Braun, Josy: E Graf op Madeira

Fall ohne Knall

d'Lëtzebuerger Land vom 08.04.2010

Gefallen findet Fränz Duren vor allem an einem: seiner Routine. Der pensionierte Polizist lebt seit dem Tod seiner Frau allein mit seiner Katze Fritzi; er beklagt sich über Rückenschmerzen und tut sich schwer mit dem Computer. Hin und wieder gönnt er sich einen Restaurantbesuch, und ein, zwei Gläschen Wein oder Porto ist er ohnehin nie abgeneigt. Alle paar Wochen ein Telefongespräch mit seiner Tochter Liz –, ansonsten passiert nicht viel. Das Leben ist weder grandios, noch so, wie er es sich gewünscht hätte, aber immerhin ist es einigermaßen in Ordnung. Jedenfalls hat sich Fränz Duren daran gewöhnt.

Als ihn ein alter Bekannter aus der Militärzeit, „Westesch Pol“, anruft und ihn um einen Gefallen bittet, ist Duren zunächst nur genervt, dass er aus seinem gemächlichen Altherrentrott gebracht wird. Westers Tochter Chloé ist vor vier Jahren bei einer Urlaubsreise nach Teneriffa spurlos verschwunden. Ob Duren nicht seine Kontakte bei der Polizei anzapfen könne, um bei der Suche zu helfen?

Als der verzweifelte Vater ihm von seiner Tochter erzählt, riecht der geübte Kriminalist schnell Lunte. Nach kur­zen Nachforschungen erhärtet sich sein Verdacht: Chloé hatte eine Affäre mit ihrem Vorgesetzten, dem Minister Prüm, einem opportunistischen Emporkömmling, der es durch eine schlaue Heirat bis in die obersten gesellschaftlichen und politischen Kreise gebracht hat. Prüm ist ausgebildeter Pilot und besitzt ein Ferienhaus auf Madeira. Kann es sein, dass Chloé nur zum Schein nach Teneriffa geflogen ist um sich dort von Prüm mit dem Sportflugzeug abholen zu lassen? Ist die junge Frau, wie ihre ehemalige Arbeitskollegin aufgrund eines Zeitungsartikels vermutet, ermordet worden?

Der Fall lässt Duren nicht mehr los: Er entspricht ganz dem Typus des Ermittlers wider Willen, der eigentlich nur seine Ruhe haben will und seinem Gerechtigkeitsbewusstsein dann doch nachgibt. Ehe er es sich versieht, sitzt Duren mit Liz und seiner Enkelin Malou im Flugzeug nach Madeira, ausstaffiert mit DNA-Proben und einem offiziellen Schreiben der Luxemburger Polizei, das ihm während seines Familienurlaubs dabei helfen soll, Nachforschungen anzustellen. Als er tatsächlich erreicht, dass die anonyme Leiche, von der der Zeitungsartikel berichtet, exhumiert wird, scheint die Lösung des Falls greifbar nah: Die ermordete Frau war schwanger. Handelt es sich hier um das Tatmotiv? Wollte Prüm seine Affäre vertuschen?

Am Ende kommt es natürlich anders als man denkt. Hier erweist sich Josy Braun einmal mehr als souveräner Krimiautor, der genau weiß, wie er die Informationsvergabe handhaben, wann er Indizien zusammenführen und seinen Figuren zu Einsichten verhelfen muss. E Graf op Madeira ist dabei ein vergleichsweise abgeklärter Roman geworden, der weder droht, ins Groteske abzurutschen, noch zur albernen Räuberpistole zu werden. Der Autor belässt seine Figuren in einer – bei aller Urlaubsatmosphäre – alltäglichen Umgebung; es gibt weder Verschwörungen, Verfolgungsjagden, Schießereien, noch besonders bedrohliche Situationen. Auch die von Duren erträumte spektakuläre Festnahme Prüms, dessen moralische Verkommenheit im Laufe des Romans nach und nach entlarvt wird, kommt nicht zustande. Zwar opfert Braun dieser Realitätsnähe von Erzählung und Figuren einen beträchtlichen Anteil von dem Unterhaltungswert, den man von seinen Büchern gewohnt ist, doch insgesamt gewinnt der Roman dadurch mehr als er verliert.

Zusätzliche Authentizität erhält der nüchterne Tonfall durch die Erzählperspektive. Dadurch, dass er seine Hauptfigur als klassischen Ich-Erzähler auftreten lässt, löst Braun ein Problem, an dem viele seiner früheren Publikationen kranken: dass er sich nämlich oft nicht von seinen pädagogischen Ansprüchen lösen kann, wo es um die Sprache geht. Die Konflikte zwischen seinem etwas altbackenen Luxemburgisch und der Umgangssprache werden hier einfach in die Figur zurückverlagert. Dass sich ein mürrischer Eigenbrötler wie Fränz Duren über den Verfall seiner Muttersprache aufregt und hin und wieder veraltete Redewendungen benutzt, braucht niemanden zu wundern und unterstützt sogar die Glaubwürdigkeit seines Psychogramms. Josy Braun scheint mit dieser Kombination von Ich-Perspektive und Sprachduktus ein bereits gut funktionierendes, aber sicher noch ausbaufähiges erzählerisches Modell gefunden zu haben.

Unbedingt gewürdigt gehört überdies der lustige Einfall Brauns, sich auf seinem neuen Autorenfoto mit Katze auf dem Arm zu präsentieren – eine schelmische Verwischung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion in einem sonst eher ernsten Buch.

Josy Braun: E Graf op Madeira. Roman. Éditions Josy Braun 2010.
Elise Schmit
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