Karl Marx und Luxemburg (5)

Karl Marx’ Luxemburger Bekannte

d'Lëtzebuerger Land du 12.04.2019

Während seines Brüsseler Exils von 1845 bis 1848 (d’Land, 24.08.2018) machte Karl Marx die Bekanntschaft von Luxemburgern, die in Belgien lebten. Das aus der Revolution von 1830 hervorgegangene Belgien war zu dem Zeitpunkt einer der wirtschaftlich höchst entwickelten und liberalsten Staaten Europas und unterschied sich deutlich von dem politisch und ökonomisch rückständigen Großherzogtum, das mit der Restauration von 1839 von Belgien abgetrennt worden war. Deshalb war eine Generation liberal gesinnter Luxemburger nach Belgien gezogen, um ein Handwerk auszuüben, als Ärzte oder Rechtsanwälte zu arbeiten, zu studieren oder eine akademische Karriere einzuschlagen. Ein Sondergesetz von 1839 kam ihnen nach der Teilung entgegen: „Les Luxembourgeois qui voulaient garder la nationalité belge n’avaient qu’à faire cette déclaration et à transférer leur domicile“1.

Tedesco Den engsten Kontakt pflegte Karl Marx zu Victor Tedesco, in den Jahren, als Marx seine Kritik der politischen Ökonomie entwickelte und die Handwerker- und Arbeiterzirkel in verschiedenen europäischen Großstädten zu organisieren und föderieren half, bis schließlich zur Gründung des Bundes der Kommunisten. Tedescos Beteiligung daran wird bis heute oft unterschätzt.

Victor Tedesco war am 28. Juni 1821 in der hauptstädtischen Paschtoueschgaass in die Familie eines Verwaltungsangestellten geboren worden. Nach dem Kolléisch studierte er in Liège zuerst Bergbau an der École des mines, wo er als Sekretär des Studentenkomitees für die bewaffnete Verteidigung Belgiens und gegen die Teilung Luxemburgs stritt. Anschließend studierte er bis 1847 Jura und wurde Rechtsanwalt.

In den Vormärzjahren bis zur Revolution von 1848 erlebte Victor Tedesco eine für die Zeitumstände typische politische Radikalisierung: vom anti­klerikalen Freimaurertum über den Liberalismus bis zum Kommunismus. In der Freimaurerloge La parfaite intelligence et l’étoile réunies, der der Student ab 1842 angehörte, bildete sich unter seiner Mitwirkung ein linker Flügel, der über den Antiklerikalismus hinaus gesellschaftliche Reformen anstreben wollte. Die liberale Partei in Liège, die Association de l’union libérale, der Tedesco beitrat, obwohl er weder über die belgische Staatsbürgerschaft noch über das Wahlrecht verfügte, zerbrach 1845 an der sozialen Frage, die wirtschaftlich und politisch liberalen, aber sozial konservativen Notabeln gründeten eine Association libérale.

Wann Victor Tedesco den drei Jahren älteren Karl Marx kennenlernte, ist unklar. Marx war 1845 aus Frankreich ausgewiesen worden und legte am 2. Feb­ruar beim Umzug nach Brüssel eine Zwischensta­tion in ­Liège ein, wo er laut einem Polizeibericht bei einem Freund übernachtete. Ob der Freund ­Victor Tedesco war, konnte nie ermittelt werden. Der in Louvain emeritierte Germanistikprofessor Rudolf Kern, der Victor ­Tedesco eine monumentale Biografie widmete2, schätzt, dass Marx und ­Tedesco sich erst im März oder April 1846 kennenlernten, als Tedesco über einen seiner engsten Freunde, Marx’ Arzt und Vermieter Albert Breyer, Kontakt zum gerade in Brüssel entstandenen Kommunistischen Korrespondenzkomitee aufnahm. In einem Brief an Marx vom 7. März 1846 bot der Kölner Arzt Roland Daniels (1819-1855) seinem Freund Karl Marx in Brüssel an: „Nach Lüttich selbst kann ich [Di]r E[m]pfehlungen gebe[n an] einen ju[ngen] Advokaten, Mitglied eines kommunistischen Klubbs‘.“3

