Die Geschäftsverbände der größeren Städte entdecken das "City-Management"

Suche nach neuen Ufern

d'Lëtzebuerger Land du 07.09.2000

Johny Hoffmann ist begeistert. "Mit dieser jungen Equipe kann man etwas anfangen." Johny Hoffmann besitzt ein nach eigenen Angaben gut gehendes Lebensmittelgeschäft im Zentrum von Esch-Alzette und ist daneben Präsident des dortigen Geschäftsverbandes. Die von ihm so hoch gelobte "junge Equipe" ist der neue rot-rot-grüne Escher Schöffenrat.

Das City-Management Eschs wollen Gemeinde und Schöffenrat demnächst angehen, wozu Ende 1998 dringend die Experten des Consulting-Büros Deloitte [&] Touche in einer umfangreichen Studie zur Wettbewerbsfähigkeit des Luxemburger Einzelhandels geraten hatten. Per se ist der Einzelhandel in Luxemburg demnach nicht weniger rentabel als in Metz oder Trier. Die Ladenmieten im Verhältnis zum Umsatz sind vergleichbar, in Esch und im Bahnhofsviertel der Hauptstadt mitunter sogar niedriger. Der geringere Luxemburger Mehrwertssteuersatz und die höhere Kaufkraft tragen dazu bei, dass die mittlere Brutto-Gewinnspanne größer ist als beispielsweise in Metz. Auch die Personalkosten schlagen, bezogen auf den Umsatz, im Großherzogtum weniger stark zu Buche.

Allerdings: Am meisten profitieren davon Filialgeschäfte internationaler Gruppen mit kapitalmäßig stärkerer Rü-ckendeckung als ein auf sich allein gestellter Luxemburger Händler. Müssen Warenimporte nach Luxemburg doch über belgische Grossisten abgewickelt werden. "Trotz EU-Binnenmarkt wird Luxemburg für Belgien mit lizenziert", sagt Thierry Nothum, Generalsekretär der Handelskonföderation. Erst vor kurzem habe ein belgischer Möbelgrossist seinen Abnehmern in Luxemburg einen Preisaufschlag von 70 Prozent aufgebrummt. Laut Deloitte [&] Touche drückt diese Praxis in den Branchen Textilien, Schuhe und Möbel den Nettogewinn manch kleiner Händler hier zu Lande am Ende dann doch unter das Niveau im nahen Ausland. In Luxemburg-Stadt, sagt Bürgermeister Paul Helminger, komme neuerdings ein Mietpreisanstieg durch Spekulation hinzu - vor allem in den Top-Geschäftslagen sei das so und lasse dort die Mieten rasant steigen.

Vor diesem Hintergrund plädiert die Handelskonföderation mal wieder für eine weitere Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten. "Wenn die in Deutschland erneut dreguliert werden sollten, müssen wir flexibel darauf reagieren können", meint Thierry Nothum und erklärt, die CCL wolle eine Grundsatzdebatte des Ladenschlussgesetzes erreichen. Die An-sicht des OGB-L, wenn die Händler den im bereits bestehenden Gesetz existierenden Spielraum nicht ausnutzen, müsse es strukturelle Ursachen geben, hält Nothum nicht für falsch. "Aber die Beschränkung der Öffnungszeit an Samstagen und den Abenden vor Feiertagen muss weg."

Genaue Analysen über Konjunktur- und Strukturentwicklung im Einzelhandel fallen jedoch schon aus Datenmangel schwer. Ein "Observatorium" für die Branche, dessen Einrichtung die Consultants 1998 dringend empfahlen, gibt es bis heute nicht. Die Handelskonföderation erklärt sich als dafür nicht ausreichend ausgestattet, und auf Regierungsebene sind sich Wirtschafts- und Mittelstandsministerium noch uneins, wer diese Institution unter seine Fittiche nehmen soll. Und so kommt es, dass selbst beim statistischen Dienst des Wirtschaftsministeriums Statec aktuelle detaillierte Konjunktur- und Strukturdaten zum Luxemburger Einzelhandel nicht verfügbar sind.

Trotz der spekulativen Geschäfte mit Edel-Ladenlokalen hat sich für die alt eingesessenen kleinen Händler nichts geändert an jenem Kostenvorteil, den vor allem die Geschäftsleute mit nur einem Laden gegenüber den Filialen internationaler Ketten genießen: Mietpreise weit unterhalb des Marktniveaus, wegen zum Teil Jahrzehnte alter Mietverträge. Einem Szenario von Deloitte [&] Touche zu Folge, würde sich für den Fall, ein Einzelhändler müsste den Mietpreis zahlen, der einer internationalen Gruppe abverlangt wird, das Betriebsergebnis vor Steuern pro Quadratmeter La-denfläche für einen Händler mit ei-nem einzigen Ladenlokal von im Schnitt knapp 22 000 auf 7 300 Franken verringern; Betriebe mit mehreren Lokalen müssten sogar mit einem negativen Ergebnis rechnen. Ungünstige Zukunftsaussichten, da gerade den alt eingesessenen Händlern ihre treue Kundschaft allmählich wegstirbt und sich schwer erneuern lässt. Und: je älter der Händler, desto schwerer fällt eine grundlegende Um-orientierung. Schon moderne Ge-schäftsmethoden wie eine analytische Buchführung fehlt bei vielen Luxemburger Händlern, stellte die Studie von Deloitte [&] Touche fest; CCL-Generalsekretär Nothum bemerkt, zum Besuch von weiterbildenden Seminaren könne man niemanden zwingen, und Jean-Claude Backes, Präsident des Geschäftsverbandes von Luxemburg-Stadt hat schon 1993 "ganz geschockt" zur Kenntnis nehmen müs-sen, dass die Consulting-Firma Arthur Andersen nachwies, dass 80 Prozent der hauptstädtischen Einzelhändler unzureichend ausgebildet sind.

