Luxemburger in Berlin sind Luxemburger in Berlin

Wieso Berlin? Bla bla.

d'Lëtzebuerger Land vom 17.05.2013

„Spada! Schreib was. So wie du so schreibst, nur nicht über dich, aber auch, nur nicht nur, sondern für uns, für die große und über weiteste Grenzen bekannte Museumsbeilage des Lëtzebuerger Land.“

Ok, das ist kein wirkliches Zitat von meiner Auftragsgeberin Josée Hansen, aber für meine Einleitung kommt es ganz gelegen.

Ich soll in folgenden Zeilen über DAS Museum schreiben, beziehungsweise das was man in so ein Museum reinstellt, es geht also um bildende Kunst, die Prinzessinendisziplin. Bauen, malen, basteln. Nicht diese Proleten-Kunst: Spielen, schreiben, auch darstellende Kunst genannt. Die sich selbst darstellende Kunst soll hier nur am Rand behandelt werden. Spada selbst, icke (Berlin ey!) und darstellender Künstler ist der Verfasser dieses Textes. Zack, der hoppelnde Punkt. Das macht es mir nicht besonders einfach, da ich ja vor allem und natürlich am liebsten mich selbst darstelle. Ist das etwa der große Unterschied? Zwischen darstellenden und bildenden Künstlern?

Die bildende Kunst wird von Leuten geschaffen, die sich selbst im Namen ihrer Werke in den Schatten stellen? Für das große Wohl aller sozusagen. Und ich, wir, die Darsteller, für unsere eigenen egoistischen verwöhnten westlichen Befindlichkeiten? Natürlich ist das so. Naja, etwas Narzissmus hat noch keinem geschadet, oder Ehrlichkeit? Wahrscheinlich ist es Beides, im besten Fall. in beiden Fällen.

Ich will mehr wissen und das Lëtzebuerger Land hat mich gebeten mit luxemburgischen Künstlern in Berlin über ihre Kunst zu sprechen, und wieso sie so sind wie sie sind, wieso sie in Berlin leben und nicht in Pakistan oder Luxemburg. Alles Fragen, die ich mir nie stelle, aber es scheint wohl doch ein paar Leute da draußen zu interessieren. Ich habe angefangen luxemburgische Künstler, oder solche, die es von sich behaupten, oder solche, die es mal waren, oder solche die es auch sind, anzuschreiben. Kontaktaufnahme zwischen darstellendem Künstler und bildenden Künstlern. Oha!

Catherine Lorent! Ein Tipp von Jo Kox und anderen wichtigen Menschen der Szene. Um ehrlich zu sein, habe ich von der Arbeit von Catherine Lorent soviel Ahnung wie von der bildenden Kunst: Keine! Wir vereinbaren ein Treffen. Mein Lieblingsitaliener Cotto e Crudo in Berlin, am 2. Mai um 14:00 Uhr.

Ich bin glücklich.

Was noch? 1. Mai und draußen herrscht Anarchiezustand auf Bier – und Wurstniveau. Ich google: Catherine Lorent. Das erste Bild, was ich von Catherine Lorent finde, ist Lot et ses filles, Ölgemälde, 190x240 cm, genau mein Geschmack. Ein nackter Mann, zwei nackte Frauen. So kann ich arbeiten. Auch sieht man einen See? Wasser? Meer? Einen Hügel mit Häusern drauf, sie brennen? Vielleicht. Interessantes Bild. Catherine Lorent ist also eine Malerin. Sowas gibt es noch? Das finde ich gut. Auf artnews.org erfahre ich auch, dass Frau Lorent in München geboren ist , wann? Das erfahre ich nicht. Ich werde sie auch nicht fragen, denn das gilt als unhöflich. Ich will die Sexismus-Debatte nicht noch weiter erhitzen. Sie hat in Karlsruhe, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, studiert. Aber auch in Paris, Heidelberg und Luxemburg, von 1998 bis 2010.

So, wir haben 13:55 Uhr am 2. Mai in Berlin. Cotto e Crudo. Catherine Lorent nähert sich mir. Ich sitze draußen, etwas frisch, doch wir bleiben. Catherine Lorent lächelt, wir geben uns drei Küsse: Links, rechts, links. Nun sitzt sie gegenüber von mir. Bestellung: Ein Espresso Macchiato (sie wird im Laufe des Gesprächs noch einen zweiten bestellen) und Sprudelwasser. Ich bestelle Espresso, stilles Wasser und eine Limonade.

