Interview mit Gabriele Grawe, Kuratorin der Villa Vauban

Lebendige Sammlung

d'Lëtzebuerger Land vom 17.05.2013

d’Land: Seit Januar 2012 arbeiten Sie als Kuratorin an der Villa Vauban. Wo haben Sie vorher gearbeitet? Welchen professionellen Background und Erfahrung bringen Sie mit ins Team?

Gabriele Grawe: Nach meinem Studienabschluss in Berlin habe ich unter anderem Ausstellungen und Publikationen bei den Deutschen Werkstätten in Dresden, danach während meines Volontariats bei den Staatlichen Museen in Kassel (heute mhk) mit organisiert und betreut. Dann war ich drei Jahre in Paris beschäftigt, als wissenschaftliche Referentin am Deutschen Forum für Kunstgeschichte und als Assistenzkuratorin am Centre Georges Pompidou. Es folgten mehrere Anstellungen in Trier, dort vor allem bei der Ausstellungsgesellschaft, die für die Vorbereitung und Durchführung der großen Landesausstellung Konstantin der Große in drei Museen der Stadt verantwortlich war. Bis Ende 2011 habe ich im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der BTU in Cottbus gearbeitet. Durch diese unterschiedlichen Tätigkeiten habe ich Erfahrungen in vielen relevanten Berufsfeldern der internationalen Museumsarbeit und im Projektmanagement gesammelt.

Sie sind Anfang 2012 bei der Ausstellung Brueghel, Cranach, Titien, van Eyck eingestiegen. Die erste Ausstellung, wo Sie sich jedoch kuratorisch und organisatorisch voll einbringen konnten, war Les collections en mouvement im Juli 2012, ein neues Format, wo die eigene Sammlung mit Werken aus anderen Sammlungen ergänzt und in einem spannenden Dialog gezeigt wurde. Wie wurde dieses Format von den Besuchern aufgenommen und wird es fortgeführt?

„Voll einbringen“ ist nicht ganz richtig, denn ein wesentlicher Bestandteil unseres neuen Ausstellungskonzepts ist die Erforschung unserer Sammlungen. Dafür blieb mir in der ersten Hälfte des Jahres 2012 gar keine Zeit. Die erste Ausstellung wurde von meiner Kollegin vorbereitet. Da das Budget für 2012 bereits festgelegt war, mussten wir uns auch bei der Präsentation dieser Ausstellung im Altbau des Museums auf das Notwendigste beschränken. Dennoch haben wir dafür nicht nur von unserem heimischen Publikum, sondern auch von Touristen, die immer nach den hauseigenen Sammlungen fragen und diese auch sehen wollen, eine tolle Resonanz erhalten, die uns schließlich darin bestärkt hat, das Konzept beizubehalten und weiter auszubauen. In diesem Sommer zeigen wir deshalb von Mitte Juli bis Anfang September erstmals im gesamten Museum ausschließlich Werke aus eigenem Sammlungsbestand.

In dieser Ausstellung wurde auch großer Wert darauf gelegt, dem Publikum Werke zugänglich zu machen, die noch nie oder selten zuvor ausgestellt wurden. Die Sammlung der Villa Vauban besteht ja hauptsächlich aus der Schenkung von drei Kunstsammlern: J.P. Pescatore, Léo Lippmann und Eugénie Dutreux-Pescatore. Wie viele Werke gibt es insgesamt in der Sammlung der Villa Vauban? Und welcher Anteil davon wurde noch nie oder nur sehr selten gezeigt?

Zusammen mit unserer Sammlungskuratorin arbeiten wir an einer Gesamterfassung unseres Bestandes. Das wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Einschließlich der zeitgenössischen Werke sprechen wir von ca. 3 000 Objekten. Bei der Vorbereitung zur ersten Ausstellung der Collections en mouvement wurde jedoch offensichtlich, dass eben jene Schenkungen und Ankäufe, die nicht von den drei soeben genannten Sammlern stammen, der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt sind. Das macht etwa ein Drittel des Gesamtbestandes aus.

