Groben, Joseph: Requiem für ein Kind

Der Tod und das Kind

d'Lëtzebuerger Land vom 08.11.2001

"The depth of grief and anguish involved in the death of a child is beyond all measuring", heißt es in dem Unicef-Bericht von 2001, den Joseph Groben in seiner Einleitung zitiert. Der Umgang mit dem - widernatürlichen - Tod der Nachgeborenen, die auch mit dem Wunsch geboren wurden, den Eltern das letzte Geleit zu geben, ist in seiner kulturellen und individuellen Ausprägung verschieden. 

Die tragische "Unterbrechung der Generationenkette, das Auslöschen der Zukunftsperspektiven" (J. Groben), nannten die Römer Mors immatura, den unreifen Tod: "Für die Kindergräber hat die Antike den schönen Spruch gefunden: 'Die Erde sei dir leicht!', da auch die Frühverstorbenen die Erde nicht belastet haben, weder durch ihr Gewicht noch durch ihre Taten." Und der mittelalterliche Glaube an eine gottgewolte Ordnung, die das menschliche Auge nicht zu durchschauen vermag, ließ Trauer und Schmerz über den Verlust eines Kindes vermutlich leichter überwinden als in späteren Zeiten. 

Doch auch die persönlichen Reaktionen weichen fallweise deutlich voneinander ab. Untypisch, ja befremdend mögen heute Lessings Worte wirken, die er angesichts des Todes seines Neugeborenen fand. Und es fällt schwer, darin zu unterscheiden zwischen verzweifeltem Sarkasmus, pietistischer Unberührtheit und Schicksalsergebenheit: "Die Freude war nur kurz. Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte soviel Verstand! (...) War es nicht Verstand, dass man ihn mit eisernen Zangen auf die Welt ziehen musste? dass er sobald Unrat merkte? War es nicht Verstand, dass er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davon zu machen?"

Mehr als zwei Jahrhunderte später wird die galizische Dichterin Mascha Kaléko eine Elegie für ihren verstorbenen Sohn Steven schreiben, die, anders als bei Lessings Tröstungen, einzig und allein den unauslöschlichen Schmerz der zurückbleibenden Mutter erfasst: "Und hätt ich hundert Söhne, keiner wäre / mehr je ein Trost für diesen einen, diesen einen! / Sagt ich: hundert? Ja, ich sagte hundert/ und meinte hundert. Und ich habe keinen."

Mascha Kaléko hat den Verlust ihres Kindes als Künstlerin dokumentiert, ähnlich wie Käthe Kollwitz in dem Antikriegsdenkmal Die trauernden Eltern auf einem Friedhof nahe bei Ostende den Soldatentod ihres Sohnes verarbeitete. Auch dazu bedurfte es Zeit. "In unser Leben ist ein Riss gekommen, der nie wieder heil wird. Soll auch nicht", schreibt sie rückblickend, und fügt resigniert hinzu: "Von da an datiert für mich das Altsein."

"Von da an." Ende 1833 Anfang 1834 erkrankten die Tochter und der Sohn des deutschen Romantikers Friedrich Rückert an Scharlach und starben in den gleichen Wochen. Rückert schrieb in den folgenden Jahren und eigentlich bis zu seinem eigenen Tod 441 Kindertodtenlieder: "die größte Totenklage der Weltliteratur, eine Verlustmeldung und Todesanzeige von gewaltigster Dimension", wie der Schriftsteller Hans Wollschläger ausrief. Rückert hat exemplarisch die Ängste vor der Vereinsamung der zurückbleibenden Eltern, ihre Schuldgefühle und die Verlassenheit in ihrer Trauer erlebt. "Nun will die Sonne so hell aufgehn, / als sei kein Unglück die Nacht geschehn. / Das Unglück geschah auch mir allein, / die Sonne, sie scheinet allgemein." Und: "Ich wollte, dass ich schliefe / Statt eurer in der Tiefe, / Und ihr im Sonnenschein / Statt meiner könntet sein." Der Komponist Gustav Mahler, dessen Tochter Maria Anna 1907 ebenfalls an Scharlach starb, vertonte später sechs der Gedichte Rückerts, der seinen monumentalen Trauerzyklus auch Trostlieder nannte.

Joseph Grobens 38 Miniaturen der Trauerverlorenheit zeigen Menschen verschiedenen Naturells und unterschiedlicher Neigung in ihrer Zeit. Zu ihnen gehören Victor Hugo und Cicero, Else Lasker-Schüler und Hector Berlioz, Charles Dickens und viele andere. Gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis, die Karl Marx einem Brieffreund anvertraute, als sein Sohn Edgar in London verstarb: "Erst jetzt weiß ich, was ein wirkliches Unglück ist."

 

Joseph Groben: Requiem für ein Kind - Trauer und Trost berühmter Eltern, Dittrich 2001, 419 S., ca. 1 100 Franken

 

 

 

Jhos Levy
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