Karl Marx und Luxemburg (2)

Karl Marx’ Luxemburger Kommilitonen in Bonn

d'Lëtzebuerger Land vom 06.10.2017

Nach seiner Kindheit und Jugend in Trier (d’Land, 8.4.2016) wurde Karl Marx von dem um den sozialen Aufstieg seines Sohnes besorgten Heinrich Marx an die Universität Bonn geschickt, damit er, wie sein Vater, Recht studierte.

Im Oktober 1835 war der Siebzehnjährige mit der Postkutsche oder dem Schiff nach Bonn gereist. Bonn war zu der Zeit etwa so groß wie Trier. Die sehr junge Bonner Universität war in Marx’ Geburtsjahr 1818 gegründet worden, nachdem das Rheinland 1814 preußisch geworden war. „Hochangesehene Wissenschaftler lehrten bald an der neuen Universität: der Jurist Karl Theodor Welcker, der Philosoph und Dichter Ernst Moritz Arndt oder August Wilhelm Schlegel und Barthold Georg Niebuhr, angesehene Theologen beider Konfessio­nen. Es wurde attraktiv, an dieser Universität zu studieren, und – es war angenehm, in dieser kleinen Stadt am Rhein zu leben.“1

Laut Amtlichem Verzeichnis ließ Karl Marx sich am 17. Oktober 1835 mit Namen, Studienfach, Geburtsort, Immatrikulationsdatum und Wohnort einschreiben: „Marx, Carl | Jura | Trier | 17. Oct. 1835 | 764 Josephstr.“2 Er belegte, zuerst sehr fleißig und aufmerksam, so die Abgangszeugnisse, im Wintersemester 1835-1836 Vorlesungen über Enzyklopädie des Rechts, Institutionen, römisches Recht, Mythologie, homerische Fragen und neue Kunstgeschichte sowie, weniger fleißig, im Sommersemester 1836 Naturrecht, deutsche Rechtsgeschichte, europäisches Völkerrecht und Properz.3

Das erste Studentenzimmer von Karl Marx in Bonn war in der Josephstraße auf Nummer 764. Das ursprüngliche Haus ist 1944 zerstört worden. Heute befinden sich dort die Apartmenthäuser 29-31.4 Im Sommersemester 1836 wohnte er dann „1 Stockenstr.“5, „womit er mitten im Stadtzentrum wohnte – ganz nahe am Bonner Markt und an der Universität und nur wenige Schritte zur Gastwirtschaft ‘Ruland’”.6 Auch dieses Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Heute befindet sich dort das Bio-Restaurant „Zucchini“, an dessen Fassade 1989 eine Gedenktafel angebracht wurde.

Unter den rund 200 Kommilitonen von Karl Marx an der juristischen Fakultät waren auch vier Studenten aus Luxemburg. Einer von ihnen, Pierre Lieger, studierte damals laut Amtlichem Verzeichnis schon seit zwei Jahren in Bonn: „Lieger, Peter | Jura, | Luxemburg, | 24. Oct.1833 |, 1109 Brüdergasse“.7 Im Sommersemester 1836 lautete seine Adresse „1152 Sternthor“.8 Peter Lieger (1811-1868) war 1833 mit einem Empfehlungsschreiben seines Deutschlehrers am Luxemburger Athenäum, des liberalen Reformpädagogen Heinrich Stammer, nach Bonn gekommen. Stammer hatte am 18. Oktober 1833 den gleichgesinnten Gutsbesitzer und Politiker Karl Stedmann gebeten: „Der Überbringer dieses ist mein ehemaliger Schüler, Peter Lieger von hier, der durch die gütige Unterstützung des H[errn] Professors Bettmann-Holweg in Bonn in Stand gesetzt ist, die dortige Hochschule zu besuchen. Vielleicht bedarf er ja zuweilen Ihres Rathes. In diesem Falle versagen Sie ihm denselben nicht.“9 Nach seinem Studium wurde Peter Li[e|ger laut Memorial 1843 Untersuchungsrichter in Diekirch, 1845 Untersuchungsrichter in Luxemburg und 1853 Staatsanwalt in Diekirch.10 Er starb 1868 als Obergerichtsrat.11