Ich erkläre ihr, was das Lëtzebuerger Land von mir/uns will: So Luxemburger Kunstmenschen in Berlin und wieso gerade hier und bla bla. Ihre Augen verfolgen jede meiner Bewegungen, jede Regung in meinem Gesicht, meine Hände, alles. Sympathisch. Ob sie das nun gerne oder nicht hört, aber sie ist das was die Ausländer an uns mögen, wenn alles gut geht: Bodenständig, freundlich und ein bisschen schräg.

Sie weiß nicht genau, wieso sie nach Berlin gezogen ist. Vielleicht weil es die letzte Möglichkeit war? München findet sie schwierig, Karlsruhe nur für das Studium, Paris zu erdrückend und Luxemburg langweilig. Also: Berlin! Catherine malt nicht nur, sie sammelt. Sie bastelt. Sie macht Musik, denn ab und zu will sie auch mal die Sau rauslassen (Ego). Auch Barock inspiriert Catherine sehr. Überhaupt, sie schöpft ständig aus der Geschichte. Lorent redet viel, verbindet, springt hin und her: Sammeln eben.

Mit Überreizung hat sie allerdings ein Problem, besonders in und wegen Berlin: Hipsters, Garage Bands, die immer gleich klingen, Cafés, die immer gleich „cool“ ausschauen. Das ist der Grund, warum sie im Stadtteil Wedding lebt. Da ist alles noch etwas wilder: Kein Bioladen und ab und zu wird auch mal jemand ermordet. Ein bisschen Restaction sozusagen, Sie verstehen? Yuppie!

Mehrere Krankenwagen fahren vorbei. Sie mag den Sound nicht und meint: „Burning down the house“. Ich grinse und freue mich über die Lieblingsbemerkung des heutigen Tages. Das Lieblingswort von Catherine scheint Sound zu sein. Er soll fett, aber nicht doof, sein. Nicht immer nur laut, darf es aber, wenn es was auslöst. Nur bitte nicht nur sinnlos, wie vieles hier in Berlin, sinnlose Überreizung. Von allem das Gleiche und viel zu viel davon. Berlin ist aber nicht nur eine einzige Überreizung, trotz des Overkill Angebots und immer gleichem Trend Schema. Nein, nicht alles in Berlin ist blöd. Unsere Frau-für-Venedig-2013 hat Berlin halt in den 90er erlebt. Als Berlin mehr Groove hatte, mehr Spannung, mehr Geheimnisse. Insidertipps waren wirklich Insidertipps und standen nicht bereits im aktuellen Reiseführer. Die Zeiten haben geändert, heute muss man mehr suchen, es gibt noch Grauzonen, es gibt dieses wilde, authentische, aufgeregte (mit Sinn) Berlin noch, aber es ist schlichtweg schwieriger zu finden. Und Luxemburg? Ja, egal wie anders und überreizt Berlin nun auch geworden ist, Berlin wird immer spannender sein als Luxemburg. Diese Überregulierung wird Berlin nie erleben. Für Luxemburg braucht man einen Plan, so Catherine Lorent. Sie meint wohl: Studium, Frau/Mann, Kind, Job, Lebensversicherung, Rente, fertig. Da bleibt nicht viel Raum zum Scheitern und wieder neuanzufangen. Das ist nicht schlecht, aber schwierig, um sich als Künstler weiterzuentwickeln. Berlin bleibt, Hipster/Trendgedöhns hin oder her, die angenehmste Alternative. Oberflächlichkeit ist zwar allgegenwärtig, aber Tiefe ist durchaus möglich und greifbar. Die Größe, sie macht es möglich.

Nach einer Stunde haben wir uns alles gesagt, was es zu sagen gibt. Ich habe für heute genug zugehört und freue mich am 4. Mai, Antoine Prum, kennenzulernen. Ich habe keine Lust zu googlen und lass mich einfach überraschen.

4. Mai 2013. Guten Morgen, oder Mittag, 12:12 Uhr, gestern war eine lange Nacht, mein Schädel trällert sein eigenes Lied, ein Nachklingen. Ich bin gespannt auf Antoine Prum und hoffe, dass es nicht zu anstrengend wird. Bisher hatte ich Glück. Ich warte.14:10 Uhr, los geht’s.