Verbesserte Geschäftsführung, besseres Marketing, Erhöhung der Fachkompetenz seien aber die Schlüssel dafür, dass trotz der wachsenden Präsenz ausländischer Filialen auch die kleinen Händler bestehen könnten, resümierte Deloitte [&] Touche vor zwei Jahren. Und weitaus wichtiger als Änderungen bestehender Gesetze sei die Erhöhung der Attraktivität der Innenstädte. Stadtmarketing und City-Management waren Schlüsselbegriffe.

Am weitesten scheint damit die Ge-meinde Esch zu sein. Mit dem lokalen Geschäftsverband sei man noch in der Diskussion, wer den City-Manager bezahlen soll, erklärt der für den Handel zuständige Schöffe Felix Braz (déi Gréng). Aber schon im nächsten Monat soll ein integriertes Verkehrskonzept für die Minette-Metropole vorgelegt werden, mit City-Bus, einem System von Anwohnerparkplätzen und einem Fahrradwegenetz. Und 2001 soll das erste Escher Kulturfestival über die Bühne gehen. Den Escher Geschäftsverband hat die Ge-meindeführung dabei auf ihrer Seite. Verbandspräsident Hoffmann ist froh, dass so schnell Verkehrsprobleme gelöst werden und in diesem Jahr in Esch wieder ein Weihnachtsmarkt statttfinden wird. Von einem City-Ma-nager verspricht er sich einiges: zum Beispiel, dass er eine attraktive "Lo-komotive" ins Geschäftsviertel holt, eine große Filiale mit klangvollem Namen, die für einen Kundenstrom sorgt, von dem auch andere Läden profitieren können. Da es im Escher Zentrum nicht derart viele Arbeitsplätze gibt wie etwa in der Oberstadt von Luxemburg, sei die Ladenstruktur an den Bedürfnissen der Bewohner und Besucher aus anderen Teilen des Südens orientiert.

In der Hauptstadt ist das etwas anders. Die Ausrichtung der Luxemburger Oberstadt auf Haut de gamme-Artikel und Einkäufer von außerhalb nan-n-ten Deloitte [&] Touche vor zwei Jahren ein Risiko, das die Attraktivität des Stadtteils auf einen zu engen Personenkreis beschränkt. Hauptstadt-Geschäftsverbandspräsident Backes ist zwar der Ansicht, dass die Oberstadt den Edel-Einkaufszonen ausländischer Städte "immer ähnlicher wird", aber: "Es gibt Haut de gamme-Filialen, die machen bei uns den höchsten Umsatz europaweit." Und in diesem Sinne solle sich die Oberstadt weiter profilieren: "Bei uns findet man alle wichtigen internationalen Marken. In Trier und Metz nicht, da muss man schon nach Düsseldorf oder Brüssel fahren." Von einem Strukturproblem möchte er nicht sprechen: "Macht die eine Filiale zu, ist gleich eine andere da."

Ob ein City-Manager eingreifend tätig werden sollte, etwa auch für das zweite Zentrum, das Bahnhofsviertel mit seinen billigeren Angeboten, be-zweifelt Bürgermeister Helminger: Da müsste zunächst der Geschäftsverband sagen, was er will. Der jedoch sieht ebenfalls keine Gefahr im Verzug, und so wird City-Mangement in der Hauptstadt anders aufgefasst als in der Süd-Metropole: Keine Einzelperson im Auftrag der Gemeinde soll das übernehmen, sondern eine vom Geschäftsverband gegründete S.A. Diese Struktur soll Effizienz sichern. Doch vorerst soll die S.A., deren Anfangskapital 32 000 Euro beträgt und die am 19. September vorgestel-lt werden wird, die Organisation des Hap-penings Art on Cows übernehmen, das es schon in Chicago und Zürich gegeben hat und wo im nächsten Jahr Künstler bis zu 150 lebensgroße "Kuh-Rohlinge" bemalen können - was hoffentlich ein Besuchermagnet sein wird. "Wir machen erst mal Art on Cows", sagt Jean-Claude Backes, "dann sehen wir weiter." Für das City-Ma-nagement der Hauptstadt wird vorerst er verantwortlich, denn die Einstellung von extra Personal ist bisher  nicht vorgesehen. Kein Problem, sagt Bürgermeister Helminger, komme es doch hauptsächlich darauf an, "die an sich vielen Aktivitäten, die es in der Hauptstadt schon gibt, miteinander zu koordinieren." Zu viele Eingriffe aber könnten schaden: "Wir kommen da schnell an die Grenzen des politisch Steuerbaren in unserem Wirtschaftssystem. Wir sind hier schließlich nicht auf Kuba!"

 

Peter Feist
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