Drei Wochen nach Karl Marx schrieben sich drei weitere Luxemburger in Bonn ein. Es waren Söhne von Großgrundbesitzern. Universitätsstudien waren ein Privileg für Kinder reicher Eltern. Aber es sollte noch Jahre dauern, bis Marx die politische Ökonomie entdeckte. Seine Eltern waren weniger wohlhabend. Am 19. März 1836 ermahnte ihn Vater Heinrich, weil er „etwas über die Schnur gehauen“ hatte, sparsamer zu sein. Auch wenn er „alles recht gerne thue, daß ich aber als Vater von vielen Kindern – und Du weist recht gut, ich bin nicht reich – nicht mehr thun will, als zu Deinem Wohl und Fortkommen nothwendig ist“.12

Offenbar kannten sich die angehenden Studenten aus Luxemburg. Sie waren möglicherweise gemeinsam nach Bonn gereist, denn sie schrieben sich zeitgleich ein und wohnten an derselben Adresse, 14 am Markt. Dazu gehörte „Schintgen, Jean Pierre Alexander | Jura | Krauthon b. Luxemburg | 7. Nov.1835 | 14 am Markt“.13 Im Sommersemester 1836 wurde sein Geburtsort richtiger „Krauthem“ geschrieben. Seine Adresse in Bonn war nun „1152 Sternthor“.14 Alexander Schintgen sollte später Anwalt und Propriétaire-Rentier in Crauthem werden. Er war von 1876 bis 1886 Bürgermeister des Dorfes, in dem noch heute eine Straße nach ihm benannt ist. Zu den Kammerwahlen am 12. Juni 1866 reichte er laut Courrier du grand-duché de Luxembourg „sa candidature d’une manière isolée“ ein15, aber erfolglos.

Über die beiden anderen Studienanfänger sollte das Luxemburger Wort viele Jahrzehnte später schwärmen: „Es dürfte wohl keinen Namen geben, der hierlands so allgemein bekannt gewesen und mehr genannt worden und während anderthalb Jahrhunde[r]t so innig mit den Geschicken unsers Landes verwachsen gewesen wäre, wie der Name d’Olimart. d’Olimart bekleidete innerhalb dieses Zeitraumes in unserem Lande mit die höchsten Aemter. Aus der neuern Zeit sind noch rühmlichst bekannt: Adolph, der langjährige Präsident und Mitbegründer unseres Großherz. Ackerbauvereins, welcher zum Segen des Ackerbaues so viel geleistet hat; Joseph, s. Z. interimistischer General-Prokurator und langjähriger General-Advokat und Obergerichtsrath, der in Ausübung seines Amtes nie eine politische Leidenschaft, sondern nur das Gesetz kannte, und Gustav d’Olimart, der langjährige Sekretär ohne Tadel unseres Königs-Großherzogs, dessen Namen jedes Schulkind kannte.“16

Der eine Student war „d’Olimart, Adolph | Jura | Luxemburg | 6. Nov. 1835 | 14 am Markt 14“. Im Sommersemester 1836 wurde sein Vorname mit „Adolphe H.“ angegeben. Er war umgezogen und wohnte nicht mehr an der gleichen Adresse wie Schintgen, sondern „1105 Brüdergasse“. In seiner Porträt-­Galerie hervorragender Persönlichkeiten des Luxemburger Landes17 hatte Charles Arend das Leben des Gutsbesitzers aus Bettendorfer Adelsgeschlecht und Sohns des orangistischen Politikers Karl-Anton-Augustin d’Olimart zusammengefasst: „Johann-Heinrich-Adolf d’Olimart erblickte das Licht der Welt am 14. Februar 1815 auf Schloß Bettendorf, als Sohn von Karl-Anton-Augustin d’Olimart und dessen Gattin Maria-Klara-Desiderata-Hyazintha de Neunheuser. Nach Absolvierung seiner Humaniora am Athenäum zu Luxemburg und seiner Universitätsstudien zu Lüttich, Bonn und Heidelberg, ernannte ihn die Regierung zum Großherzoglichen Oberförster [...] Er war Mitbegründer und langjähriger Präsident (1855-1870) der Großherzoglichen Ackerbau-Gesellschaft. Vom 25. April bis zum 28. Juli 1848 vertrat A. d’Olimart den Kanton Diekirch in der Ständekammer.“

