurde geraunt, die niederländische Zentralbank habe Druck auf Rabobank ausgeübt, Fortis Liquidität zur Verfügung zu stellen. Dementis aller Beteiligten halfen da nicht mehr viel. Welche andere Bank sollte bei dem Risiko noch Geld leihen? Auch die Kunden wurden langsam misstrauisch. Im September mussten beide Bankkonzerne mit Steuergeldern gerettet werden.

Um genau das in Zukunft zu verhindern, einigten sich die obersten Bankaufseher der Welt in ihren Komitees bei der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (Biz) in Basel darauf, in Zukunft nicht nur zu prüfen, ob die Banken über ausreichend Kapital, sondern auch über ausreichend flüssige Mittel verfügen. Ab 1. Oktober müssen die Banken in Europa deshalb den LCR erfüllen, damit sie im Krisenfall einen Monat lang durchhalten können – Insider nennen das „survival period“, die „Überlebensphase“. Im Überlebenstraining, beim Berechnen des LCR, wird ein Schreckensszenario simuliert, in dem, wie 2008, sich die Banken gegenseitig kein Geld mehr leihen und auch die Kunden ihre Konten räumen. Weil die Banken und andere Finanzmarktakteure über bessere Informationen verfügen also der normale Bürger am Schalter, geht man im Szenario davon aus, dass sie den Hahn schneller zudrehen. Entsprechend müssen die Banken, um ihre langfristigen Verpflichtungen, Kredite, die sie vergeben haben weiter aufrecht erhalten zu können, Bargeld bereithalten, Zentralbankdepots oder schnell verkäufliche Staatsanleihen vorweisen können, um die Mittelflüsse abzudecken.

Ab da wird es problematisch. Weil die Zinsen niedrig sind, verdienen die Banken auf ihrem Bargeld ebenso wenig wie die Kunden auf ihren Sparbüchern, die Zentralbank stellt ihnen derzeit sogar Zinsen in Rechnung, wenn sie bei ihr Geld hinterlegen. Und dass auch Staatsanleihen nicht risikofrei sind, lernten die Luxemburger Banken 2011, als sie 1,3 Milliarden Wertverluste auf ihren Griechenland-Anleihen abschreiben mussten, immerhin 30 Prozent des Ergebnisses vor Abschreibungen und Rückstellungen. Deshalb sagt Claude Simon, bei der CSSF zuständig für die Banken und Mitglied des neuen gemeinsamen Bankenaufsichtsgremiums bei der EZB in Frankfurt, ohne Umschweife: „Das geht auf Kosten der Rentabilität.“

Aus eben diesen Rentabilitätsgründen hatte ausgerechnet die Dexia-Gruppe am 29. Juli 2008, zwei Monate vor ihrem ersten Bail-Out, in einer Stellungnahme zu den Überlegungen des Baseler Komitees darüber wie das Liquiditätsrisiko zu handhaben sei, Folgendes geschrieben: „Cross border banking groups like Dexia, should be able to manage their liquidity on a group level instead of an entity level. We would welcome consolidated liquidity supervision or a harmonised liquidity supervision, which would match a liquidity management on a group wide basis.“

Welche Risiken das birgt, wenn große Bankkonzerne ihre Liquiditäten zentral, auf der Ebene des Mutterhauses verwalten, und nicht in den einzelnen Filialen, beschrieb der Verwaltungsrat der nach dem Fortis-Bail-Out noch ganz neuen BGL im Jahresbericht 2008 wie folgt: „At the end of September 2008, the solvability and liquidity of Fortis Banque Luxembourg were in principle satisfactory, exceeding both legal requirements and self-imposed minima. However, as a result of the systemic nature of the crisis taking an increasingly severe toll on the international financial sector and the pooling of ist own treasury management with that of Fortis Bank SA/NV, the Bank found itself deprived de facto of access to the interbank market and its liquidity. Moreover, commercial and operational interdependance was such that the Bank would not have been able to survive without outside assistance in the event of its parent’s collapse.“

