Armbanduhrenhandel

Die mörderische Zeit

d'Lëtzebuerger Land du 31.05.2013

Heute loben wir den Armbanduhrenhandel. Die großen Zeitungen quellen förmlich über vor Luxusmagazinen über die hohe Kunst der Uhrenmanufaktur. Man denkt nichts Schlimmes, und schon wieder purzelt eine Hochglanzbeilage mit umwerfenden Uhrenbildern aus unserem Printmedium. All diese Uhren haben etwas gemeinsam: Sie sind sündhaft teuer. Früher dachten wir: Dieser ganze überflüssige Luxus nervt. Auf diese Industrie des schönen Scheins pfeifen wir. Heute haben wir unsere Meinung grundlegend geändert. Wir denken jetzt: Ohne sündhaft teure Uhr ist der Mensch unbedeutend, nackt und verletzlich. Erst eine sündhaft teure Uhr macht ihn zu einem spannenden Wesen.

Die Zeit ist ja ein vertracktes Phänomen. Sie läuft nicht nur, sie läuft ständig ab. Genau im Augenblick, wo sie sich ereignet, verschwindet sie. Unter dem Strich ist die Zeit immer schon vergangen oder steht erst bevor. Wir könnten auch folgern: Die Zeit gibt es nicht. Sie ist nicht zu fassen und nicht zu beherrschen. Wir können uns auf den Kopf stellen, um die Zeit einzufangen, es wird uns nicht gelingen.

Aber da wir alle von der Fakultät Homo sapiens stammen, geben wir so schnell nicht auf. Es wäre ja gelacht, wenn unsere schöne Warenwelt vor der chronisch flüchtigen Zeit kapitulieren würde. Wir reagieren intelligent und machen aus der Zeit, die es nicht gibt, eine ganz reelle Ware. Ab hier heißt es aufpassen. In der Warenwelt herrscht das Gesetz der Qualität. Wir könnten uns zwar eine billige Armbanduhr zulegen, irgendein Modell vom Fließband, aber was beweisen wir mit einer solchen Wahl? Dass wir die Zeit irgendwie nicht ernstnehmen, weil sie uns unaufhörlich entrinnt. Gewiss, diesen wohlfeilen Uhren, die wir fir en Apel an e Stéck Brout erwerben können, mangelt es nicht an Präzision. Sie gehen nicht falsch, sie verrotten nicht schneller als die teuren Uhren, sie leisten genau den gleichen Dienst, doch sie haben einen entscheidenden Nachteil: Sie sehen schäbig aus. Schon rein optisch geben sie nichts her. In der Warenwelt zählt vor allem die Optik. Wer die Optik ignoriert, also die möglichst aufwändige Verpackung, bleibt in der Warenwelt ein Dilettant. Sag mir, welche Armbanduhr du trägst, und ich sage dir, wer du bist.

Wenn wir nicht mit uns selber schummeln, müssen wir uns eingestehen: Erst die sagenhaft teure Uhr macht es möglich, dass wir uns über die Zeit erheben. Menschen mit edlen Chronographen am Handgelenk leben in der Regel selektiv und gediegen. Sie haben längst erkannt, dass nicht nur die Zeit nicht existiert, sondern dass das ganze Leben eine einzige Illusion ist. Diese Illusion kann man erfolgreich konterkarieren, indem man sie zum Konsumartikel erklärt. Etwas stilvoll konsumieren, was es nicht gibt, ist das höchste der Gefühle in der Warenwelt.

Die perfekte Armbanduhr, also die handwerklich bestechende Ausgabe, signalisert ganz einfach, dass wir in der Lage sind, alles zu beherrschen, auch das Unbeherrschbare. Die Uhr ist zwar ein leeres Gehäuse, eine raffinierte Mechanik im Leerlauf, doch allein der Umstand, dass wir für das Nichts ein tolles Rädchenwerk erfunden haben, das uns nie im Stich lässt, beweist unsere Homo sapiens-Überlegenheit. Seien wir ehrlich: Wir brauchen keinen Inhalt und keine Substanz, um unseren Wareninstinkt zu untermauern. Die Uhr ist streng betrachtet ein nichtiges Gebilde, aber wenn die Form stimmt und der Preis nur exorbitant genug ist, wird exakt diese Nichtigkeit zu unserem schönsten Trumpf. Waren müssen ja nicht sinnvoll sein. Es genügt vollauf, wenn sie konsumierbar sind.

Sie sehen, liebe Zeit-Freaks, Sie haben keine Entschuldigung mehr, die Armbanduhren der Oberklasse zu verschmähen. Zumal diese tollen Schmuckstücke allen Lebenslagen gewachsen sind. Mit einer wirklich teuren Armbanduhr kann Ihnen nichts mehr zustoßen. Lesen Sie doch einfach mal das Kleingedruckte. Ab 8 000 Euro dürfen Sie sich mit Ihrer Uhr sorglos in den nächsten Orkan begeben. Das solide Stück hält jedem Druck stand. Möglicherweise fliegt Ihnen eine ganze Kleinstadt um die Ohren, doch Ihre Uhr ist am Ende intakt. Das ist längst nicht alles. Ihre Uhr dürfen Sie umstandslos in einen vergifteten Ozean tauchen. Sie widersteht jeder Ansteckung. Und sie ist erdbebensicher.

Sogar nach Fukushima dürfen Sie mit Ihrem Prachtstück wandern, fröhlich hinein in die extreme Gefahrenzone, die Zeiger werden nicht einmal kurz vibrieren. Ganz zu schweigen von den verheerenden Autounfällen. Wir kennen keinen einzigen Katastrophenfall aus dem Straßenverkehr, wo nicht die teuren Uhren voll funktionstüchtig geborgen wurden. Selbst bei mehreren Toten überlebt immer Ihre kostbare Uhr. Sollten Sie nach einer wüsten Kollision selber nicht mehr unter den Lebenden weilen, wird Ihre Uhr unendlich lange noch der Nachwelt verkünden: Das war ein toller Homo sapiens! Er hatte eine tolle Uhr. Ihr sollt ihn beneiden um seinen tollen lifestyle. Was will man mehr in der Warenwelt? Die Ware überlebt ihren eigenen Schöpfer. Das ist der wahre Fortschritt.

Guy Rewenig
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