Mit ihm in Bonn studierte auch der ein Jahr jüngere „d’Olimart, Joseph Ernst Louis | Jura | Luxemburg | 7. Nov.1835 | 14 am Markt“. Im Sommersemester 1836 wurde seine Adresse mit „1105 Brüdergasse“ angegeben. Nach dem Studium wurde der 1816 geborene d’Olimart „zum Substituten des Staats-Anwalts beim Bezirks-Gerichte zu Luxemburg, und als solcher zur Verfügung des General Staats-­Anwaltes, wird ernannt der Herr Joseph Ernst Ludwig d’Olimart, jetzt Advokat bei dem Obergericht und dem Bezirksgericht von Luxemburg“.18 Später wurde „zum Staatsanwalt bei demselben Gerichte Bezirksgericht Luxemburg: der Hr. Joseph Ernst Ludwig d’Olimart Substitut“.19 Schließlich wurde „Der Herr Joseph d’Olimart, Staatsanwalt beim Bezirksgerichte zu Luxemburg, [...] zum General-Advokaten beim Ober-Gerichtshofe ernannt.“20

Es gibt keine Hinweise über Kontakte zwischen dem jungen Marx und den vier Luxemburgern, die zusammen mit ihm Jura studierten. Denn über seine Studienzeit in Bonn existieren kaum verlässliche Informationen. Etwa über seine mögliche Zugehörigkeit zu einer der oft verbotenen Studentenvereinigungen: „Die in diesem Brief vom Vater erwähnte ‘Kneipe’ könnte ein Hinweis auf die Teilnahme Karls an der studentischen ‘Trierer Tischgesellschaft’ sein, die sich erst nach Karl Marx’ Weggang aus Bonn zum Corps Palatia konstituierte. Für die Mitgliedschaft von Karl Marx zur Trierer Tischgesellschaft oder gar für die oft behauptete Funktion als einer ihrer Vorsitzenden gibt es keine zeitgenössischen Belege. Eine Mitgliedschaft in dieser seit 1832/33 existierenden ‘Kamelklique’, die älteste der ‘losen Stammtischgesellschaften’ in Bonn, deren ‚Aufblühen‘ im Zusammenhang mit der verschärften politischen Überwachung studentischer Verbindungen stand, liegt aber schon herkunftsbedingt nahe, da ehemalige Mitabiturienten von Marx aus Trier, die teilweise auch bei Schlegel in der Vorlesung saßen, definitive dazugehörten.“21

Von der Trierer Tischgesellschaft ist ein Kneipenbild erhalten, eine auf 1836 datierte Lithografie von David Levy Elkan (1806-1865). Es zeigt 32 Studenten vor dem Ausflugslokal „Zum Weißen Roß“ in Godesberg. „Es waren zu 50% angehende Juristen [...] Nur wenige stammten zu diesem Zeitpunkt aus Trier selbst. Viele verschiedene Städte tauchen hier auf: Aachen, Saarbrücken, Saarlouis, Koblenz und andere Städte am Mittelrhein, Eifel- und Hunsrückorte. Drei Ostfriesen sind hier auch bereits zu finden.“22 Einer von ihnen ist möglicherweise Karl Marx. Von den angehenden Luxemburger Juristen scheint keiner zur Trierer Tischgesellschaft gehört zu haben und auf dem Souvenirbild abgebildet worden zu sein.

