Vor einem Jahr wurden die Regeln zur Akkreditierung privater Hochschulanbieter verschärft. Auf dem Campus Wiltz hat das schon ein erstes Opfer gefordert. Jetzt soll dort eine Universität entstehen

Unis hier und dort

d'Lëtzebuerger Land du 29.09.2017

In zwei Wochen, am 12. Oktober, ist Rentrée académique an der Universität Luxemburg. Sie dürfte feierlich begangen werden, und wie Uni-Aufsichtsratspräsident Yves Elsen angedeutet hat, könnte dann auch die Frage beantwortet werden, „auf die die ganze Nation wartet: Wer wird der neue Rektor?“ (d’Land, 08.09.2017)

Dass die Nation schon diese Woche nach Wiltz geschaut hätte, wäre den Gründern des „Campus Wiltz-Luxembourg for Applied Sciences“ bestimmt ebenfalls recht gewesen. Dort, im Wilzer Schloss, finde die ganze Woche über „eine Serie von Aktivitäten statt“, hatte Campus-Präsident Louis Robert schon vor zehn Tagen die Presse informiert. Höhepunkt: die „akademische Gründungsfeier“ der „University for Digital Technologies in Medicine and Dentistry“ gestern Nachmittag, nach Redaktionsschluss dieses Artikels.

Offiziell eingeweiht worden war der Wiltzer Campus erst im September 2015 (d’Land, 23.10.2015). Aber damals hatten sich bereits drei private Institute dort niedergelassen: das Bruxelles Business Institute Luxembourg (BBI) mit einer Ausbildung in „International Hospitality and Tourism Management“; die United Business Institutes (UBI) mit „Business Studies“ und zum dritten das Business Science Institute (BSI), das ein „Executive Doctorate in Business Management“ vergibt. 2016 hieß es noch, das Brüsseler College of Advertising and Design (CAD) werde ebenfalls eine Dépendance in Wiltz eröffnen. Dazu kam es zwar nicht, aber nun sieht es so aus, als erhalte die vom Staat so oft vernachlässigte „Ardennenmetrople“ demnächst gar eine Universität. Und nicht nur das: Diese Woche verteidigten 17 Studenten des Business Science Institute ihre Arbeiten zur Erlangung eines „Executive Doctorate in Business Administration“, wie der Campus-Präsident informierte. Man kann meinen, auch 80 Kilometer nördlich der Belvaler Cité des sciences pulsiere das akademische Leben.

Doch ganz so einfach ist die Lage nicht. Zur feierlichen Überreichung der Doktor-Urkunden des BSI, die ebenfalls gestern eine halbe Stunde nach dem Beginn der Gründungsfeier der Universität stattfinden sollte, hatte sich Entwicklungshilfeminister Romain Schneider (LSAP) angesagt. Wieso nicht Hochschulminister Marc Hansen (DP)? Weil weder das Business Science Institute als Einrichtung staatlich akkreditiert ist, noch dessen Ausbildung zum Manager-Doktorat, teilte das Hochschulministerium schon vergangene Woche mit. Die akademische Gründungsfeier der DTMD abgekürzten Universität fand ebenfalls ohne den Hochschulminister statt. „Weder ich noch meine Beamten kennen dieses Projekt bisher“, erklärt Marc Hansen dem Land.

Das sind wahrscheinlich nicht die besten Ausgangsbedingungen, um den Ankündigungen zu entsprechen, die die DTMD auf ihrer Internetseite macht. Unter dtmd.eu ist zu erfahren, „in einer ersten Phase“ würden von ihr Weiterbildungen für Ärzte, Zahnärzte und Zahntechniker in der Nutzung digitaler Technologien angeboten. „In Planung“ seien aber auch Bachelor- und Master-Studiengänge, Erstere in den Bereichen „Pflege“, „Physician Assistance“ und „Krankenhaushygiene“, Letztere in „Implantologie und Parodontologie“, „Kieferorthopädie“, „Restaurativer Zahnmedizin“ und „Manueller Therapie“. Starten sollen die Studiengänge zwischen März und November 2018.

Ob sich das einhalten lässt, ist die Frage: Laut Hochschulgesetz dürfen Bachelor- und Master-Abschlüsse entweder von der Uni Luxemburg vergeben werden oder durch eine andere Einrichtung nach Akkreditierung. Es sei denn, eine Luxemburger Einrichtung arbeitet mit einer Hochschule im Ausland zusammen und es werden deren Abschlüsse vergeben; so funktioniert zum Beispiel das Lifelong-Learning-Zentrum der Salariatskammer. Die DTMD aber scheint als eigenständige Hochschule gedacht zu sein. Darauf deutet ihre akademische Gründungsfeier hin, und in den Statuten ihrer Träger-ASBL ist zu lesen, es sollen „grundständige und aufbauende Ausbildungsgänge sowie weiterbildende Universitätslehrgänge“ angeboten und „nach erfolgreichem Studienabschluss international anerkannte Hochschulgrade (Bachelor, Master, Doktorat)“ verliehen werden. Für so etwas akkreditiert zu werden, dauert in Luxemburg ungefähr anderthalb Jahre. Annahmeschluss für Akkreditierungsanträge ist im Hochschulministerium Ende Februar. Reicht die Wiltzer Universität, das „bisher unbekannte Projekt“, bis Februar 2018 ihren Antrag ein, könnte sie mit den akademischen Ausbildungen im Herbst 2019 beginnen. Vorausgesetzt, die Akkreditierung klappt.