Die Revolution von 1830 hatte Arbeitervereinen in mehreren europäischen Ländern Auftrieb verliehen, darunter chartistischen in Großbritannien und babouvistischen in Frankreich. Sie bestanden vor allem aus einer Generation von Handwerksgesellen, die nicht mehr zur Zunftordnung des Ancien Régime und noch nicht zum Industrie­proletariat gehörten, unterstützt von einigen Ärzten und Schriftstellern. Die Ziele dieser Vereine waren zuerst demokratisch, republikanisch, egalitär, patriotisch. Weil in allen Ländern Arbeitervereine blutig unterdrückt und Gewerkschaften rigoros verboten waren, konnten sie nur als verschwörerische Geheimbünde überleben. Deutsche Exilanten hatten 1834 in Paris den Bund der Geächteten gegründet, von dem sich 1838 ein linker, proletarischer Flügel als Bund der Gerechten abspaltete, um erstmals eigene Klasseninteressen zu vertreten. Dieser frühen Arbeiterorganisa­tion gelang es, Beziehungen nach Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Großbritannien, Belgien, Schweden, Dänemark und den USA zu spinnen4.

„Mit dem Bund der Gerechten waren Engels und Marx 1843/44 in London bzw. Paris in erste Berührung gekommen“5. 1846, zu der Zeit, als er die Bekanntschaft Tedescos machte, gründete Marx in Brüssel das Kommunistische Korrespondenzkomitee, einen informellen „Think tank“, der mit lithografierten oder gedruckten Rundschreiben versuchte, der entstehenden Arbeiterbewegung eine Theorie zur Überwindung „von französisch-englischem Socialismus oder Communismus und von deutscher Philosophie“ und „statt dessen die wissenschaftliche Einsicht in die öconomische Structur der bürgerlichen Gesellschaft“ zu liefern6. Dabei war Victor Tedesco ein effizienter Verbündeter von Karl Marx. Er machte „Propaganda für die Verbreitung des Marx’schen Anti-Proudhon-Buches ‚Misère de la Philosophie‘ im Sommer 1847 in Lüttich“7, das erstmals Grundsätze der materialistischen Geschichtsauffassung und der politischen Ökonomie öffentlich machte. Im Februar 1848 schrieb er Marx stolz: „Grün (Ch) s’était fait présenter à la loge. J’ai donné des renseignements sur son compte, tels qu’il a été repoussé à l’unanimité“8.

Der von seinen Eltern unterhaltene Student ­Tedesco versuchte, der mittellose Flüchtlingsfamilie Marx zu helfen. Nicht immer mit Erfolg, wie er am 22. Januar 1847 Marx schreiben musste: „Je suis dans une position très critique, mes amis le savent, et par conséquent je ne pourrais pas sérieusement me porter garant“9.

Im Kommunistischen Korrespondenzkomitee machte Victor Tedesco die Bekanntschaft anderer Pioniere der Arbeiterbewegung, wie des Offiziers und Journalisten Joseph Weydemeyer (1818-1866), der am 13. Mai 1846 in einem Brief an Philippe Gigot von „mein[em] Luxemburger Freund“ berichtete, und des Lehrers und Publizisten Wilhelm Wolff (1809-1864), der ein Jahr später Sekretär des Bundes der Kommunisten werden und dem Karl Marx sein Opus magnum Das Kapital widmen sollte.

Im Sommer 1847 verlegte der Bund der Gerechten seinen Sitz von Paris nach London und übernahm weitgehend die von Karl Marx ausgearbeitete und durch das Kommunistische Korrespondenzkomitee verbreitete Theorie. Er taufte sich in Bund der Kommunisten um und versuchte, als internationaler Bund mit neuen Statuten und einem politischen Programm nach Möglichkeit den Untergrund zu verlassen und öffentlich aufzutreten. Laut Statuten hatte er zum Zweck den „Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten, auf Klassengegensätzen beruhenden bürgerlichen Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum“10. „Im Herbst 1847 umfaßte der Bund mindeste[ns] vier- bis fünfhundert aktive Mitglieder, die in wenigstens 40 Gemeinden in mehreren Ländern Europas sowie in den USA wirkten“11. Von einer Gemeinde in Luxemburg, wo die Industrialisierung und damit die Arbeiterbewegung Verspätung hatten, ist nichts bekannt.

