Tourismus

Ferien ohne Auto

d'Lëtzebuerger Land du 15.09.2017

Romain Molitor leitet in Wien das Büro für Verkehrsplanung „komobile“. Der Luxemburger arbeitet hauptsächlich für Regierungen und Behörden daran, Mobilität umweltverträglicher zu machen. In seinen letzten Projekten ging es um Tourismus.

d’Lëtzebuerger Land: Drei österreichische Ministerien haben gemeinsam bei Ihnen ein Handbuch zur „nachhaltigen Mobilität“ für Tourismus-Destinationen bestellt. Wieso brennt das Thema so auf den Nägeln?

Romain Molitor: Besonders in den Alpen ist der Leidensdruck groß. In den engen Tälern gibt es einfach nicht genug Platz für all die Autos. An Spitzentagen reicht die Straßenkapazität nicht aus. Staus, Lärm und Luftverschmutzung schränken die Lebensqualität massiv ein – genau die ist aber das Asset für den Tourismus. Die Gäste nehmen das negativ auf. Da schrillen bei den Touristikern die Alarmglocken.

Hinzu kommt: In den Großstädten hat mittlerweile rund ein Drittel der Haushalte kein eigenes Auto mehr, allein schon weil Parkplätze knapp oder teuer sind. In der Innenstadt von Paris, ein Extrembeispiel, sind es zwei Drittel – immerhin rund zwei Millionen Einwohner. Wir haben rückläufige Motorisierungsraten, in Wien in einigen Bezirken sogar tatsächlich rückläufige PKW-Zahlen. Das sind auch Gästegruppen, die erreicht werden müssen.

Sie haben dazu eine übersichtliche „Checkliste für sanfte Mobilität“ verfasst: An- und Abreise, Mobilität vor Ort, Information, aber auch zum Beispiel Kooperation von Hotellerie und Verkehrsunternehmen. Lässt sich dieser Maßnahmen-Katalog auch auf Luxemburg übertragen?

Bestimmt! Die Aufgabe war eine für ganz Österreich geltende Checkliste, von den Bergen bis zu den Steppen am Neusiedlersee. Das hügelige Waldviertel zum Beispiel kann man mit dem Ösling vergleichen. Natürlich sind die Lösungen dann je nach Gebiet anzupassen. Es hängt immer davon ab, wie sich ein Tourismus-Ort positioniert, welche Zielgruppen er zu welcher Jahreszeit ansprechen will.

Zum Beispiel sind in den österreichischen Wintersport-Orten Skibusse mittlerweile Standard. Flach-
länder fahren ungern mit dem eigenen Auto auf Schneefahrbahnen; es gibt zu wenige Parkplätze oder der Weg zur Piste ist zu weit. Der Ski-Bus ist meist so gut, dass ein Auto gar nicht gebraucht wird. Es gibt auch ein klares Ziel: die Talstation. Im Sommer ist das schwieriger, da gibt es mehrere Ziele. Wanderbusse werden aber sehr gut angenommen, selbst von Auto-Liebhabern: Ich kann Berge überschreiten und muss nicht wieder zum Parkplatz zurück.

In der Südsteiermark gibt es ein Weinmobil, ein Sammeltaxi, das Touristen zum Heurigen bringt. Der Kleinbus ist je nach Strecke ziemlich teuer, da zahlt man schon mal 30 Euro. Das Angebot ist trotzdem sehr erfolgreich: rund 45 000 Fahrgäste im Jahr. Weil die Heurigen und die Hotels sehr verstreut sind und die kurvigen Straßen selbst im nüchternen Zustand gefährlich. Im Herbst können jetzt ganze Gruppen ihr Auto stehen lassen und gemeinsam Wein trinken und werden dann sicher zum Bett gebracht.

Wenn ich ein attraktives Angebot habe, reagieren die Menschen darauf; es muss nur einfach zugänglich sein und logisch, „usable and convenient“. Besonders in Nationalparks werden jetzt zunehmend Seitentäler für den allgemeinen Autoverkehr gesperrt. Zum Beispiel im Lungau: Da gibt es jetzt einen Tälerbus, zum Teil mit elektrischen Golf-Caddies. In Hinterstoder wurden an den Ausgangspunkten Parkgebühren eingeführt. Gerade im ländlichen Raum außerhalb von den Zentren ist das...

...ein Grund zum Aufstand?

… ja, die Einheimischen mögen das noch kritisch sehen. Die Gäste aber akzeptieren, dass eine gute Infrastruktur Geld kostet. Wenn ich Parkplätze und Shuttle-Busse einrichte, dann ist das ein Angebot, das den meisten einleuchtet. Ohne Alternativen würde ich mich allerdings veräppelt fühlen.

Wenn das Auto im Urlaubsort stehen bleibt, bräuchte man ja gar nicht erst mit dem Auto anzureisen?