Wie das gedacht ist, war vom DTMD-Präsident nicht zu erfahren. André Reuter war vor dem heutigen Freitag nicht zu einem Gespräch bereit. Der emeritierte Wirtschaftsprofessor der Fachhochschule Worms spielt schon seit Jahren eine Rolle in der privaten Hochschullandschaft Luxemburgs. Er war bis Ende 2015 Rektor der „Eufom European University for Economics and Management“, die dem Essener Bildungsverbund BCW-Gruppe nahesteht, und seit Anfang 2016 des von Handelskammer und Handwerkskammer gegründeten „Institut supérieur de l’économie – Akademie der Wirtschaft“.

Auffällig ist beim Blick auf die private höhere Bildung im Lande: Es gibt nicht wenige Universitäten. Nach der Differdinger Sporthochschule Lunex, die zum Hamburger Cognos-Bildungskonzern gehört, der Eufom sowie der Sacred Heart University, die in den Räumen der Handelskammer Master of Business Administration anbietet, wäre die DTMD die vierte private „Universität“. Das kann so sein, weil diese Bezeichnung in Luxemburg nicht geschützt ist. Als im vergangenen Jahr das Hochschulgesetz geändert wurde, erklärte Minister Hansen im parlamentarischen Hochschulausschuss, „Universität“ oder „University“ trügen viele Einrichtungen im Ausland im Namen, wo „Universität“ ebenfalls keinen Titelschutz genießt. Dass solche Anbieter auch in Luxemburg aktiv werden könnten, wollte Marc Hansen nicht von vornherein einschränken. Auch, weil Hochschulbildungsangebote im Ausland machen zu können, unter die EU-Dienstleistungsrichtlinie fällt.

Und offenbar bereitet es der Universität Luxemburg, so jung sie auch ist, keine Sorgen, andere Universitäten neben sich zu sehen. „Wenn deren Qualität stimmt, sind sie uns als Wettbewerber willkommen“, sagt der amtierende Uni-Rektor Ludwig Neyses. Was so zu verstehen ist, dass gar nicht erst zum Wettbewerb antreten könne, wer nicht gut genug ist. So will der Uni.lu-Chef das auch verstanden wissen: „Nach meiner Kenntnis und Erfahrung geht das Hochschulministerium bei den Akkreditierungen sehr sorgfältig vor.“

Die Bedingungen dafür wurden tatsächlich verschärft, als am 15. September 2016 das geänderte Hochschulgesetz in Kraft trat. Schon seit 2009 war „Universität“ auf indirektem Weg ein wenig geschützt gewesen: Akkreditiert als Universität oder als Filiale einer Universität kann nur werden, wer mindestens 30 Vollzeit-Einheiten an Mitarbeitern beschäftigt, davon mindestens ein Drittel Universitätsprofessoren. Wer das nicht schafft, kann nur als „spezialisiertes Hochschulinstitut“ zugelassen werden. Solche Institute müssen mindestens 15 Vollzeitmitarbeiter nachweisen, deren akademischer Grad dem entspricht, den das Institut ausbilden will. Das Universitäts-Kriterium ist offenbar so anspruchsvoll, dass bisher noch keine private Einrichtung ihm gerecht wurde: Auch Lunex oder Eufom sind nur als spezialisierte Hochschulinstitute anerkannt. Was vor allem mit sich bringt, keine Doktortitel vergeben zu dürfen. Die Einschränkung brachte Marc Hansen 2016 neu ins Gesetz ein.

Und darüberhinaus insbesondere die Neuerung, dass die Zulassung nicht mehr auf Anraten eines „Komitees“ erfolgt, das der Minister zusammenruft und dem wenigstens eine fachkundige Persönlichkeit aus dem Ausland angehören musste, sondern eine „agence d’assurance de la qualité, spécialisée en matière d’accréditation d’institutions et de programmes d’études de l’enseignement supérieur et inscrite au registre européen des agences d’assurance de qualité“ beauftragt wird. Der erste Studiengang, der auf diesem Weg seine Zulassung erhielt, war im Juli der Master of Business Administration der Luxembourg School of Business. Das erste Opfer forderten die neuen Regeln ebenfalls schon: Das United Business Institute in Wiltz erhielt seinen Masterstudiengang in Business Studies nicht erneut anerkannt und darf nur noch Bachelor-Titel vergeben.