Am zweiten Kongress des Bundes vom 29. November bis 8. Dezember 1847 in London nahmen erstmals als Delegierte Karl Marx aus Brüssel und Victor Tedesco aus Liège teil, Friedrich Engels war Delegierter aus Paris. Ihre Reise war beinahe an den Reisekosten gescheitert. Marx und Tedesco reisten über Ostende an, wo sie im Hôtel de la Couronne übernachteten. Engels trafen sie erst in London, das geplante Treffen in Ostende, bei dem sie sich über das Programm des Bundes absprechen sollten, konnte nicht stattfinden, so dass Marx und Tedesco vielleicht erst einmal alleine darüber diskutierten.

In London fand vor dem Kongress am 29. November eine internationale Versammlung zum Jahrestag der polnischen Revolution von 1830 statt. Dabei hielten neun Redner Ansprachen, so ein Bericht von Friedrich Engels für die Pariser Zeitung La Réforme vom 5. Dezember 1847, unter ihnen Karl Marx, Friedrich Engels und Victor Tedesco: „M. Tedesco, de Liège, dans un discours énergique, a remercié les combattants polonais de 1830 d’avoir hautement proclamé le principe d’insurrection. Son discours, traduit par M. Schapper, a été chaleureusement applaudi.“12

Der eigentliche Kongress des Bundes der Kommunisten fand im Deutschen Arbeiterbildungsverein im Red-Lion-Pub in Soho statt. „Man kann davon ausgehen, daß mindestens 10 und höchstens 20 Bundesmitglieder am Kongreß teilnahmen“13, der nur abends nach Schichtende und an einem Sonntag stattfinden konnte. Auf dem Kongress hielt Victor Tedesco laut Max Nettlaus Auszügen des inzwischen verschollenen Protokollbuchs ein Referat: „Ein mir sonst nicht Bekannter; er kam mit MARX aus Brüssel (Briefwechsel I, 83, auch 90, 92). Er sprach nach den Reden von ENGELS und MARX zum Thema „Weibergemeinschaft“ (§ 20)“14. In dem als Fragen- und Antwortkatalog vorbereiteten Programmentwurf hatte es in Paragraf 20 geheißen: „§ 20. Wird mit der Aufhebung des Privateigentums nicht zugleich die Weibergemeinschaft proklamiert werden? – Keineswegs. Wir werden uns in das Privatverhältnis zwischen Mann und Frau, und überhaupt in die Familie nur insoweit einmischen, als die neue gesellschaftliche Ordnung dadurch gestört würde. Im übrigen wissen wir sehr gut, daß das Familienverhältnis im Laufe der Geschichte, nach den Eigentums- und Entwicklungsperioden, Modifikationen erlitten hat und daß daher auch die Aufhebung des Privateigentums den bedeutendsten Einfluß darauf haben wird. (23. XI.)“15 In einer zu diesem Zeitpunkt erschienenen Broschüre Om Proletariatet och Dess Befrielse genom Den Sanna Kommunismen hatte der schwedische Kommunist Pär Götrek angekündigt, dass das wichtigste Resultat der Aufhebung des Privateigentums die „qwinnans emancipation“, die Emanzipation der Frau, sein werde16. Wie Tedesco über die „Weibergemeinschaft“ referierte, ist nicht erhalten.

Wichtigster Beschluss des Kongresses sollte die definitive Verabschiedung eines Programms des Bundes der Kommunisten sein. Der erste Kongress hatte einen Entwurf eines Kommunistischen Glaubensbekenntnisses mit 22 Fragen angenommen und diesen Entwurf den Gemeinden des Bundes zur Diskussion zugestellt. Er war in der Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommenen Form eines politischen Katechismus verfasst, nach dem Vorbild des von August Hermann Ewerbeck im Winter 1844/45 verfassten Kommunistische[n] Katechismus und den 18 Fragen, die vom 18. Februar 1845 bis 14. Januar 1846 im Kommunistischen Arbeiterbildungsvereins in London diskutiert worden waren.

