Design

Dampfgeborene Schönheit

d'Lëtzebuerger Land vom 24.01.2020

Grazile Beine, elegant geschwungene Rücken: Noch bis Anfang Februar können in einer Sonderausstellung der Münchner Pinakothek der Moderne 70 Klassiker des Möbeldesigns bewundert werden. Nicht weit davon zeigt die Galerie Schellmann, was Christo und anderen zeitgenössischen Künstlern zum Thema Thonet einfällt. Damit geht in München das Thonet-Jubiläumsjahr zu Ende. In Wien dagegen fängt die Bugholz-Feier erst an: Das Museum für angewandte Kunst hat dazu gerade eine große Schau mit rund 240 Exponaten eröffnet. Sie vereint Unternehmens- mit Technik- und Designgeschichte.

Der Anlass für die Huldigung ist eher willkürlich: Anno 1819 hatte Michael Thonet in Boppard am Rhein die Tischlerwerkstatt seines Vaters übernommen. Das Verfahren, unter Dampf und Druck Buchenholzstäbe zu biegen, entwickelte er allerdings erst Jahrzehnte später. Den Aufstieg vom Einmannbetrieb zum Weltunternehmen schaffte Michael Thonet auch nicht in Boppard, sondern erst nach seinem Umzug nach Wien, wo er 1853 mit seinen fünf Söhnen die Firma Gebrüder Thonet gründete.

Für Wohnzimmer kaufte das Publikum lange Zeit lieber neobarocken Bombast aus wuchtigem Massivholz. Groß wurde Thonet mit robusten, preiswerten Möbeln für Cafés, Hotels, Warte- und andere öffentliche Räume – vor allem mit dem Stuhl „Nr. 14“. Um 1912 erreichte das Möbelimperium seinen Höhepunkt: Sieben Fabriken, meist in den Buchenwäldern Mährens, über 6 000 Arbeiter und ungezählte Frauen und Kinder, die in Heimarbeit Rattan-Streifen flochten. Zur Jahresproduktion von 1,8 Millionen Stück gehörten auch Schaukelstühle und Sofas, die ersten Klappsitze für Theater, Tische, Betten, Kinder- und Puppenmöbel, Wiegen, Schirmständer, Kronleuchter – und der Ankleidespiegel „Psyche“.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Thonet von dem jüdischen Unternehmer Leopold Pilzer mit Konkurrenzfirmen zu Thonet Mundus fusioniert, dem größten Möbelkonzern der Welt. Der Bauhaus-Designer Mart Stam entwarf dafür den ersten Freischwinger der Möbelgeschichte, und Thonet wurde zum bedeutendsten Produzenten von Stahlrohrmöbeln. Vor den Nazis flüchtete Pilzer dann in die USA. Dort ist Thonet Industries heute nur noch eine Marke des Möbelkonzerns CF Group. In Europa übernahm die Familie Thonet wieder ihre alten Betriebe. In Tschechien und Polen wurde sie aber nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kommunisten enteignet.

An der Wiener Jubiläumsschau beteiligen sich nun drei Nachfolgefirmen. Thonet aus dem hessischen Frankenberg ist die einzige, an deren Leitung noch Nachfahren von Michael Thonet beteiligt sind. TON ist eine tschechische Aktiengesellschaft; die Abkürzung steht für „Werke für Bugholzmöbel“. Gebrüder Thonet Vienna produziert in Italien und ist eine Neugründung von Franco Moschini, dem ehemaligen Chef des Möbelkonzerns Poltrona Frau. Nicht dabei ist die Firma Fameg, die von Polen aus Ketten wie Ikea oder Manufactum beliefert. Dass die verschiedenen Thonet-Erben um Märkte und Urheberrechte kämpfen, kann vermutet werden – an die Öffentlichkeit gelangt aus der diskreten Möbelbranche nichts.

Die Münchner Pinakothek und das Wiener MAK werden auch nach den aktuellen Ausstellungen ihre Thonet-Schätze präsentieren. So wie alle großen Designmuseen der Welt. Das Neue Museum in Nürnberg zum Beispiel hat unlängst einen eigenen Sammlungsraum zu Thonet eingerichtet. Selbst wer den Kult nicht mitmachen will, kann sich zu dem großen Namen einen ironischen Kommentar nicht verkneifen: In einer Vitrine im Zürcher Museum für Gestaltung hängen Würstchen aus Holz. Der Designer David Bielander hat dafür respektlos einen 14er-Stuhl zersägt.

Der Stuhl aller Stühle

Sechs Teile aus Buchenholz und Rattangeflecht, zehn Schrauben und zwei Muttern: Ein geübter Arbeiter schraubt daraus in anderthalb Minuten den „Konsumsessel Nr. 14“ zusammen. Dieser Kaffeehaus-Stuhl machte Thonet ab 1859 berühmt, war eines der ersten industriellen Produkte überhaupt und begründete die Bugholzmöbel-Branche. Von der ersten Fabrik im mährischen Koritschan gingen Transportkisten mit jeweils 216 Einzelteilen für 36 Stühle in die ganze Welt. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden über 50 Millionen von diesem Modell verkauft: leicht, unverwüstlich, komfortabel – und dank Serienfertigung schon für den Gegenwert von zehn Litern Bier zu haben. Die Design-Ikone ist bis heute ein Bestseller, nun aber wegen der Biege-Handarbeit teurer. Mehr oder weniger nach dem Originalentwurf wird das Sitzmöbel immer noch in Fabriken gefertigt, die von den Gebrüdern Thonet im 19. Jahrhundert gegründet wurden: im polnischen Radomsko (ab 99 Euro), im tschechischen Bystrice (ab 200 Euro) und im deutschen Frankenberg (über 700 Euro). me

Noch bis 2. Februar 2020 zeigt die Pinakothek der Moderne in München Thonet & Design. Den Katalog dazu veröffentlicht Koenig Books in London: www.dnstdm.de/thonet-200/Parallel dazu präsentiert die Ausstellung Thonet Re-imagined Kunstwerke, die eigens für das Jubiläum kreiert wurden: schellmannart.com/thonet200

In Wien ist Bugholz, vielschichtig - Thonet und das moderne Möbeldesign noch bis zum 13. April zu sehen. Der Katalog ist im Basler Birkhäuser Verlag erschienen: www.mak.at/thonet2019 / Der Koblenzer Thonetologe Wolfgang Thillmann, Gast-Kurator der Wiener Ausstellung, präsentiert seine Sammlung auch im Internet: www.thillmann-collection.de

Martin Ebner
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