Gibt es auch Depotleichen, Werke die wegen ihres restauratorischen Zustandes zum Ausstellen ungeeignet sind?

Sicher, auch wenn die wenigsten Werke davon in einem sehr schlechten Zustand sind. Meistens ist eine Reinigung der Oberfläche ausreichend, um ein Gemälde wieder ausstellen zu können. Bei der Konzeption unserer Ausstellungen in der Villa Vauban arbeiten wir stets eng mit unserer Restauratorin zusammen.

Neben Sammlungspräsentationen zeigt die Villa Vauban auch Wechselausstellungen, so wie die aktuelle Ausstellung von Petrus van Schendel und seinen schönen, stimmungsvollen Nachtszenen. Welches sind die großen Ausstellungen, die geplant sind und worauf kann man sich 2013 und 2014 freuen?

Vom 5. Oktober 2013 bis 19. Januar 2014 zeigen wir im Neubau eine Ausstellung zum Thema Tiere in der Kunst, die einen zeitlichen wie thematischen Überblick über das vielfältige Motiv „Tier“ bietet. Für das nächste Jahr planen wir in Kooperation mit der Eremitage in St. Petersburg und dem Dordrechts Museum eine Ausstellung über die Kunstsammlung von König Wilhelm II. von Holland und Anna Pawlowna, unter dem Titel Königliche Pracht am niederländischen Hof.

Welchen Kurs schlägt die Villa Vauban künftig ein? Wie sehen die Schwerpunkte aus, die Sie festgelegt haben oder noch festlegt?

Es ist gar nicht so, dass wir nun einen neuen Kurs einschlagen, denn jene Schwerpunkte, die von Danièle Wagener, unserer Direktorin, 2010 mit der Wiedereröffnung des Kunstmuseums festgelegt wurden, bleiben auch künftig bestehen. Unsere Sonderausstellungen mit internationalen Leihgaben verfolgen mehrere Ziele, die mit den eigenen Sammlungen in Verbindung stehen: Retrospektiven einzelner Künstlerinnen und Künstler, vertiefende Einblicke in die Kunstströmungen verschiedener Epochen oder Präsentationen anderer Sammlungen und Sammlungsgeschichten. Ergänzend dazu zeigen wir bei Bedarf die Dokumentation der Maßnahmen, die in der Restaurierungsabteilung des Museums für den Erhaltung und den Schutz der Kunstwerke getroffen werden.

Wie gestaltet sich der Ausgleich zwischen Sammlungspräsentation und Wechselausstellung?

Ich nenne die von Ihnen angesprochenen Wechselausstellungen lieber Sonderausstellungen, da unsere Sammlungspräsentation ja auch auf Wechselausstellungen beruht. Wir zeigen, um den eigenen Sammlungsbestand lebendig zu halten, bewusst keine Dauerausstellung, aber vor allem auch deshalb, damit wir unseren Besucherinnen und Besuchern ein möglichst abwechslungsreiches Ausstellungsprogramm bieten können. Der Unterschied zu den Sonderausstellungen besteht lediglich in der Größenordnung, sowohl was die Leihanfragen als auch die Ausstellungsfläche betrifft. Unser Wunsch wäre es, beide Ausstellungsformate auch künftig gleichberechtigt und parallel präsentieren zu können. Das ist allerdings vor allem eine Frage des Budgets und auch der personellen Ressourcen, denn der Organisationsaufwand ist natürlich enorm. Es braucht einen langen zeitlichen Vorlauf, nicht zuletzt aufgrund der Mehrsprachigkeit, mit der wir unsere Ausstellungen didaktisch begleiten.