Von den Reaktionen aus den Gemeinden des Bundes auf diesen Entwurf scheinen zwei Gegenentwürfe überliefert. Einen, in deutscher Sprache, hatte Friedrich Engels Ende Oktober oder Anfang November 1847 unter dem Titel Grundsätze des Kommunismus mit 25 teilweise mit denjenigen des Entwurf des Kommunistischen Glaubensbekenntnis identischen Fragen verfasst. Mit dem zweiten, in französischer Sprache, war Victor ­Tedesco möglicherweise nach London gereist. Denn 1849, das heißt nach dem Manifest der Kommunistischen Partei, hatte er aus der Haft heraus einen Catéchisme du prolétaire mit 34 Fragen veröffentlicht. Er war noch in der ursprünglichen Katechismusform des Glaubensbekenntnisses verfasst, während Friedrich Engels schon zwei Jahre zuvor, am 2. November 1847, an Marx geschrieben hatte: „Ich glaube wir thun am Besten, wir lassen die Katechismus Form weg und tituliren das Ding: Kommunistisches Manifest. Da darin mehr oder weniger Geschichte erzählt werden muß, paßt die bisherige Form gar nicht“17. Falls der Catéchisme tatsächlich die 1849 zu einer Propagandabroschüre umgearbeitete Fassung eines Programmentwurfs von 1847 ist, lassen sich heute die ursprünglichen Absätze kaum noch von den nachträglichen unterscheiden.

Die Fragen über das Proletariat zu Beginn von Tedescos Catéchisme entsprachen weitgehend denjenigen des Glaubensbekenntnisses: „7. Was ist das Proletariat?“ wurde zu: „2. Qu’est-ce qu’un prolétaire ?“ „9. Wie ist das Proletariat entstanden?“ wurde: „4. Comment expliquez-vous cet esclavage du prolétaire ?“ „10. Wodurch unterscheidet sich der Proletarier von dem Sklaven?“ wurde: „3. Vous êtes donc esclave, ayant un maître ?“ Dann beantwortete Tedesco ökonomische Fragen, die im Glaubensbekenntnis fehlten, aber in Engels Grundsätzen und vor allem später im Manifest auftauchten: „6. Quelle est la loi d’aprés laquelle se règlent les conditions du salaire ?“, „Que devient le salaire par cette concurrence ?“, „8. Le travail vous est-il au moins garanti ?“

Tedescos Catéchisme unterscheidet sich von anderen Programmvorschlägen durch die Beschreibung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Industriearbeiter seiner Zeit: „7. Au résumé quelles sont les conditions de la vie de l’ouvrier ?“; „9. Vôtre sort est donc bien misérable ?“; 10. Vous ne me dites rien de votre instruction?“. In der Lièger Gemeinde des Bundes, inmitten eines der größten Industriereviere der damaligen Welt, wusste Tedesco möglicherweise besser über die alltäglichen Lebensumstände der Arbeiter Bescheid als der in Paris und Brüssel lebende Karl Marx, oder wenigstens so gut wie Friedrich Engels, der 1845 Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen veröffentlicht hatte.

In kurzen Fragen und Antworten beschrieb Tedesco dann, wie sich die Reichen als „classe prédominante“, die die Arbeitsinstrumente und Kapitalien besäßen, sich mittels der Parlamente die Macht angeeignet hätten. Angesichts dieser Verhältnisse fragte das Glaubensbekenntnis: „16. Auf welche Weise glaubt Ihr, daß der Übergang aus dem jetzigen Zustande in die Gütergemeinschaft zu bewerkstelligen sei?“, bei Tedesco hieß das: „27. Comment la réaliserez-vous ?“, bei Engels: „18. F: Welchen Entwicklungsgang wird diese Revolution nehmen?“ Das Glaubensbekenntnis und Engels antworteten: durch „eine demokratische Staatsverfassung“, Tedesco: „Par le suffrage universel“, und auch das Manifest zielte als „erste[r] Schritt“ auf „die Erkämpfung der Demokratie“. Ist die Demokratie hergestellt, plante das Glaubensbekenntnis „[d]ie Sicherung der Existenz des Proletariats“, Tedesco „[l]e droit au travail“, das vom Staat garantiert werden soll und am Anfang einer „République Démocratique et Sociale“ steten soll.