In Wiltz hat das für Unruhe gesorgt. Campus-Präsident Louis Robert, der zugleich Präsident des Bruxelles Business Institute Luxembourg ist und früher Direktor der Diekircher Hotelschule war, findet die Herangehensweise des Hochschulministeriums „so streng, dass man manchmal den Eindruck haben kann, es will Privathochschulen verhindern“. Das BBI hat beim Ministerium die Re-Akkreditierung seines „Bachelor in Hospitality and Tourism Management“ beantragt, weil die Zulassung Mitte September 2018 ausläuft. Dabei, sagt Louis Robert, würden aber Institut und Studiengang ebenso intensiv durchleuchtet wie bei der Erstakkreditierung.

Genauso sei das auch gedacht, erklärt dazu der Hochschulminister. „Ein Institut kann innerhalb von den fünf Jahren, für die eine Akkreditierung vergeben wird, auch schlechter werden.“ Und wenngleich zum Beispiel „Universität“ hierzulande keine geschützte Bezeichnung sei, werde mit der Akkreditierung für „Qualität“ gesorgt. Und für „akademische Substanz“, was sich ein wenig anhört als sorge die Regierung sich, Luxemburg könnte vom Briefkastenfirmen-Standort zu einem fragwürdiger Hochschulanbieter werden. Schon als Marc Hansen im Januar 2016 zu Änderungen am Hochschulgesetz mit dem zuständigen parlamentarischen Ausschuss sprach, erklärte er, es könne ein ein „pullulement“ privater Anbieter drohen. Dem Land sagt der Minister, „Luxemburg darf auf keinen Fall in den Ruf geraten, dass es hier ganz leicht ist, als Hochschule anerkannt zu werden und Diplome zu vergeben“. Weltweit sei zu beobachten, dass „Geldverdien-Apparate entstehen“ und „Geschäftsmodelle aufkommen, möglichst viele Studenten anzuziehen, doch die studieren das womöglich für ihr Leben“. Für ganz Luxemburg wäre es „verhängnisvoll, wenn ein Student mit einem Bachelor-Abschluss, der nicht gut genug ist, sich an einer Uni im Ausland zum Master bewirbt und die sagt: Was bringen sie uns denn da?“

Die offenbar strenge Haltung des Ministers hat aber ihre Grenzen. Wenngleich Doktortitel zu vergeben, Anbietern neben Uni.lu seit einem Jahr nur erlaubt ist, wenn sie als „universitäre“ Einrichtung akkreditiert sind, straft das Hochschulministerium das überhaupt nicht akkreditierte Wiltzer Business Science Institute wegen seiner ebenso wenig akkreditierten „Executive Doctorates in Business Administration“ nur mit Nichtbeachtung. Soll heißen: Wer die knapp 21 000 Euro teure berufsbegleitende Ausbildung mitmacht, muss wissen, was er oder sie tut, und mit einem Doktortitel laut den Bologna-Regeln hat das DBA ja nichts zu tun.

So sieht das auch BSI-Gründer Michel Kalika, Wirtschaftsprofessor an der Universität Lyon: „Ich habe nie behauptet, dass unser DBA dasselbe sei wie ein Doktortitel, den eine Uni vergibt.“ Der DBA des BSI sei ein Abschluss, „den Manager an ihren MBA anhängen und der auf ihrer Berufserfahrung aufbaut“. Auf der Webseite des Instituts steht in modischem Innovations-Vokabular zu lesen, der Manager-DBA sei „disruptiv“ und „außerhalb der Norm“. Eine Akkreditierung zu erlangen „ist deshalb nicht meine erste Sorge“, sagt Kalika. Allerdings will er in Wiltz eine „internationale Plattform“ für diese Art von Ausbildung aufbauen, da kann eine Akkreditierung nicht schaden. Weil dieses Jahr die dritte Kohorte von Studenten ihren DBA absolviert hat, will Kalika „demnächst“ wieder einen Akkreditierungsantrag stellen. Der erste war vor zwei Jahren als „irrécévable“ abgelehnt worden.

Bis Mitte September 2018 müssen eine Reihe bestehender Akkreditierungen erneuert werden. Das geht aus der Liste der staatlich zugelassenen Studiengänge hervor, die auf der Internetseite des Ministeriums zu finden ist – allerdings nicht an prominenter Stelle platziert, sondern in der Rubrik zum Luxemburger Titelregister verborgen1. Vom Land darauf angesprochen, erklärt Marc Hansen, „das wusste ich nicht, dass können wir ändern“.

Auf „Qualität“ und „Substanz“ müssen sich in den nächsten Monaten das Isec von Handels- und Handwerkskammer und verschiedene seiner Studiengänge überprüfen lassen, sowie die Wirtschaftsuni Eufom mit all ihren Studiengängen. Wie sich die verschärften Regeln auswirken, bleibt abzuwarten. Nicht an den neuen Regeln gescheitert sind, laut Hochschulministerium, dagegen die Bachelor-Ausbildung in Religionspädagogik des Katechetischen Instituts und der Theologie-Master des Priesterseminars: Dass sie seit 15. September 2016 ohne Zulassung sind, liege daran, dass niemand die Wieder-Akkreditierung beantragt habe.

1 www.mesr.public.lu/enssup/registre_des_titres/formations-superieures-accreditees_final.pdf

Peter Feist
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