Fortis Banque Luxembourg verfügte in der Theorie zwar über große Liquidität, konnte aber nicht darauf zurückgreifen, weil sie jenseits der Grenze bei der Konzernzentrale gebunkert war. Es ist eine der Charakteristiken des Luxemburger Banken­standorts, dass er hauptsächlich aus Filialen ausländischer Gruppen besteht. „Die Intra-Gruppen [Bewegungen] machen die Hälfte der Bilanzsumme aus“, sagt Bankenaufseher Claude Simon. Deshalb stehen die Banken bei der Berechnung des LCR vor einem ähnlichen Problem wie Fortis Banque Luxembourg 2008. In der Theorie sind sie wegen der hohen Kundeneinlagen „cash rich“ wie es im Bankersprech etwas tautologisch heißt. Doch die von den Aufsehern für den LCR definierten Standards erkennen das nicht an, weil ihre Liquidität bei anderen Banken, ihren Mütterhäusern, lagert, die, wie 2008 erlebt, wenn sie selbst Probleme haben den Hahn noch schneller zudrehen, als die Kunden zur Bank rennen können, um ihre Einlagen zu retten.

Sollten die Banken deshalb ihre Liquidität jeweils auf der Ebene der einzelnen Filialen verwalten? „In der Theorie klingt es gut, wenn man sagt, dass jeder seine Liquidität komplett für sich allein verwaltet und die Gelder selbst anlegt“, so Simon. „Aber das birgt auch Risiken“, gibt er mit Verweis auf die 1,3 Milliarden Euro zu bedenken, die die heimischen Banken wegen der Umschuldung in Griechenland abschreiben mussten. Ihm fallen noch andere Beispiele für Fehlinvestitionen im großen Stil ein. Sollten die Banken das machen, bräuchten sie dafür auch die notwendigen Strukturen. „Wir sind der Meinung, dass wir eine bessere Sicht der Dinge haben, wenn das Liquiditätsmanagement auf Ebene der Gruppe stattfindet“, lautet sein Fazit nach sieben Monaten, in denen die gemeinsame Aufsicht der Banken in Frankfurt die Arbeit aufgenommen hat. Das funktioniere noch besser als vorher, als die großen Banken in Europa in Aufsichtskollegien überwacht wurden.

Deshalb kann die Aufsichtsbehörde Ausnahmegenehmigungen für den Transfer großer Mengen an Liquidität an die Konzernzentralen erstellen, wenn das Mutterhaus im Gegenzug dafür Garantien gibt, das Geld im Ernstfall zurück in die Filiale zu überweisen. Die Anträge für diese „Waiver“ werden derzeit bearbeitet, berichtet Claude Simon.

Auch deshalb kann Gilles Pierre von der Bankenvereinigung ABBL trotz der schlechten Ergebnisse bei der Auswirkungsstudie von BCL und CSSF und angesichts der kurzen Frist, die bis zum Stichdatum im Oktober bleibt, sagen: „Ich bin nicht beunruhigt.“ Denn einerseits beruhten die Ergebnisse auf der Situation vom Juni 2014 und andererseits könnten die Banken einen solche Waiver für die Bewegungen innerhalb der Bankgruppen beantragen. Ihn beruhigt auch, dass seither ein großes Problem für die Privatbanken in Europa geregelt wurde: Spezialfonds oder Stiftungen, die den reichen Kunden helfen, ihr Vermögen zu strukturieren und verwalten, werden nicht als Finanzvehikel anerkannt, die ihre Gelder besonders schnell abziehen, sondern als normale Firmenkunden, die nicht ganz so hastig reagieren. Das ist den Privatbanken bei der Erfüllung des LCR eine große Hilfe – in ganz Europa, nicht nur in Luxemburg, wie Pierre unterstreicht.

Das erkennt auch die BCL in der Revue de stabilité an. Allen Banken wird das allerdings nicht helfen. „Néanmoins, une partie des banques devrait apporter des ajustements à son modèle d’affaires, rallonger la structures d’échéance de ses sources de refinancement ou bien augmenter le stock des actifs liquides éligibles afin de respecter le ratio de liquidité à court terme lors de son entrée en vigueur en octobre 2015.“ Das sieht Claude Simon ähnlich. Wer kein Waiver erhält, muss „umschichten“.

Michèle Sinner
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