Alle Programmvorschläge beantworteten verschiedene aktuelle Einzelfragen, wie „22. Verwerfen die Kommunisten die bestehenden Religionen?“ im Glaubensbekenntnis, „11. Ne tenez-vous aucun compte du prêtre ?“ bei Tedesco. Doch er beschäftigte sich als einziger in drei längeren Antworten mit der Frage: „23. Pourquoi donc la royauté fut-elle restaurée ?“, warum das revolu­tionäre Bürgertum in Belgien keine Republik ausgerufen hatte. Vielleicht hatte er so ein belgisches Anliegen in das Programm des Bundes schreiben wollen, vielleicht hatte er diese Absätze erst 1849 für die Veröffentlichung hinzugefügt. Dafür befasste er sich nicht mit der Abgrenzung der Kommunisten von anderen Parteien, die auch keine Rolle im Glaubensbekenntnis spielte, aber von Engels erörtert wurde und das letzte Drittel des Manifestes einnahm. Das Glaubensbekenntnis begann zwar mit der Anrede „Frage 1. Bist Du Kommunist?“, aber nur Tedesco kam wiederholt auf die Form eines Zwiegesprächs zurück: „Comme je l’ai dit…“, „Nous la renverserons à jamais“, „Nous ne possédons pas les instruments de travail…“

Tedescos Catéchisme du prolétaire, dem die Wortgewalt und theoretische Einsicht des Manifestes fehlte, erschien 1849 zuerst anonym als Catéchisme du Prolétaire par le comité de rédaction du journal Le Peuple, im gleichen Jahr dann als Catéchisme du Prolétaire, par V. TEDESCO, Détenu politique in Liège und in einer Übersetzung des linken Dichters Ferdinand Freiligrath als Kathechismus des Proletariers von TEDESCO in London.

Statt einen der Programmvorschläge anzunehmen, beauftragte der zweite Kongress des Bundes Karl Marx und Friedrich Engels mit der Abfassung eines neuen Textes, wie es im Vorwort zur „Neuen Ausgabe“ des Manifestes der Kommunistischen Partei heißt18. Sie verfassten das Manifest nach ihrer Heimreise aus London und veröffentlichten es beim Ausbruch der Februarrevolution 1848. Wie weit Tedesco bei der Abfassung behilflich war, ist unbekannt. Als er im Juni 1848 verhaftet wurde, fand die Polizei ein Manuskript bei ihm, in dem er, vielleicht in Marx’ Auftrag, eine französische Übersetzung des Manifestes begonnen hatte. Das Manuskript ist inzwischen verschollen19.

Im November 1847 gründeten Demokraten aus verschiedenen Ländern in Brüssel die Association démocratique, ayant pour but l’union et la fraternité de tous les peuples. Ihr gehörten auch Karl Marx und Friedrich Engels an, die ein Bündnis zwischen bürgerlichen Demokraten und den Arbeitern des Bundes der Kommunisten anstrebten. „Die Versuche Victor Tedescos (1822-1897), eine lüttiche Zweiggesellschaft zu bilden, waren bis Ende Februar 1848 erfolglos geblieben“20.

In der Februarrevolution 1848 wurde Karl Marx ausgewiesen. Victor Tedesco war nach Brüssel gereist, um für den bewaffneten Umsturz und die Ausrufung der Republik zu agitieren. Der junge Anwalt wurde ein erstes Mal verhaftet. In Liège war Tedesco Wortführer bei der Gründung eines Republikanischen Clubs. Nach Aufständen in Brüssel und Gent marschierten 1 800 bewaffnete Revolutionäre aus Frankreich ein, wurden aber bei Risquons-tout rasch niedergeschlagen. ­Tedesco wurde verhaftet, im August 1848 in Antwerpen zusammen mit 43 anderen Angeklagten vor Gericht gestellt und mit 16 Gleichgesinnten als republikanischer Drahtzieher wegen Hochverrats zum Tod verurteilt. Das Urteil wurde im November in 20-jähriges Zuchthaus umgewandelt. Tedesco blieb bis Anfang 1854 auf der Zitadelle von Huy eingesperrt, den Rest seines Lebens verbrachte er als liberaler Notabel in Arlon, wo er 1897 mit 75 Jahren verstarb21.

