Militärmuseum Diekirch

Die Utensilien des Kriegshandwerks

d'Lëtzebuerger Land du 25.03.2010

Kriege sind auch immer riesige Materialschlachten. So verschwenderisch, dass bei allem Kriegsmaterial, das im Laufe der Gefechte zerstört wird, noch immer gewaltige Mengen übrigbleiben. Sie füllen dann die Kriegsmuseen. Kaum eines illustriert dies besser als das Musée national d’histoire militaire in Diekirch. Denn es präsentiert sich den Besuchern als eine bis zur Decke ansteigende, überquellende, aus allen Nähten platzende Sammlung von Haubitzen, Fotos, Kaffeekannen, Patronengürteln, Geländewagen, Geldscheinen, Kettenfahrzeugen, Helmen, Feuerzeugen, Zeitungsausrissen, Pistolen, Uniformen, Stiefeln, Plakaten, Radiosendern, Gewehren, Zigarettenschachteln und Rangabzeichen, welche sich wie eine grau-grüne Mate­riallawine über die sprachlosen Besucher zu ergießen scheinen.

Mit einem Museum hat dieser Ausdruck ungezügelter Sammelwut im Grunde wenig zu tun. Denn wo ein Museum, das sechs zerbeulte Taschenlampen besitzt, überlegt, ob es didaktisch Sinn macht, vielleicht eine auszustellen und fünf für nie ganz auszuschließende Forschungszwecke im Magazin aufzubewahren, werden in Diekirch alle sechs in die ohnehin schon berstend volle Vitrine gepackt.

Tatsächlich ist das Museum, entgegen seinem Namen, auch weniger ein Museum im eigentlichen Sinn als die explodierten Träume privater Militariasammler, die sich vor fast 30 Jahren in dem gemeinnützigen Verein Dikkrecher Geschichtsfrënn zusammengeschlossen haben. 1984 konnten sie ein vor allem der Ardennenoffensive gewidmetes Lokalmuseum eröffnen, das schon zehn Jahre später von der Regierung den Titel eines Nationalmuseums verliehen bekam.

Mit derzeit um die 30 000 Besucher jährlich beansprucht das Museum, zu den fünf bestbesuchten des Lan­des zu zählen. Nach der Begutachtung von 123 Kriegsmuseen und 162 Militärfriedhöfen schwärmt Jack G. Delannoy in seinem kakifarbenen Guide des musées, cimetières et sites mi­litaires en Belgique et au Luxembourg (Jumet, 2004): „Ein fabelhaftes Museum, das zu besuchen sich lohnt, das beste in den Ardennen!“

Macht die noch auf der Schreibmaschine getippte Beschriftung der Expo­nate den Charme des Museums aus, so stellen die lebensgroßen Dioramen seinen ganzen Stolz dar, wo mit Fahrzeugen, Waffen, Bäumen, Kunstschnee und uniformierten Schaufensterpuppen Szenen nachgestellt werden wie die Sauerüberquerung durch US-Trup­pen im Januar 1945.

Aber Dioramen erinnern eher an über­dimensionierte Weihnachtskrippen als an die Realität des Kriegs. Über die Schrecken des Kriegs erzählt eine Radierung von Goya oder ein Pferdekopf von Picasso mehr als das ganze Militärmu­seum. Selbst nach der Absurdität des Kriegs muss man auf eigene Faust suchen, bis man zwischen den Tausenden von Artefakten einen deutschen „Tier-Luftschutzkasten“ erblickt hat. Mit ihm konnte Haustieren Erste Hilfe nach Luftangriffen geleistet werden, während Viehwagen voller Menschen zu den Gaskammern rollten.

Aber das Museum bemüht sich erklärtermaßen, die Ardennenschlacht und den Zweiten Weltkrieg „unparteiisch“ zu erzählen, also Wehrmacht und Alliierte, Aggressoren und Befreier, Täter und Opfer Rücken an Rücken zu stellen. Das soll nicht nur den Fremdenverkehr deutscher Veteranen fördern, sondern auch der Versöhnung dienen. Doch wenn die Wehrmacht in den Ardennen die Alliierten zurückzudrängen versuchte, dann auch, damit die Gaskammern und Krematorien weiter funktionieren konnten. Diekirch wurde eine Woche vor ­Auschwitz befreit.

