Die jungen Lehrer und ihre Mutti

Dream Team

d'Lëtzebuerger Land du 03.07.2015

Läuft die Zeit ab?, fragt die Moderatorin Nachtschwester. Ein feiner sadistischer Unterton lässt sich ausmachen, sollen wir endlich die Geräte abschalten? Das deutsche Volk soll entscheiden, jedenfalls im Fernsehen. Stecker ziehen, sagt das Volk, das deutsche, drei Viertel sind dafür. Keine Gnadenfrist mehr!

Wenn der Patient nicht mal einsieht, dass er gerettet werden muss.

In letzter Minute gibt es noch dramatische Aktionen. Der Patient soll sofort wieder auf den Operationstisch. Aber der sträubt sich. Mit Schläuchen und Kanülen behangen läuft er herum, die Ärzte schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, sie schauen fertig aus. Der Patient redet von Rettungsringen aus Blei, deliriert er? Er macht Witze, weiß er nicht, wie es um ihn steht? Er ist ja quasi komatös, ist ihm das nicht bewusst? Aus mit Banken und Tanken, wovon soll er leben, wenn das Blut des Kapitals nicht fließt?

Der Patient ist unzurechnungsfähig geworden, er schneidet sich sogar ins eigene Fleisch. Er wird sich selbst ermorden, die Ärzte rechnen mit dem Schlimmsten. Vielleicht ist er gar ansteckend? Kann man ihn weg operieren?

Zeit, dass der Patient – vielleicht hat er ja einen lichten Moment – wieder auf den Boden kommt. Runter. Genau da wollen sie uns sehen, wettert der Patient und redet von Knechtschaft, Unterjochung. Er redet von Würgegriffen. Vielleicht ist das alles eine Verschwörung und in Wahrheit ist er gesund. Sie wollen Prometheus fesseln, ans Krankenlager mindestens. Dabei schwebt er, und bestimmt nicht in Lebensgefahr!

Die Lehrerkonferenz tagt. Die Coolen von der Schule haben mit den Schmuddelkindern gespielt, gar mit denen, die in der rechten Ecke stehen. Man konnte sich noch nie riechen, schon im Schulhof mied man sich. Die Typen von dieser Gang passen nicht so recht ins europäische Haus. Die Regenbogenfahne mag wehen, aber die Baniera Rossa ist doch schon lang in der Rumpelkammer, oder? Ein bedrohlich proletarisch oder gar bäuerliches Flair umweht so manchen aus dieser Gang, auch wenn er Thomas Mann übersetzt. Er sitzt breitbeinig in TV-Runden, kratzt sich am Kopf oder sonst wo. Sie können sich nicht benehmen, rügt eine EU- Politikerin. Vielleicht riecht gar einer nach Schweiß.

Der Coolste von der Schule aber ist Professor. Er wird abtransportiert, nach seinem letzten Auftritt vor den Klassenfeinden. Er steigt mit seinem Rucksack in einen Kleinbus, er wird abgeschoben. Drinnen zetern Eiskalte wie Dijsselbloem. Jean- Claude Juncker, neuerdings als ehrlichster Makler gerühmt, bricht es das Herz, ein europäisch glühendes Herz Jesu.

Die Lehrer sind ja so liberal, niemand verlangte bisher nach drakonischen Strafmaßnahmen. Aber die machen nie Hausaufgaben. Die machen, was sie wollen, vielleicht sogar was das Volk will. Kindsköpfe, Hitzköpfe, Köpfe. Bisher war man nachsichtig mit ihnen, wahrscheinlich zu nachsichtig. Wo sie geradewegs in die Präzedenzfalle laufen!

Ja, sie sind jung, mit Schwung, Mutti lachte mit ihnen, sympathische Burschen. Aber was sollen wir unseren Streber_innen sagen, wenn arm, aber sexy gewinnt? Und nicht mal arm bleiben will? Das ist ein bisher beispielloses Beispiel. Die spielen nicht mit, das sind Spieler. Die deutschen Mitschüler verstehen da keinen Spaß mehr, dauernd machen sie Fleißaufgaben, lassen sich brav verhartzen. Von Luft und Liebe kann man ja nicht leben, haben die Realitätsexperten schon seit jeher angemahnt, drohen mit dem Zeigefinger unter schiefem Jauch-Gegrinse. Ein beliebter bayerischer Biedermann, ein als Camembert-Deckel-Mönch getarnter Handlanger der Inquisition, södert launisch rum.

Das Dream Team hat ausgeträumt, es darf nicht zu einer Traumansteckung kommen in Europa. Und von Sex Appeal, junge arme, gebildete Europäer_innen, wird man nicht satt, das sollte sich endlich herum sprechen. Jedenfalls nicht, wenn man sich den gängigen Mechanismen verweigert. Klar, junge, gebildete Europäer_innen, ihr könnt euch empören, ein bisschen, das macht ja unsere Demokratie aus. Aber irgendwann solltet ihr die Zelte auch wieder abbrechen und zurückkommen.

Zu Business as usual. Auch wenn ihr euch davon keine Wohnung leisten könnt, in unserm europäischen Haus.

Michèle Thoma
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