Altmeyer Schon als junger Student hatte Victor Tedesco Beziehungen zu einem Landsmann und Logenbruder unterhalten, dem 17 Jahre älteren Jean Altmeyer. Altmeyer war 1804 in Stadt-Grund geboren worden. Nach dem Besuch des Kolléisch wurde er 1831 und 1832 Doktor der Philosophie und der Rechtswissenschaft sowie Rechtsanwalt am Brüsseler Berufungsgericht. 1834 wurde auf Betreiben des liberalen, freimaurerischen Bürgertums die Université libre de Bruxelles gegründet. Ab dem zweiten Semester übernahm Altmeyer den Lehrstuhl für Altertumswissenschaft und wurde ab 1848 ordentlicher Professor. Er verfasste mehrere historische und geschichtsphilosophische Bücher, darunter Introduction à l’étude philosophique de l’histoire de l’humanité (1836), Précis de l’histoire ancienne, envisagée sous le point de vue politique et philosophique (1837) und Cours de philosophie de l’histoire (1840)22.

Altmeyer fühlte sich dem Panentheismus und der Ethik des deutschen Kantschülers Carl Christian Friedrich Krause (1781-1832) nahe, dessen Lehre vorübergehend Anhänger bei radikalen Demokraten in Belgien und Spanien fand. Als Professor galt Altmeyer laut Camille Lemonnier als Original: „On allait au cours d’Altmeyer comme à une kermesse […] j’entends toujours sa voix aigre et graillonneuse rééditer son mot fameux : ‘Les rois, c’est des morpions confits dans l’urine!’ Il avait une manière à lui de comprendre l’histoire : ‘Messieurs, disait-il, la maison de Bourgogne, je l’appelle un b[ordel] à cent sous.’“23 Bei der in Brüssel angesehenen Familie Altmeyer waren Proudhon, Charles De Coster und Baudelaire zu Gast24.

Das erste Mal, dass Karl Marx mit dem Namen Altmeyer in Berührung kam, war möglicherweise kurz nach seiner Ehe mit Jenny von Westphalen, als der 25-Jährige bei der Schwiegermutter in Bad Kreuznach wohnte. Dorthin schrieb ihm Arnold Ruge, mit dem zusammen er die Herausgabe der Deutsch-Französischen Jahrbücher plante, am 11. August 1843 aus Paris und berichtete über die politische Lage im jungen Belgien: „Die Universitätsprofessoren sind zum Theil Democraten. […] Die freien Democraten heißen Maynz, ­Ahrens (ein anderer Ahrens, nicht der Philosoph), Altmeyer, Breyer. Die 3 ersten sind Juristen, der letztere Mediciner.25

Doch auch lange nachdem er Brüssel verlassen hatte, pflegte Marx – anders als zu Tedesco – Beziehungen zu Altmeyer. Am 11. April 1868 schickte er aus London einen mit „Old Nick“ unterzeichneten Brief an „Mein[en] liebe[n] Cacadou“, seine in Paris wohnende Tochter Laura. Darin bat er sie um eine Gefälligkeit bei der Weitergabe des im September 1867 erschienenen ersten Bands von Das Kapital: „Ich erwarte von Meißner 3 Exemplare meines Buchs. Wenn sie ankommen, werde ich zwei an Cesar De Paepe schicken, eins für ihn selbst, das andere für Altmeyer. Falls Du inzwischen Zeit finden solltest, Schily zu sehen (das heißt, falls Du ihm – Rue St. Quentin 4 – schreibst, daß er Dich aufsucht), so frage ihn bitte, was aus den drei Exemplaren geworden ist; 1 schickte ich für Jaclard, 1 für Taine, 1 für Reclus. Wenn Jaclard nicht aufzufinden war, könntest Du sein Exemplar an Altmeyer geben, denn Meißner schickt die Exemplare sehr langsam.26