Doch über die Ursachen und Zusammenhänge des deutschen Raubkriegs erhält der Besucher nicht einmal elementare Informationen. Sei es, weil sie fehlen, sei es, weil sie in der unübersichtlichen Materialfülle untergehen. Wie viele seiner Gattung ist auch das Diekircher Militärmuseum in Wirklichkeit ein Handwerksmuseum, wie diejenigen in Binsfeld und Bech-Kleinmacher, in Ehnen und Esch-Sauer, das statt des Arbeitsgeräts von Winzern, Bauern und Webern, liebevoll die Utensi­lien des Kriegshandwerks ausstellt.

Seit 1994 ist das Obergeschoss des Museums der in Diekirch stationier­ten Luxemburger Armee gewidmet. Hier werden Schaufensterpuppen als fesche Soldatinnen, eine Pistole von Prinz Jean mit Krone, koreanische Geldscheine, Dienst- und Festuniformen aller Waffengattungen und Ränge, Abzeichen sowie ein Diorama gezeigt, das eine Feldküche von „Ons Arméi“ nachstellt.

Rechtzeitig zum 65. Jahrestag der Befreiung widmete das Museum soeben eine neue Abteilung den An­ciens combattants, die während des Ersten und Zweiten Weltkriegs sowie des Koreakriegs in den Rängen der alliierten Truppen kämpften. Der Armeeminister würdigte die Anstrengung mit einem außerordentlichen Zuschuss von 200 000 Euro. Denn Luxemburger Auslandspräsenz von Kabul bis Kinshasa gehört derzeit zu den militärpolitischen Prioritäten.

Aber das raue Klima unseres Landstrichs scheint Kriegsmuseen nicht gut zu bekommen. Das nahe Victory Memorial Museum in Arlon musste schließen, die Sammlung wurde im Jahr 2000 vom Kruise Auction Parc im US-Staat Indiana gekauft. Und der Vorbesitzer und die ehemalige Leiterin des Bastogne Historical Center werfen dem vom Bastogner Fremdenverkehrsverein gekauften Ardennenschlachtmuseum vor, die Militariasammlung heruntergewirtschaftet und die Konten gefälscht zu haben.

Auch in Diekirch klagt man seit Jahren darüber, dass man zwar den Titel eines Nationalmuseums tragen darf, der Staat sich aber ziert, die nötigen Mittel bereit zu stellen, um Abschied vom Amateurismus zu nehmen und das Museum zu professionalisieren. Es lebt derzeit von einem Zuschuss von 55 000 Euro des Kulturministe­riums und von 2 479 Euro des Armeeministeriums. Die Personalkosten werden von der Gemeinde Diekirch und dem Service de renseignement für zwei Voll- und zwei Halbzeitangestellte getragen. Die Gemeinde stellt auch die Gebäude der alten Brauerei kostenlos zur Verfügung.

Wie viele Kriegsmuseen, die aus Privatsammlungen entstanden sind und dann Respektabilität und Wissenschaftlichkeit anstreben, um unverzichtbar zu werden, träumen auch die Diekircher Geschichtsfreunde von einem Forschungszentrum, einem pädagogischen Dienst, einer Bar und einem Andenkenladen. Das Kulturministerium beauftragte letztes Jahr eine Firma mit Vorschlägen für den Umbau und die Modernisierung der Ausstellung. Doch in den aktuellen Zeiten der Tripartite ist alles andere als sicher, dass der Staat bereit ist, die entsprechenden Arbeiten zu bezahlen. In ihrer Freizeit, die sie dem Museum opfern, blicken die Diekircher, die eine Sammlung, aber kein Geld haben, neidvoll auf ein anderes Kriegsmuseum: das Festungsmuseum, das Geld, aber keine Sammlung hat.

Romain Hilgert
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