An die lieben Griechen

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d'Lëtzebuerger Land vom 10.07.2015

Liebe Griechen, wir müssen reden! Seit Januar fiebern diejenigen, die auch in Nordwest-Europa genug von der neoliberalen Wirtschaftspolitik in der EU haben, mit euch, verfolgen beflissen die Nachrichten und demonstrieren für euch. Und dann ein solches Referendumsergebnis? „Minister No More“ – mit Großbuchstaben kündigt Yanis Varoufakis auf Twitter seinen Rücktritt als Finanzminister an? Das grenzt an Verrat; da verlieren auch die leidenschaftlichsten Griechenland-Fans das Vertrauen.

Denn während die Gelbgeber-Troika und die Euro-Länder darum streiten, ob die griechische Staatsschuld nachhaltig tragbar ist oder nicht, tendieren seit Montag zwei Indikatoren in der Schuldenkrise gen Null: der Sex- und der Rock’n’Roll-Faktor. Der Neue, Euclid Tsakalotos, kann Yanis Varoufakis nicht das Wasser reichen. Zwar trug auch er bei seinem ersten Auftritt im Finanzministerrat in Brüssel keine Krawatte. Doch sein zerknittertes Jackett machte nicht den Anschein, als ob er sich wie Yanis voller Tatendrang aufs Motorrad geschwungen hätte und nach Brüssel geeilt wäre, um im Alleingang die Schuldenkrise zu lösen, auf dem Weg dahin Weltfrieden zu stiften und ein paar von nicht identifizierten Bösewichten bedrohte Waisenkinder und Witwen zu retten. Vielmehr erweckte Tsakalotos den Eindruck, als habe er seit dem Referendum keine Zeit zum Umziehen gehabt und seit Tagen in seinem Jackett geschlafene. Liebe Griechen: Sehen so Sieger aus?

Während Yanis gerne im langen schwarzen Mantel à la Neo aus Matrix im Justus-Lipsius-Gebäude einlief, eine tiefen Blick in die Kameras warf, dann sein Siegerlächeln lächelte, muss sich sein Nachfolger dabei erwischen lassen, wie er auf dem Briefpapier des Hotels Notizen an sich selbst schreibt, um sich daran zu erinnern, dass er gegenüber den Kollegen nicht zu viel triumphieren soll. Sein Markenzeichen ist eine gelbe Bluetooth-Hörmuschel. Das hat den Sex-Appeal von orthopädischen Einlagen. Und es symbolisiert eher „Tinitus“ als „ich pfeife auf die Konventionen“.

Liebe Griechen, wir wollen wissen, wie ihr die Deutschen ohne Varoufakis von der Notwendigkeit eines Schuldenschnitts überzeugen wollt. Schließlich war er es, der strategische Beziehungen zu deutschen Nachrichtenredaktionen geknüpft und für positive Propaganda gesorgt hatte. Dass die Nachrichtenansagerin vom ZDF, Marietta Slomka, Tsakalotos mit Bruce Willis in Die Hard vergleicht und dabei dümmlich grinst, ist eher unwahrscheinlich. Dabei zog sogar IWF-Chefin Christine Lagarde vor Wochen für ein Treffen mit den EU-Finanzministern eine Lederjacke an, wie sie Arnold Schwarzenegger als Terminator trug, um Varoufakis anzudeuten, dass auch sie im Herzen eine Rocker-Braut sei. Sie hat das mit den Schulden verstanden: Kurz vor dem Referendum ließ sie verbreiten, dass der Internationale Währungsfonds einen Schuldenschnitt für notwendig hält.

Außerdem ist Yanis Varoufakis, der nach dem Referendum noch nicht einmal ein Hemd anzog, um das Ergebnis zu kommentieren, sondern im T-Shirt zum Interview antrat, nicht nur selbst Rockstar. Im Mai spekulierten britische Medien darüber, dass seine Frau Danae Stratou – auch sie trägt gerne Terminator-Perfekto – das Kult-Lied Common People der Band Pulp inspirierte. Pulp-Sänger Jarvis Cocker erzählt darin von einer reichen griechischen Göre, die gerne das Leben der einfachen Leute leben und mit ihm schlafen will. Sollte das stimmen, hätte Danae Stratou dazu beigetragen, einen Brit-Pop-Klassiker zu schaffen. Da könnte man dem Ehepaar Varoufakis vielleicht sogar die peinliche Home-Story in Paris Match verzeihen, in der ihre Wohnung in bester Athener Lage – not common people at all – zu sehen war. Und ihr Wunsch, wie die einfachen Leute zu leben, könnte auch erklären, warum Varoufakis im Winter einen abscheulichen Burberry-Schal trug, mit diesem Muster, das bei britischen Sozialhilfe-Empfängern einfach nicht aus der Mode kommt: Wahrscheinlich war der Schal ein Geschenk von ihr.

Liebe Griechen, woran sollen wir hier im Norden ohne die liebgewonnene Superhelden-Figur die Hoffnung knüpfen, dass ihr im Süden Europa verändern könnt? Etwa daran, dass ihr wiederholt an den Urnen euren Willen dazu ausdrückt? Wir werden uns damit trösten, dass Varoufakis künftig statt Hemd oder T-Shirt am liebsten den „Hass der Gläubiger mit Stolz tragen“ wird. Und das Abschiedsvideo von Yanis Varoufakis in Endlosschleife anschauen. Yanis, wie er sich durch die Fotografenmeute bis zu seinem Motorrad durchkämpft. Danae, wie sie ohne Helm hinter ihm aufs Motorrad steigt und sie zusammen nicht in den Sonnenuntergang, sondern zur nächsten Bar fahren und mit Freunden ein Feierabendbier trinken. So gelassen, zeigen Präzedenzfälle in Luxemburg, steckt längst nicht jeder Finanzminister sein Ausscheiden aus dem Amt weg.

Michèle Sinner
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