Er bestellt einen doppelten Espresso und Sprudelwasser. Antoine Prum: 50 Jahre alt, Hemd, Jeans. Reflektiert, nicht spießig, freundlich, aber nicht weil er es sein muss, er ist es ganz einfach. Er fängt gleich an über Berlin zu reden, macht eine kurze Pause, er will wissen was ich so im Leben tue. Ich sage es ihm, und er macht weiter. Nach nur kurzer Zeit höre ich auf, Notizen zu machen, weil das stört, wenn ich wirklich zuhören will. Der Mann hat was zu sagen, einfache Dinge, klar und deutlich, kritisch, aber ohne gewollt zu provozieren.

Ja, Berlin, ja Berlin, eigentlich will er bald nach Brüssel, seine beiden Töchter sind über 18 und es scheint, als wolle der Mensch brechen. Ein Wechsel, jetzt wo jeder auf eigenen Beinen stehen kann. Darauf gehe ich bald nochmal genauer ein.

Er war in den 80er öfters in Berlin, und begeistert von der Westberlin-Mentalität. Wir reden hier von der Zeit vor der Mauer, Antoine trank Cola und die andere Seite Wasser, auch „die Szene der genialen Dilletanten“ hat ihn geprägt, inspiriert. Ich kann diese Szene nicht weiter erklären, denn dazu reichen für diesen Artikel die Zeichen nicht. Googlen Sie. 1998 kaufte er zusammen mit seiner Frau eine Wohnung samt alter Frau (keine Ironie), die nicht wegziehen wollte, bevor sie dann doch weg zog, in der Oranienburger Straße/Berlin-Mitte. Er kam als bildender Künstler nach Berlin. Installationen mit Film und Raum und ähnlichem Zeug, das war sein Ding. Er wusste seit den 80er, dass er einmal in Berlin leben wird.

Prum bedauert, dass in Luxemburg die Café-Kultur immer weniger wird, die Leute werden schlichtweg zu fleißig. Arbeiten zu viel. Die Menschen, die freiwillig ihre Lebensgeschichten über den Tresen hinweg erzählen, werden immer weniger. Hoffentlich wird es in Berlin nicht ähnlich. Leistung Leistung Leistung! Muss man denn seine Heimat verlassen, um ein guter Künstler zu werden? Prum findet nicht, nur dass Luxemburg nicht viele gute Künstler hat, woran das wohl liegt? Keine Ahnung. Luxemburger, die ihr Land nie verlassen, ist allerdings heikel. Kunst oder nicht.

Sinnloses Luxemburg-Bashing findet Antoine blöd. Prinzipiell gegen Luxemburg, das ist dämlich. Luxemburg und Berlin teilen ein Schicksal, findet Antoine. In Berlin funktioniert nichts und in Luxemburg alles, aber beide Lebensräume werden immer wieder kritisiert für das was es nicht hat. Luxemburg hat Geld, aber öde. Berlin ist sexy, aber arm. Das Prinzip ist das Gleiche.

Zum Abschluss komme ich auf meine „Brech-These" zurück. Antoine Prum war zwar bildender Künstler, als er nach Berlin zog, wird allerdings als Filmmensch nach Brüssel ziehen, falls er wegzieht. Das weiß er vielleicht in einem halben Jahr. Bildender Künstler ist er dennoch nicht mehr. Davon hat er sich 2005 mit seiner Ausstellung in Venedig verabschiedet, das wollte ihm kein Mensch glauben, aber er hat es durchgezogen. Auch und vielleicht gerade deswegen, weil sie so erfolgreich war.

Nun und bisher dokumentiert er, mit seiner in Luxemburg selbst gegründeten Produktionsfirma Ni vu ni connu, Musiker, die für die breite Masse unzugänglich sind. Die breite Masse interessiert ihn nicht, er arbeitet gerne in geschlossener Gesellschaft. Als bildender Künstler störte ihn diese Haltung der festen Kultur-Institutionen: Am Ende des Jahres zählen ausschließlich die Besucherzahlen.

Ein Schicksal mehr, was sich Luxemburg und Berlin teilen müssen.

Luc Spada
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