Ist es möglich, ein Buch an einem Bildschirm bis zum Ende zu lesen? Und mit welchem Bildschirm?

Elektronischer Buchersatz

d'Lëtzebuerger Land vom 28.04.2011

Bis vor wenigen Jahren war es die typische Szene aus einem Science-Fic­tion-Film: Sich mit einem kleinen, flachen Bildschirm auf dem Kanapee zu räkeln und einen Film anzusehnen oder die elektronische Tageszeitung zu lesen. Seit einem Jahr ist die Szene dabei, Alltag zu werden.

Was die elektorische Tageszeitung oder das E-Book anbelangt, dominieren derzeit zwei Systeme den noch jungen Markt für die mobile Lektüre: Tablett-Computer und Lesegeräte mit elektronischer Tinte. Der Gebrauch lehrt schnell, dass erstere sich besser für die Zeitungslektüre, letztere für die Buchlektüre eignen.

Tablett-Computer sind eine Mischung aus zu klein geratenen Computerbildschirmen und zu groß geratenen Handys. Marktführer in der ersten Kategorie ist das I-Pad von Apple. Es erfüllt den Traum jedes weltmännischen Provinzlers: die aktuelle Ausgabe Le Monde wie in Paris am Nachmittag zu lesen, statt erst anderntags, wenn sie bis die entlegensten Ecken des Reiches transportiert wurde. Gegen ein Monatsabonnement von 15 Euro erscheint die aktuelle Ausgabe über Wifi- oder Handy-Netz jeden Tag automatisch auf dem I-Pad und lässt sich durch Antippen des Bildschirms durchblättern, einzelne Artikel können groß gezogen oder in reinem Textformat dargestellt werden. So kommt das Zeitungslesen auf dem I-Pad der Lektüre auf Papier sehr nahe. Sie bietet allerdings auch nicht mehr, da sie die Möglichkeiten eines Computers brach liegen lässt: Es gibt nicht einmal eine Funktion, um die Ausgabe nach Stichworten zu durchsuchen. Anderseits bietet sie weniger als die Papierversion, die es ermög­licht, Artikel auszuschneiden und aufzuheben, mit Notizen zu versehen oder Kopien anzufertigen und weiterzureichen. Interessiert man sich wirklich für das Thema, liest man auf dem I-Pad auch einmal einen längeren Artikel. Aber ein Buch bis zu Ende darauf zu lesen, ist schwer vorstellbar, selbst wenn es nicht Prousts Jahrhundertroman ist. Denn schon bei Zeitungsartikeln hört man öfters in der Mitte des Beitrags mit dem Scrollen und Zoomen auf und blättert weiter. Am Bildschirm liest man flüchtiger. Schließlich kennt man ihn vom Fernsehen.

Das I-Pad hebt zwar die heruntergeladenen Zeitungsausgaben auf, aber der Speicherraum ist eng. Der Spiegel und Die Zeit nutzen die Möglichkei­ten des I-Pad weiter aus, indem sie Querverweise und Videofilmchen einbauen, aber das macht auch keine bessere Zeitschriften aus ihnen. Die meisten Zeitungen kann man auch als Einzelexemplare kaufen. Das ist unter anderem nützlich an Feiertagen, im Winter, wenn Schneefall die Versorgung der Zeitungskioske behindert, oder im Sommer, wenn man auch im Urlaub nicht auf sein Blatt verzichten will.

Von den einheimischen Zeitungen bietet das Luxemburger Wort seit vergangenem Herbst ein Abonnement für I-Pad an. Das Programm ist jedoch öfters instabil und stürzt ab. RTL bietet ebenfalls eine I-Pad-Version seiner Internetseite an. Doch ein Kunde des Apple-Shops nennt die „Cactus Spam-App“ eine „eenzeg grouss Pub!!!“.

Die anderen Zeitungen scheinen die Entwicklung lieber noch abzuwarten oder begnügen sich mit vergrößerten Apps für das Apple-Telefon.

Vor allem englischsprachige Zeitungen bieten auch Abonnements für das Kindle von Amazon an an. Doch diese Lesegeräte eignen sich nicht für die Zeitungslektüre. Die Artikel erscheinen als abgespeckte Textspalten, die das Lesen umständlich machen. Man hat den Eindruck, dass man, sowohl im Vergleich zum Papieroriginal als auch zu dessen I-Pad-Kopie nur wenig Zeitung für sein Geld bekommt und hat keine Übersicht, wo man sich gerade in seiner Zeitung befindet.