Fluggäste kommen ja auch ohne Auto. Die kann man zwingen, ein Auto zu mieten – oder sie am Flughafen abholen. Das machen sehr viele Destinationen in Österreich: Sie fahren zum Teil bis zum Flughafen München. Aber zum Bahnhof nebenan fahren sie nicht... Dabei ist das Flugzeug heute oft billiger - die kaufkräftigeren Gäste kommen per Bahn. Viele Touristiker denken allerdings hier schon um.

In Werfenweng in Salzburg wurde ein Shuttle-Bus zum nächsten Bahnhof eingerichtet. Zu dem Dorf mit 800 Einwohnern und 1 800 Gästebetten ist früher nur dreimal am Tag ein alter Schulbus den Berg hinauf gefahren. Der Plan war nun: eine Verbindung zu jedem Fernzug, der in Bischofshofen ankommt – bei Bedarf, also wenn jemand anruft. Da pendelt jetzt ein moderner Kleinbus für acht Personen. Der Fahrer ist ein knorriger Bauer, den Dialekt versteht man fast nicht – das gefällt den Gästen, wenn sie direkt Kontakt mit Einheimischen haben. Mit B-Führerschein kann aber auch eine der Damen aus dem Tourismus-Büro mal schnell einspringen. Das funktioniert in kleinen Orten ganz gut, weil da hemdsärmeliger gearbeitet werden kann. Heute kommen nach Werfenweng 25 Prozent der Gäste mit der Bahn. Große Überraschung der örtlichen Verantwortlichen: Mit dem Shuttle fahren jetzt die Einheimischen auch mit!

Die Tirol-Werbung hat ein sehr ambitioniertes Programm gestartet: „Tirol auf Schiene“. Die haben das Marketing massiv ausgebaut und wollen die Zahl der Gäste, die mit der Bahn anreisen, bis 2020 auf zehn Prozent steigern, also im Vergleich zu heute verdoppeln. Österreich hat allerdings den Nachteil, dass die Gäste hauptsächlich aus dem Ausland kommen, besonders aus Deutschland – und das ist heute mit der Bahn mühsamer als früher.

In der Schweiz gibt es bereits Destinationen, wo die Hälfte der Gäste per Bahn oder Bus anreist. Berner Oberland, Zermatt, Saas-Fee – die zelebrieren das regelrecht. Im Innerschweizer Tourismus liegt der Bahnanteil bei gut 30 Prozent. Übersee-Gäste kommen mit dem Flugzeug und nutzen oft das Swisspass-Ticket. Die Schweizer haben sehr erfolgreiche Angebote aufgebaut. Da fahren Japaner hinten im offenen Wagen frierend die Arosa-Bahn hinauf und freuen sich über die Berge…

Dass Tirol jetzt mit der Bahn bereist werden soll, überrascht etwas. Wenn man da eine Fahrkarte kaufen will, muss man erst Dutzende Zonen-Waben zählen...

Nein, das wird geändert. Waben-Systeme und komplizierte Ticket-Automaten, die kein normaler Mensch versteht, sind nicht mehr zeitgemäß. Ich sitze ja auch nicht im Auto an der Ampel und überlege, fahre ich jetzt Bundes-, Land- oder Gemeindestraße und wie viele Waben darf ich zu welchem Tarif benutzen! Zum Glück hat Luxemburg in der Hinsicht keine Probleme. Ich habe da gerade eine ausländische Delegation begleitet und die haben das Tarifsystem sofort begriffen: zwei Euro für zwei Stunden, vier Euro für die Tageskarte. Das ist auch ohne Deutsch- oder Französisch-Kenntnisse leicht zu vermitteln.

Könnten Touristen nicht auch einfach mit dem Rad kommen?

An Loire und Donau sind die Ankünfte per Fahrrad bereits statistisch messbar – die Radwege sind am Wochenende schon fast überbevölkert. In Luxemburg gibt es zum Beispiel an der Mosel einen aktiven Radverleih. Die größte Überra-
schung ist, dass der Radweg auf der stillgelegten Vennbahn von Aachen nach Troisvierges so gut angenommen wird – eine der längsten zusammenhängenden Rad-Routen im europäischen Tourismus. Es gab dorthin sogar schon Leserreisen von österreichischen Zeitungen, die waren ausgebucht. Dabei ist das nicht unbedingt eine Destination, bei der man als erstes an Urlaub denkt. Der Weg endet aber in Troisvierges ohne Fortsetzung, obwohl Luxemburg durchaus ein Fahrrad-Land für Touristen sein könnte.

Beim „Forum Anders Reisen“ wurde Luxemburg schon als alternative Destination angepriesen: Es ist kein touristischer Hotspot, es ist nicht zubetoniert, die Hotels sind kleinunternehmerisch organisiert, man kann mit der Familie einen Ausflug im Bus machen und wandern... Im Umkreis von Luxemburg wohnen aber mehrere Millionen Menschen – touristisch ist das nicht uninteressant.

Das Wiener Büro für Verkehrsplanung bietet im Internet zum Download unter anderem eine Anleitung für Praktiker: Wie wird meine Tourismusdestination nachhaltig mobil? und dazu die Checkliste „Sanft mobil“: www.komobile.at

Martin Ebner
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