Büchner wiederentdeckt

Wem gehört das Genie?

d'Lëtzebuerger Land du 10.05.2013

Wenn man Hermann Kurzkes Büchner-Biografie liest, kann man getrost eine ganze Reihe von Untersuchungen über Georg Büchner vergessen. Allerdings sind diese 500 Seiten genau zu lesen. Das Werk glänzt durch detaillierte Recherchen, die manche eingefahrene Deutung Büchners korrigieren. Und der Rezensent muss zugeben: Es ist eigentlich ein Unding, über ein solches Buch eine Rezension zu schreiben, weil darin sehr viel Material und Wissen eingegangen ist und zudem eine gewagte und geglückte Annäherung an ein Leben unternommen wird, das in seiner Kürze unsäglich dicht war, das aber dokumentarisch nicht besonders gut belegt ist. Mehr als einige Hinweise kann er nicht geben.

Es ist schon erstaunlich, dass der Thomas-Mann-Spezialist, dem wir eine der einsichtigsten Biografien über den altgewordenen Klassiker der Moderne verdanken, nun dem jugendlichen Heißsporn Georg Büchner (1813-1837) eine ausgiebige Biografie widmet. Beide waren fleißige und geniale Autoren, und der Biograf hat trotz des frühen Todes von Büchner diesem 500 Seiten gewidmet, wobei die Biografie von Thomas Mann (1875-1955) 600 Seiten umfasst. Mann, der mit 80 starb, veröffentlichte sein großes Werk Die Buddenbrooks mit 25 Jahren und stieg damit in eine lange, ruhmreiche literarische und politische Karriere in einem Alter ein, als Georg Büchner bereits tot war. Dessen Nachruhm setzte viel später ein, und dann erst wurden seine Werke langsam zu einem Stück Weltliteratur.

Thomas Manns Leben (und auch sein Werk) ist nicht nur der deutschen Literatur eines der am besten belegten. Dasselbe kann über das kurze Leben und das knappe Werk Büchners gerade nicht gesagt werden. Kurzke gebraucht diesbezüglich einmal den Vergleich zwischen Büchners Leben und einem Bild, das infolge eines Säureattentats (S.19) zerstört worden ist. Dass hier mangels der Quellen oft die Imagination des Biografen eintritt, ist verständlich und begründbar, da der Unterschied von Quellengenauigkeit und Imagination deutlich klargemacht wird.

Da revolutionäre Autoren dieses Formats in der deutschen Literatur nicht besonders zahlreich waren, hat man Büchner auf der politisch linken Seite schon bald als einen der ihren betrachtet. Hermann Kurzke, der schon bei Thomas Mann die konservative oder gar reaktionäre Seite mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen behandelte, besonders als Herausgeber der Betrachtungen eines Unpolitischen, macht aus dem Revolutionär Büchner keinen Reaktionär, rückt aber das Bild dieses jungen Genies etwas zurecht. Besonders entreißt er ihn einer ideologischen Vereinnahmung durch eine gewaltbereite Linke oder die ehemalige DDR. Aber wer darf ihn für sich beanspruchen? Um auf meine Titelfrage zu antworten: Büchner „gehört“ niemandem; er war, der er war, und konnte nicht eingespannt werden, schon gar nicht vor einen Parteikarren.

Ein Überblick über das Gesamtwerk soll einen Einblick verschaffen: Das Buch geht aus von der Fahndung nach Georg Büchner im Metternich-Regime, von seiner politischen Einstellung, seiner literarischen Einordnung, seiner religiösen Ausrichtung und seiner Genialität. Unerwartet, ernüchternd und desillusionierend ist das Unterkapitel „Wenn Büchner den Büchnerpreis bekäme“; in ihm erahnen wir, wie dieser junge Dichter seine unvergesslichen Figuren geschaffen hat.

