Die chinesische Legend Holdings übernimmt die Bil

Herr und Frau Li aus Peking kaufen eine Bank

d'Lëtzebuerger Land du 08.09.2017

„Ich denke, es ist ein fairer Preis“, so Peng Li, Vertreter von Legend Holdings aus China, der vergangenen Freitag zusammen mit seiner Mitarbeiterin Jing Li in Luxemburg war, um die Vereinbarung zum Verkauf von 90 Prozent der Anteile der Banque Internationale à Luxemburg (Bil) von Precision Capital an Legend Holdings abzuschließen. 1,48 Milliarden Euro wird Legend Holdings zahlen. Der Wert der Bank wurde im Rahmen der Verkaufstransaktion auf 1,6 Milliarden Euro geschätzt. Das ist viel, vielleicht sogar einige hundert Millionen Euro zu viel, das sehen auch Leute so, die die Bank von innen kennen und auf die notwendigen und kostspieligen Investitionen in die IT-Infrastruktur hinweisen, sowie auf die früher oder später fällige Restrukturierung des Filialnetzes, das ebenso wie das anderer Luxemburger Banken im Verhältnis zur Bevölkerung sehr ausgedehnt ist.

Der Preis macht auch deshalb ein wenig stutzig, weil der Wert der Bank im Oktober 2011 auf 730 Millionen Euro beziffert wurde, als im Rahmen der Zerschlagung von Dexia dringend ein Notfallplan für die Bil gesucht wurde und Precision Capital auf den Plan trat. Damals gab es lautstarke Proteste, Luc Frieden (CSV), damals Finanzminister, heute Präsident des Bil-Verwaltungsrats, habe die Bank an die katarische Herrscherfamilie verscherbelt, deren Mitglieder Aktionäre bei Precision Capital sind – obwohl nicht der Luxemburger Staat Verkäufer war, sondern Dexia in Brüssel.

Was die Stammtischexperten vor sechs Jahren nicht verstanden, war, dass Precision Capital nicht die Bank kaufte, die davor unter der Bezeichnung Dexia Bil funktionierte, sondern eine wesentlich kleinere Geschäftseinheit. Die ertragsreichen Beteiligungen an Dexia Asset Management oder RBC Dexia Investor Services mussten im Rahmen der Dexia-Auflösung verkauft werden, ebenso weitere Filialen der Luxemburger Einheit. Davor, vor der Krise, im Jahr 2007, erwirtschaftete Dexia Bil Einnahmen von 1,488 Milliarden Euro und verbuchte einen Gewinn von 526 Millionen Euro. Sogar 2010, kurz vor der Zerschlagung des Mutterhauses, wies die Bank noch Einnahmen von 1,119 Milliarden aus und erzielte trotz krisenbedingter hoher Risikokosten einen Gewinn von 240 Millionen Euro. Die neue Bil, die Legend Holdings nun kauft, wies 2016 Einnahmen von 541 Millionen Euro aus und einen Gewinn von 110 Millionen.

Vielleicht bemühte sich Frieden am Freitag wegen der früheren Polemik hervorzuheben, wie gut sich die Bank in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Das Betriebsergebnis sei innerhalb von fünf Jahren um 20 Prozent angestiegen, das Kreditvolumen um 27 Prozent, das verwaltete Vermögen um 30 Prozent und die Kundeneinlagen (die bei jeder Krise fielen) um 40 Prozent. Gute Zahlen, doch sie allein erklären nicht, weshalb sich der Wert der Bank mehr als verdoppelt hat, also um über 100 Prozent gestiegen ist.