In der Ausstellung Émotions. Reflets dans la peinture et la photographie, 2011/12, wurden auch zeitgenössische Luxemburger Künstler eingebunden. Vor dem Umbau und hauptsächlich in den 1980er Jahren waren viele Ausstellungen einheimischen Künstlern wie Michel Stoffel, Lucien Wercollier, Roger Bertemes und Frantz Seimetz – von dem auch Werke im Bestande der Villa Vauban sind – gewidmet. Die Retrospektive von August Trémont zog 1980 mehr als 6 500 Besucher an, die von Joseph Kutter 1986 fast 9 000. In welchem Maß werden die Luxemburger Künstler im künftigen künstlerischen Programm der Villa Vauban berücksichtigt sein?

Die Villa Vauban ist das Kunstmuseum der Stadt Luxemburg und als solches hat es eine Verantwortung für das regionale Kunstschaffen. Wir kommen dem einerseits nach, indem wir kontinuierlich Arbeiten von Luxemburger Künstlerinnen und Künstlern erwerben. Andererseits organisieren wir auch weiterhin Ausstellungen. So wird zum Beispiel nächstes Jahr das Format Collections en mouvement unserem Bestand an Werken von Frantz Seimetz gewidmet sein.

Es sind nun drei Jahre seitdem der Ausbau abgeschlossen ist und die Villa Vauban umfangreichere und komplexere Ausstellungen planen kann. Spiegelt sich der Aufwand in den Besucherzahlen und dem Erfolg wider?

Durch den Erweiterungsbau haben wir natürlich sehr an Attraktivität gewonnen. Er ist nach neuesten baulichen und technischen Standards errichtet und gewährleistet höchste Anforderungen an Sicherheit und Klimatechnik. Ohne diese Standards wäre es nicht möglich, internationale Ausstellungen zu konzipieren, die auch für ein überregionales Interesse an unserem Museum sorgen. Das nenne ich einen großen Erfolg. Abgesehen davon erreichen wir seit 2010 jährliche Besucherzahlen von um die 25 000, was für die Villa Vauban in der Vergangenheit undenkbar gewesen wäre.

Auch in Zeiten der Finanzkrise sind die Museen mit niedrigen Besucherzahlen konfrontiert und gezwungen ein attraktives Bildungs- und Begleitprogramm, respektive bessere Marketingstrategien zu entwickeln, sprich interaktive Angebote, Apps, etc. Anders als das Casino und das Mudam, die den Vorteil haben, lebende Künstler ins Programm einzubinden, arbeiten Sie vorwiegend mit den alten Meistern. Welche Ideen entwickeln Sie, um auch jüngere Leute ins Museum zu ziehen?

Das ist ein sehr komplexes Thema, über das sich sehr viel sagen ließe. Lassen Sie mich zunächst auf den ersten Teil Ihrer Frage eingehen, weil ich es interessant finde, dass die Vermittlung von älterer Kunst heute in der öffentlichen Wahrnehmung offenbar als schwieriger erachtet wird als die Vermittlung zeitgenössischer Kunst. Meiner Erfahrung nach ist es nämlich umgekehrt. Auch bin ich davon überzeugt, dass man das Thema Bildungs- und Vermittlungsarbeit im Museum nicht alleine mit Blick auf steigende Besucherzahlen behandeln sollte. Denn es ist sehr viel schwieriger, ein qualitatives und nachhaltiges Begleitprogramm aufzustellen, als ein punktuelles Event zu organisieren, das das Publikum zwar kurzfristig mobilisiert, nicht aber dauerhaft an das Museum bindet. Um jedoch konkret auf die Frage einzugehen, muss man wissen, dass beinahe jedes Museum, unabhängig davon, welche Sammlung es ausstellt, darum kämpfen muss, jüngere Leute zu gewinnen. Meine Kolleginnen vom Service éducatif et culturel setzen vor allem auf ein sehr gemischtes Begleitprogramm, um möglichst viele unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen. Derzeit denken wir über einen verstärkten Einsatz von Social Media und unserer Webseite nach, um dem jungen Publikum in der Kommunikation noch mehr entgegenzukommen.

Florence Thurmes
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