Dann erfahren wir, was genau der Hessische Landbote bedeutet und welche Folgen seine Verbreitung für die Autoren und die das Flugblatt Austeilenden hatte. Die Darstellung der einzelnen Verschwörer um Büchner liest sich wie ein spannender Krimi. Unerfreuliche Einblicke in die damalige Justiz und ihre Foltermethoden werden uns besonders im Fall von Weidigs Haft vor Augen geführt. Weidigs Schicksal oder das von Minnigerode hätte Büchner vermutlich teilen müssen, wenn er gefasst worden wäre. Und somit werden die ihn bedrohende Haft und ihre unausweichlichen Leiden, die wie ein Damoklesschwert über ihm schwebten, immer wieder beschworen. Das Schicksal seiner Mitverschworenen beschäftigt ihn all diese Zeit.

Büchners regionale und familiäre Wurzeln werden im dritten Kapitel beleuchtet. Die Hauptwerke (Dantons Tod, Lenz, Leonce und Lena und Woyzeck) werden in den Kapiteln vier, sechs, acht und neun untersucht. Der Liebhaber Büchner und seine Beziehungen zu realen Frauen und zu fiktiven Frauengestalten im Werk sind Thema des fünften Kapitels. Unter der Überschrift „Wollust, Sexualität“ wird uns dort bei Büchner eine erstaunlich enthemmte Sexualität vor Augen geführt, die sich in allen seinen literarischen Werken manifestiert. Dabei wird allerdings die Verbindung von Lust und Schmerz, von Eros und Thanatos oft betont. In Büchners Biografie imaginiert der Autor dann, dass die vierjährige Verlobung zwischen ihm und Wilhelmine Jäglé vielleicht bis zum Sexualakt reichte oder Wilhelmine sich doch verweigerte aus Angst vor den Folgen; diese wurden ihr von drohenden Tugendwächtern vorgehalten, denen die Wollust als entnervendes Laster erschien. Aus dem sexuellen Verhalten seiner Figuren lässt sich schließen, dass Büchner „Abgründig sexsüchtig“ ist, „Faktisch [aber] traut er sich nicht. Minna hat ihn voll im Griff“ (S.270). Jedenfalls scheint Büchner der Macht des Triebes in der Wirklichkeit widerstanden zu haben. „Aber das Herz lässt sich nicht gebieten. Es fordert sein Recht und bekommt es in der Dichtung. Dorthin fließt der Triebdruck und gebiert Gestalten wie Marie und Marion“ (id.).

Büchner, der Wissenschaftler wird im siebenten Kapitel untersucht und in Beziehung zu seinem Werk gesetzt. Sein literarisches Nachleben und seine politische Indienstnahme unter Hitler, im „real existierenden Sozialismus“, im westdeutschen Verbalradikalismus und im Lehrplan werden im Anschluss an Woyzeck im neunten Kapitel behandelt. Das letzte, das zehnte Kapitel widmet sich seinem frühen Tod.

Die aphoristische Knappheit und Aussagekraft mancher Formulierungen fasst Wichtiges zusammen. Allein die Kapitelüberschriften dieser 500 Seiten sind ein kleines, aber klares Programm: Steckbrief, Der Hessische Landbote, Was ihn prägte, Dantons Tod, Liebesgeschichten, Lenz, Wissenschaft, Leonce und Lena, Woyzeck, Sterben und Unsterblichkeit; über die 142 Überschriften der Unterkapitel kann man das gleiche sagen. So zeigt zum Beispiel die von Thomas Mann inspirierte Überschrift „Straßburg leuchtet, Gießen nicht“ schon im Titel, welche Rolle die beiden Städte im Lebensweg Büchners spielten.

Mich spricht das Kapitel „Im himmlischen Garten“, wo Danton auf Kohlhaas und Büchner trifft und mit dem sich entspannenden Kohlhaas dem Todeslied Luciles lauscht, am wenigsten an. Und trotzdem: Wenn ich aufzählen soll, was in diesem Buch über Büchner alles wirklich lesenswert ist, so weiß ich nicht, wo ich anfangen müsste, denn wo man’s aufschlägt, fasziniert die Lektüre.

Hermann Kurzke: Georg Büchner – Geschichte eines Genies; C.H. Beck, 2013; 591 Seiten; 29,99 Euro.
Jacques Wirion
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