Peng Li und Jing Li von Legend Holdings so wie George Nasra von Precision Capital führten die wundersame Wertsteigerung am Freitag auch darauf zurück, dass sich der Markt für europäische Bankwerte in den vergangenen Jahren insgesamt erholt habe. So bemühten sich Legend Holdings, Precision Capital und ihre Kommunikationsbeauftragten zu erklären, wie sich die Situation von einem buyer’s market in einen seller’s market gewandelt habe. Die Bank habe nie zum Verkauf gestanden, so George Nasra, der gegenüber dem Land meinte, die Erträge aus dem Verkauf – in fünf Jahren hat Precision Capital, Dividenden inklusive, rund eine Milliarde Euro verdient – gingen zurück an die Aktionäre, weitere Investitionen habe der Fonds in Luxemburg nicht geplant. Man habe den geforderten Preis mit denen bei ähnlichen Transaktionen in Europa verglichen, so Peng Li seinerseits, und die Fundamentaldaten der Bank analysiert.

Dabei hat sich der europäische Bankenmarkt so gut nicht erholt. Bei einer Rede im Juli 2016 besprach EZB-Mitglied Vitor Constancio die Entwicklung der europäischen Bankwerte. Dabei führte er verschiedene Grafiken vor, von denen eine zeigte, dass die Rendite auf Bankaktien weit unter dem Niveau der vergangenen Jahrzehnte lagen. Seither gab es weitere Umstrukturierungen von Banken in Span­ien und Bankenrettungen mit öffentlichen Geldern in Italien, so als ob es die Europäische Bankenunion gar nicht geben würde, obwohl sie eigens geschaffen wurde, um solche Bail-outs zu verhindern. Die niedrigen Zinsen belasten die Erträge der Banken insgesamt und im Vergleich mit dem US-Bankensektor verbleiben in den europäischen Bilanzen, das heben Akademiker und Fachpresse immer wieder hervor, mehr schlechte Kredite – daher die Bankenrettungen anno 2017.

Deshalb hat Li nicht Unrecht, wenn er sagt, die Fundamentaldaten der Bank seien gut: Die Bil musste 2014 das Comprehensive Assessement absolvieren, den großen Qualitätscheck der EZB vor Betriebsaufnahme des einheitlichen Aufsichtsmechanismus der Bankenunion, und musste deshalb schon vor ein paar Jahren Hausputz machen, also Abschreibungen vornehmen und Rückstellungen erhöhen.

Außerdem hatten die Verantwortlichen der Bank die Gelegenheit bei der Umstrukturierung Dexias beim Schopf gepackt, um Klarschiff zu machen: 2011 hatte die Bank das unter dem vielsagenden Namen Legacy Portfolio bekannte Wertpapierportfolio, das der Konzern in Luxemburg platziert hatte, an Dexia zurückgegeben und deshalb einen Milliardenverlust ausgewiesen. Im Gegenzug hatte Dexia nicht nur eine dem Wert des Portfolios entsprechende Milliardengutschrift bewilligt und 2012 bezahlt, sondern 2012 auch eine „kleine“ Kapitalspritze von 204 Millionen Euro verabreicht, damit Bil die gesetzlichen Kapitalanforderungen einhalte. Dadurch war die Bank die Risiken des ehemaligen Wertpapierportfolios los, sowie sonstige Erbstücke aus der Dexia-Zeit und war außerdem mit ausreichend Geld ausgestattet, um sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren, fortan das Schalter- und Privatkundengeschäft in Luxemburg.

