Industriedenkmal

Belval 2.1

d'Lëtzebuerger Land du 16.05.2014

Dass am 3. Juli Stevie Wonder in der Rockhal auftritt, soll auch ein Hinweis auf noch mehr Außergewöhnliches an den Tagen danach in Belval sein. Der staatliche Fonds Belval und die Fondation Bassin minier zelebrieren dann das erste Hochofenfest – und sie öffnen den renovierten Hochofen A für Besucher und weihen einen großen Teil des Stadtraums um die frühere Schmelzanlage ein. Fonds-Belval-Direktor Alex Fixmer ist sich sicher: „Das wird einmal eine Touristenattraktion werden.“

Einmal. Also: vielleicht noch nicht gleich. So manche wichtige Gebäude und Anlagen werden sich zum großen Fest noch im Rohbau befinden oder müssen noch ausgebaut werden. Wie etwa die nah der beiden Hochöfen A und B gelegene Maison de l’innovation, in die Ende des Jahres Forscher des künftigen Luxembourg Institute for Science and Technology einziehen sollen. Oder ein Inkubator für Start-up-Firmen. Mit dem Bau der Universitätsbibliothek, die an das einstige Erzlager von Hochofen B, die Möllerei, angedockt werden soll, wurde noch gar nicht begonnen, und der Raum unter dem Fundament von Ofen A, in dem ein Bistro geplant ist, wird nur am Abend des 4. Juli ausnahmsweise zugänglich sein, wenn dort die Sopranistin Ulrike Strömstedt die Fabbrica Illuminata von Luigi Nono singt. Anschließend wird ab 23 Uhr die gesamte Hochofenanlage für anderthalb Stunden angeleuchtet und der Cellist André Mergenthaler und der Saxofonist Fernand Neumann improvisieren dazu musikalisch.

Im Juli dürfte aber schon ein Eindruck davon zu haben sein, wie das Konzept Un monument dans la cité funktionieren soll, wenn die Cité des sciences einmal fertig gestellt ist, sämtliche der mehr als 6 000 Wohnungen auf dem früheren Industriegelände bezogen sind und bis zu 25 000 Menschen dort leben, arbeiten oder studieren. Über den 530 Meter langen überdachten Highway, den künstliche Teiche säumen, flaniert man, von der Avenue du Rock’n’Roll kommend, an den Hochöfen A und B entlang, passiert unweit des roten RBC-Hochhauses die Überreste des Fundaments von Hochofen C, der demontiert und nach China verkauft worden war, und gelangt zur hoch aufragenden Maison du savoir, die im kommenden Jahr von der Universität bezogen werden soll. „Die Anlage der Völklinger Hütte ist größer, Emscherpark im Ruhrgebiet präsentiert ein ehemaliges Schmelzwerk in einer Parklandschaft. Wir“, sagt Fixmer, „stellen das schwerindustrielle Erbe in einen urbanen Kontext, der offen und informell ist und für alle tagtäglich erlebt werden kann.“

Nach den vielen Negativmeldungen der letzten Zeit, von Verzögerungen bei den Bauten, den unzufriedenen Geschäftsleuten im Belval Plaza, den Unmutsäußerungen wegen der Verkehrslage und dem Hin und Her um die Kosten für den Innenausbau der Gebäude für Uni und Forschungszentren, kündigt die nun bevorstehende Etappe sich positiv an: Allein schon dadurch, dass Hochofen A ab 4. Juli permanent für Besucher geöffnet sein wird. 13 Millionen Euro kosten die Restaurierung und die auf 30 Jahre angelegte Werterhaltung von Hochofen A sowie die des teils demontierten Ofen B. An beiden Öfen wurden insgesamt hunderttausend Quadratmeter Oberfläche mit einem Schutzanstrich versehen, wird vom Fonds Belval bilanziert.

Aus Kostengründen auf unbestimmte Zeit verschoben wurde dagegen schon vor vier Jahren die Einrichtung eines Centre national de la culture industrielle: Als würfelförmiges Gebäude sollte das CNCI den Platz der ehemaligen Gießhalle von Hochofen A einnehmen und mit einer Ausstellung die Industriegeschichte der Minette-Region erzählen.

Beim Fonds Belval sieht man das pragmatisch: „Diese Entscheidung bot auch eine Chance“, sagt die Kunsthistorikerin Antoinette Lorang, die beim Fonds für Kultur und Kommunikation Zuständige. Industriegeschichtliche Ausstellungen sind jetzt in der ehemaligen Möllerei von Hochofen B zu sehen. Die Halle ist zwar kleiner als jene, die im Neubau des CNCI geplant war, aber dafür weht den Besucher des einstigen Fabrikgebäudes ein Industrie-Ambiente an.

Und weil der Bau des CNCI-Würfels umstritten war, Denkmalschützer und industriegeschichtlich Interessierte dagegen laut Einspruch erhoben, hat der Verzicht darauf mit dazu beigetragen, dass über die Vermittlung von culture industrielle nun in einem Netzwerk aus verschiedenen Initiativen nachgedacht wird und das Festival de la culture industrielle et de l’innovation seit Anfang des Monats im ganzen Landessüden, von Lasauvage bis Düdelingen, ausgerichtet wird. Wenngleich man den Wandel von der Schwerindustrie zur Biotech- und IT-Start-up-Betriebsamkeit nirgendwo derart zelebriert und beschwört wie in Belval.

www.festivalbassinminier.lu, www.fonds-belval.lu
Peter Feist
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