Im Vergleich zum I-Pad erweist sich das Kindle aber als das überlegene Lesegerät für Bücher. Um es für längere Lektüre in der Hand zu halten, ist das I-Pad zu schwer. Die Augen ermüden vor dem konventionellen Computerbildschirm, und die entspannte Lektüre im Garten oder am Strand ist unmöglich: In der Sonne verblasst die Darstellung, im Schatten reflektiert der Bildschirm die Umgebung. Außerdem gibt es kein spezifisches Bücherangebot für den Apparat, man muss in den Weiten des Internets danach suchen und findet nichts Vernünftiges.

Im Gegensatz zu Tablett-Computern wie dem I-Pad stellt das Kindle den Text mit elektronischer Tinte dar. Dadurch erscheint er wie ein schwarz bedrucktes Blatt weißes Papier und nicht wie ein Bildschirm. So ermüdet das Auge kaum mehr als bei der Papierlektüre, man kann mit dem Gerät sogar in praller Sonne lesen, und am Abend braucht man eine Leselampe. Das elegante Kindle ist leichter und dünner, man kann es stundenlang halten.

Mit dem Kindle lassen sich Bücher nach Stichworten durchsuchen, die man mit einer kleinen, aber richtigen Tastatur eingeben kann. Führt man in einem englischsprachigen Text den Cursor auf ein Wort, wird der entsprechende Abschnitt des New Oxford Dictionary of English eingeblendet. Der Leser kann, wenn auch umständlich, Textstellen markieren und Notizen eintragen. Doch das Alles ist bleibt und unübersichtlich. Der Leser kann sich kaum im Text orientieren, findet nur umständlich zu Textstellen zurück, hat kein Gefühl dafür, wie viel er gelesen hat und wie viel ihm noch zu lesen bleibt. Wer selbst einen Text schreibt und Zitate aus einem Buch übernehmen will, tippt sie mühselig vom Kindle-Bildschirm ab. Alle Versuche eines Journalisten dieser Zeitung, ein Buch auf einem Kindle bis zum Ende zu lesen, sind bisher gescheitert: Die ersten Seiten macht es Spaß, doch mit der Zeit erweist sich die Papierversion doch als bequemer.

Bücher lassen sich am Kindle oder am Computer bei der Internet-Buchhandlung Amazon kaufen, 650 000 Titel, heißt es. Ein Klick genügt, und binnen Sekunden wird das Buch auf dem Kindle geladen, über Wifi oder kostenlos über das Handy-Netz – auch in Luxemburg. Im Gegensatz zum I-Pad lässt sich das Kindle an einen Computer anschließen, so dass man Bücher aus seinem Speicher kopieren oder hineinsetzen kann.

Das Problem ist freilich das Bücherangebot. Zum einen ist das nur quantitativ reichhaltige Angebot am US-Bestseller-Markt orientiert. Zum anderen fehlen, wie fast immer bei Amazon, alle bibliographischen Angaben zu den Büchern. Zwar gibt es von fast jedem Shakespeare-Stück ein Dutzend Textversionen, aber es ist dem Käufer oft unmöglich herauszufinden, ob er es mit einer im Internet geklauten oder hastig ­zusammengescannten und fehlerhaften Billigversionen oder mit einer kritisch kommentierten Neuausgabe zu tun hat. Denn oft ist der Preis die einzige zusätzliche Angabe zum Titel.

Seit dieser Woche wurde das rein englischsprachige Angebot um 25 000 deutsch­sprachige Bücher ergänzt; französischgischsprachige Titel gibt es keine. Gleichzeitig begann Amazon, seine Kindle-Geräte nach Luxemburg, Deutschland und Österreich nicht mehr aus den USA zu versenden, sondern zu günstigen 15 Prozent Mehrwertsteuer über Luxemburg.

Verschiedene Digitalisierungsprojekte bieten inzwischen ihre Klassiker, darunter auch nicht-englische, kostenlos im I-Pad-Format an, aber sobald französische Akzente, deutsche Umlaute oder gar Frakturschrift eingescannt wurden, sind die Texte so fehlerhaft, dass sie unleserlich werden. Doch auch bei Amazon verkaufte Bücher sind mangelhaft, etwa wenn es teuere Fachwerke mit komplexen Grafiken und Illustratio­nen sind, gar nicht zu reden von der skrupellosen US-Bigotterie, wenn es um Sex oder Politik geht.

Auf dem Kindle lässt sich möglicherweise unter Anwendung von Gewalt gegen die eigene oder eine andere Person ein Buch bis zum Ende lesen. Doch das Buch, das man für Kindle kauft, fehlt in der Bibliothek: Wenn der Kindle in drei oder vier Jahren technisch überholt ist, ist man nicht sicher, ob man den gesamten, teueren Buchbestand darin auf neue Apparate dieser oder anderer Marken kopieren kann oder will. Die Besitzer überleben ihre E-Bücher, auf Papier gedrucktes Buch überleben ihre Besitzer.

Romain Hilgert
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