CD Bloe Baaschtert 2 vom Bloe Baaschtert

Optimismus pur

d'Lëtzebuerger Land du 24.01.2002

Aus der Talenteküche der Radio Ara-Sendung De Bloe Baaschtert bringen jetzt Amoeba [&] Chick'n. Mo-Productions einen Zusammenschnitt aus dem Schaffen von Underground-Bands oder -Projekten auf den Markt, eher ein Präsentier-Album, als ein profundes Konzeptalbum. 

Die Auswahl ist selbstverständlich nur repräsentativ für einen Teil der jungen Luxemburger Szene, und wer von Underground redet, müsste dann natürlich in der Lage sein, zu erklären, was seiner Meinung nach Overground ist. Was Luxemburg angeht, mit Sicherheit auch nur eine Chimäre. Aber darum geht's ja nicht! Auch die professorale Einteilung in die Leistungsklassen Punk, Industrial Electro Wave und Indie kam uns beim Reinhören in diese Entfesselung der Musenküsse reichlich latzhösern vor. Aber darum geht's ja auch nicht, denn worum's eigentlich geht, lässt sich eben nicht in Worte fassen.

In der Kategorie Punk gefielen uns vor allem die Toxkäpp, wegen des Namens, weil sie am schlechtesten spielen, weil sie allesamt reif für die Gummizelle sind, weil sie nicht singen können, und weil jeder beim Reinhören merkt, dass sie genial sind. Was den Punks an Kreativität fehlt, kompensieren die Electro Waver durch den lustvollen Umgang mit allem, was bescheuert klingt. Bei Astral Fuck vergewaltigt irgend jemand einen Elefanten, während Modular Clockwork mit ihrem Epos Schizophrenic Frequency trotz maximaler Lautstärke bei älteren Semestern garantiert für ein erfrischendes Schnärcherchen sorgen. 

Zum Totlachen sind natürlich die wenigen Electro-Sänger, weil sie allesamt zu singen versuchen wie die klassischen Gruftnudeln à la Kraftwerk oder Depeche Mode. Wirkliches "Elektrisch" verspürt man eigentlich nur bei den ganz bösen Mädchen oder Bübchen von Farce. Die Riffs und Breaks ihrer Ademskinder donnern mit apokalyptischer Intensität aus dem Ton-Baukasten, und irgend jemand brodelt irgend etwas irgendwie Grauenhaftes aus einer sterbenden Bass-Box heraus.

Die echten Poeten und Kreativen findet man jedoch bei den Indies. In Sloggy verliebten wir uns sofort, denn ein Lied wie Picnic in space, ja, da fielen uns irgendwie Rex Gildo und Gitte, ja, damals in Heidelberg, ein. Sehr angenehm in unseren ehrwürdigen Ohren wirkte auch Ramon Mitarbeit. Er überzeugte uns mit einer Gainsbourg-reifen Meditation über Zigaretten, während der Codex Regius von Yggdrasil beweist, was passiert, wenn Papa nicht auf seine World Music-Dateien aufpasst. Hier jodelt und dudelt es mit ansteckender Freude am Musizieren aus allen Aufnahme-Kanälen. 

Zur persönlichen Kultband erklären wir natürlich Ede Wolf mit seiner ultimativen Forderung "Ich will Bürgermeister von Echternach sein!". Wenn Ede dann verspricht, nie wieder Musik zu machen, ist das jedenfalls ein ganz respektabler Wunsch. 

Das Tolle an Bloe Baschtert ist jedenfalls die Abwechslung, diese seltsame Brüderlichkeit, die alle Bands von The Last Millenium Suckers, Against Again, Carefree, Schweinepest, Pronoian Made, Elyzium for the Sleepless Souls, Project M bis zu Friends of Carlotta verbindet: das "Live your dream" der blauen Bastarde und aller die an diesem glorreichen Projekt beteiligt waren. Denn auch wenn so ziemlich jeder auf dieser CD wenigstens drei Takes finden wird, bei denen er laut nach einem Arzt ruft, können wir allen Acht- bis 80-Jährigen dieses Antidepressivum bedenkenlos verschreiben.

 

Für weitere Infos: Internet: www.bloebaaschtert.lu

 

Jean-Michel Treinen
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