Was einen chinesischen Investor an einer hauptsächlich auf den Luxemburger Markt ausgerichteten Bank interessiert? Peng Li bemühte sich am Freitag klarzumachen, dass Legend Hodings beileibe keine Heuschrecke sei. Legend investiere langfristig und nehme Mehrheitsbeteiligungen. Ihre wohl bekannteste Beteiligung am Computerhersteller Lenovo, der aus Legend hervorgegangen ist, beträgt heute noch 33 Prozent. Von der Bil glaubt Legend, dass sie trotz vieler Klagen heimischer Bankiers, der Luxemburger Markt sei völlig „überbankt“, hier weiter Marktanteile gewinnt und ihre Präsenz in den Nachbarländern ausbaut. „So wie sie das in den vergangenen Jahren gemacht hat“, so Li. Wunder, oder den schnellen Euro scheint er dabei nicht zu erwarten. „Zu schnelles Wachstum in der Bankenbranche ist nicht unbedingt eine gute Sache“, so ein lächelnder Peng Li, „Stabilität ist ein wichtiger Faktor.“ Legend habe aktiv nach einer Möglichkeit gesucht, in eine europäische Bank zu investieren, erklärte er am Freitag, und zehn Monate lang verhandelt. Legend Holdings sei ein „sehr vorsichtiger Investor“, der nur „wenige Transaktionen“ durchführe, wiederholte Li: „Bei einer Investition dieser Größenordnung muss man vorsichtig sein.“ In diesem Satz liegt vielleicht der Schlüssel für das Interesse von Legend Holdings an der Bil. Für Li ist die Bil eine „good-sized bank“ und eine „large platform“. Auch wenn die Worte „China“, „Investor“, „Computerhersteller Lenovo“ in dieser Kombination im kleinen Luxemburg viel Ehrfurcht einflößen, so hat Legend in die Bil mehr als ihren Jahresgewinn 2016 von 1,1 Milliarde Euro investiert. Der Jahresgewinn der Bil entspricht zehn Prozent davon. So gesehen, ist die Bil tatsächlich „good size“ bis „large“.

Für Legend spricht ihr Erfolg mit Lenovo. Der Computerhersteller ist eines der ersten chinesischen Unternehmen, das beweisen konnte, dass die Technologie in chinesischen IT-Produkten nicht immer aus dem Westen geklaut ist und nur die billigen Arbeitskräfte aus dem Osten kommen, sondern dass die Chinesen selbst marktfähige Technologie entwickeln können. Die Holding ist an der Börse in Hongkong notiert, unterliegt also Offenlegungspflichten, bietet mehr Transparenz als andere chinesische Investoren, die in der Vergangenheit schon Geld in Luxemburg anlegen wollten. Über die zahlreichen Beteiligungen an Finanzinstituten in China (und einem Pensionsfonds in Großbritannien) hinaus, hat Legend Holdings in der Folge der Skandale um verseuchte Lebensmittel in China den Lebensmittelhersteller Joyvio gegründet, um auf die Nachfrage nach hochwertiger und gesunder Nahrung in China zu reagieren. Wie geeignet Legend Holding als Bankaktionär ist, wird die EZB noch prüfen, die Prozedur soll Anfang 2018 abgeschlossen sein.

Peng Li und Luc Frieden versprachen vergangene Woche, die Bil werde unabhängig und ihr Entscheidungszentrum in Luxemburg bleiben, und es werde drei Jahre lang keinen Sozialplan geben. Ebenfalls drei Jahre hat die Luxemburger Regierung, die beschloss, ihren Anteil nicht zu verkaufen, wie Finanzminister Pierre Gramegna (DP) mitteilte, Zeit, um ihre Meinung zu ändern. Denn wie Gramegna erklärte, kann die Regierung dann noch zum Preis von heute – „etwas mehr als 160 Millionen Euro“ – verkaufen. Gramegna, der zusammen mit Luxembourg for Finance seit Jahren versucht, durch Renminbi-Business und die Ansiedlung chinesischer Banken in Luxemburg von der Steuerparadiespolemik abzulenken, begrüßte den Verkauf. Die Transaktion sei „gut für die Bank und gut fürs Land“. Indem Luc Frieden hervorhob, der Luxemburger Staat habe eine Beteiligung an allen Luxemburger Banken, die von der EZB als signifikant eingestuft werden, gab er vielleicht die Erklärung dafür, dass der Staat in der Bil bleibt und sich den dicken Gewinn, der mit einem Verkauf zu verdienen wäre, durch die Lappen gehen lässt. Seit der Krise gilt die staatliche Beteiligung als Garantie gegenüber Kunden und Anlegern. Wie würde man ihnen (und den anderen Bankvorständen) erklären, dass sich der Staat aus einer seiner Beteiligungen, aber nicht aus allen zurückzieht und somit seine schützende Hand nicht mehr über alle seine Schäfchen hält und damit den Wettbewerb verzerrt?

Michèle Sinner
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