In einer privaten Mitteilung erinnerte sich Gast Mannes, dass er einmal einen Hinweis gefunden hatte, dass Altmeyers Witwe, die deutschstämmige Caroline Julie Justine Beving, nach Luxemburg geschrieben hatte, um den Nachlass ihres Mannes einschließlich eines Widmungsexemplars von Das Kapital anzubieten. Über den Nachlass Altmayers schreibt ­Adrienne Stengers-Limet: „Il y avait surtout la part des 12 000 francs que l’Etat allait verser pour l’acquisition des Papiers Altmeyer et qui était peut-être une forme d’aide à la famille.“27 Rolf Hecker, Larisa Miskevič und Manfred Schöncke führen in ihrem Zensus der Widmungsexemplare von Das Kapital keinen Band Altmeyers auf28. Das Frankfurter Auktionshaus Wilhelm M. Döbritz versteigerte am 28. Januar 2017 eine Erstausgabe von Das Kapital mit der Widmung „Au citoyen Cézar de Paepe, salut fraternel, Kark Marx, Londres 3 septembre 1868“, das für 244 000 Euro von dem Londoner Antiquariat Peter Harrington ersteigert wurde.

Mit dem Inhalt des ihm geschenkten ersten Bands von Das Kapital wusste Altmeyer wohl wenig anzufangen. Denn der Demokrat und Krausianer wurde mit den Jahren liberaler. „Il termine en garantissant grâce au ‚progrès individuel, la sécurité de l’ordre social‘29. Er starb nach jahrelanger Krankheit 1877. In den Bibliotheken von Marx und Engels fand sich keines von Altmeyers Büchern.

Faber Im Dezember 1846 war der junge Schneidergeselle Friedrich Mentel in Berlin verhaftet worden und hatte nach strenger Einzelhaft seine Genossen verraten, die Mitte 1845 dem Bund der Gerechten angehörten: „Von Mitgliedern des Bundes zu London, welcher als eine Ausdehnung des Pariser Bundes von den übergewanderten Handwerkern und resp. Literaten begründet ist, sind mir folgende bekannt geworden: […] 22. der Schneider Faber aus Luxemburg oder Köln. In betreff dieser Personen habe ich nur gesprächsweise, teils von ihnen selbst, teils von andern in Erfahrung gebracht, dass sie dem Bunde angehörten. Über die Tätigkeit für denselben kann ich nichts Näheres angeben.“30 Ob der revolutionäre Schneider Faber tatsächlich aus Luxemburg stammte, ist bis heute unbekannt.

Leibfried Der saarländische Gewerkschafter Karl Handfest veröffentlichte 1984 die Biografie Wilhelm Leibfried. Der Marx-Freund aus Luxemburg31. Trotz des eindeutigen Titels konnte er über die Beziehungen zwischen Karl Marx und dem 1823 in Trier geborenen Wilhelm Leibfried aber nur spekulieren: „Beide waren Knaben in derselben Stadt, wohnten nicht sehr weit von einander entfernt, die Väter hatten bei den gleichen Beruf, vertraten am selben Gericht derselben Stadt… Es gibt keine Zweifel, daß Wilhelm Leibfried ein Jugendfreund von Karl Marx wird“32. Sicher ist dagegen, dass Leibfried, der mit 19 Jahren nach Luxemburg umzog, im September 1848 an der Revolution in Frankfurt und im August 1891 am Kongress der Zweiten Internationale in Brüssel teilnahm. Als wohlhabender Rechtsanwalt unterstützte er zeitlebens Arbeiterorganisationen in mehreren Ländern mit Geldspenden. Friedrich Engels erwähnte ihn im Oktober 1892 in zwei Briefen an August Bebel als „Fall Cuno-Leibfried“33, die Weigerung der Witwe Emily Cuno-Mansfield, für die Schulden ihres Ehemanns Louis-François gegenüber Leibfried aufzukommen.

1 Gast Mannes, „Tous les grands Belges ont été des Luxembourgeois“, in: Arts et Lettres, 2017, S. 66

2 Rudolf Kern, Victor Tedesco – ein früher Gefährte von Karl Marx in Belgien. Sein Leben, Denken und Wirken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
1. Band: 1821-1854, Waxmann, Münster

3 Mega III/1, S. 514

4 Martin Hundt, Geschichte des Bundes der Kommunisten 1836-1852, Peter Land, Frankfurt, 1993, S. 105

5 Martin Hundt, Geschichte des Bundes der Kommunisten 1836-1852, Peter Land, Frankfurt, 1993, S. 185

6 Karl Marx, Herr Vogt, Petsch, London, 1860, S. 35

7 Rudolf Kern, Victor Tedesco – ein früher Gefährte von Karl Marx in Belgien. Sein Leben, Denken und Wirken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
1. Band: 1821-1854, Waxmann, Münster, S. 280

8 Mega, III/2, S. 387

9 Mega, III/2, S. 328

10 Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien Band I 1836-1849, Dietz, Berlin 1970,
S. 626

11 Martin Hundt, Geschichte des Bundes der Kommunisten 1836-1852, Peter Land, Frankfurt, 1993, S. 341

12 Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien Band I 1836-1849, Dietz, Berlin 1970,
S. 617

13 Martin Hundt, Geschichte des Bundes der Kommunisten 1836-1852, Peter Land, Frankfurt, 1993, S. 373

14 Max Nettlau, „Marxanalekten“, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, 8. Jg., Hirschfeld, Leipzig, 1919, S. 395

15 Max Nettlau, „Marxanalekten“, in: Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, 8. Jg., Hirschfeld, Leipzig, 1919, S. 393

16 Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien Band I 1836-1849, Dietz, Berlin 1970,
S. 565

17 Mega, III/2, S. 122

18 Das kommunistische Manifest. Neue Ausgabe mit einem Vorwort des Verfassers, „Volksstaat“, Leipzig, 1872, S.

19 Rudolf Kern, Victor Tedesco – ein früher Gefährte von Karl Marx in Belgien. Sein Leben, Denken und Wirken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
1. Band: 1821-1854, Waxmann, Münster, S. 308

20 Bert Andréas, Marx’ Verhaftung und Ausweisung Brüssel Februar/März 1848, Karl-Marx-Haus, Trier, 1978, S. 12

21 Rudolf Kern, Victor Tedesco – ein früher Gefährte von Karl Marx in Belgien. Sein Leben, Denken und Wirken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
1. Band: 1821-1854, Waxmann, Münster, S. 675

22 Edouard M. Kayser, „Un esprit libre au ‚siècle de l’histoire‘, le Luxembourgeois Jean-Jacques Altmeyer (1804-1877), promoteur de l’U.L.B., de l’école historique belge et du progrès social“, in: Récré,
Nr. 29,2016, S. 48

23 Camille Lemonnier, Une vie d’écrivain, 1945

24 Adrienne Stengers-Limet, „Une rencontre à Bruxelles: Gustave Flourens et Jean-Jacques Altmeyer“, in: Archives et bibliothèques de Belgique, t. LXXII, n° 1-4, 2001, S. 228

25 Mega, III/1, S. 409

26 MEW, 32, S. 544

27 Adrienne Stengers-Limet, „Une rencontre à Bruxelles: Gustave Flourens et Jean-Jacques Altmeyer“, in: Archives et bibliothèques de Belgique, t. LXXII, n° 1-4, 2001, S. 316

28 Rolf Hecker, Larisa Miskevič, Manfred Schöncke, „Das Kapital mit Widmungen von Marx und Engels“, in: MEGA-Studien, 1994/1, S. 107 und Beiträge zur Marx-Engels-Forschung Neue Folge 2002, S. 263

29 Adrienne Stengers-Limet, „Une rencontre à Bruxelles: Gustave Flourens et Jean-Jacques Altmeyer“, in: Archives et bibliothèques de Belgique, t. LXXII, n° 1-4, 2001

30 Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien Band I 1836-1849, Dietz, Berlin 1970,
S. 239

31 Cope, Luxemburg, 1984

32 Karl Handfest, Wilhelm Leibfried. Der Marx-Freund aus Luxemburg, Cope, Luxemburg, 1984, S. 13

33 MEW, 38, S. 163 u. 170

Romain Hilgert
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