Das Bild galt bis heute als das einzige Jugendporträt von Marx. Bis eine Zeichnung auftauchte, die sein Trierer Kommilitone, der spätere Arzt, Botaniker und Maler Heinrich Rosbach (1814-1879), anfertigte. Constantin Knyrim schenkte vergangenes Jahr die 4 x 7 cm große Bleistiftzeichnung aus dem Familienbesitz dem Trierer Stadtmuseum Simeonstift, sie soll ab Mai nächsten Jahres in der großen Marx-Ausstellung erstmals ausgestellt werden. Heinrich Rosbach aus Trier war im Wintersemester 1835-1836 als Medizinstudent eingeschrieben und wohnte auf 1103 Brüdergasse, war also ein Nachbar der Luxemburger.

Im Februar oder Anfang März erwähnte Vater Heinrich Marx in einem Brief an Karl Marx dessen Zugehörigkeit zu einem literarischen Zirkel: „Dein Kränzchen spricht mich, Du glaubst es, besser an, als die Kneipe.“23 Es ist unbekannt, um welchen Dichterkreis es sich handelte. Eine mußische Veranlagung der Luxemburger Studienkollegen ist nicht bekannt.

Laut dem im Archiv der Bonner Universität aufbewahrten Karzerbuch musste Marx am 16. Juni 1836 eine eintägige Karzerstrafe „wegen nächtlichen Lärmens auf der Straße absitzen“, im Abgangszeugnis heißt das „Trunkenheit“. Im Mai oder Juni 1836 fragte der Vater: „Und ist denn das Duellieren so sehr mit der Philosophie verwebt?“24 Laut Abgangszeugnis sei Marx angezeigt worden, weil er „verbotene Waffen in Köln getragen habe“.25

Also unterschrieb Heinrich Marx am 1. Juli 1836 die Anweisung: „Ich ertheile meinem Sohn Carl Marx nicht allein die Erlaubniß, sondern es ist mein Wille, daß er das nächste Semester die Universität zu Berlin beziehe, um daselbst seine zu Bonn angefangenen Studien der Rechts- und Kameral Wissenschaft fortzusetzen.“26 Im Oktober 1836 nahm der achtzehnjährige Karl Marx sein Studium in Berlin auf. Auch von seinen Luxemburger Kommilitonen studierte im Wintersemester 1836-1837 keiner mehr in Bonn.27

1 Palatia. 150 Jahre Corps Palatia Bonn 1838- 1988, Bonn, Altherrenverband des Corps Palatia, 1988, S. 5

2 Amtliches Verzeichnis des Personals und der Studirenden auf der Königlichen Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn für das Winter-Halbjahr 1835-36. Aufgestellt von Krüger, erstem Pedell der Königlichen Universität.

3 Eberhard Gockel, Karl Marx in Bonn, Bonn, Bonner Künstlerhaus, 1989, S. 13

4 Gockel, S. 34

5 Amtliches Verzeichnis, Sommer-Halbjahr 1836

6 Ingrid Bodsch, „Karl Marx und Bonn. 1835/1836 und 1841/1842“, in: Dr. Karl Marx. Vom Studium zur Promotion – Bonn Berlin, Jena, Bonn, Stadtmuseum, 2012, S. 17

7 Amtliches Verzeichnis, Winter-Halbjahr 1835-36

8 Amtliches Verzeichnis, Sommer-Halbjahr 1836

9 Gast Mannes, Roger Muller, Heinrich Stammer und der Bund Polyhymnia, Differdingen, Mersch, Phi, CNL, 2009, S. 173

10 Memorial, Nr. 13/1843, Nr. 1/1845, Nr. 88/1853

11 Luxemburger Wort, 21. November 1868, S. 4

12 Mega2, III/1, S. 296

13 Amtliches Verzeichnis, Winter-Halbjahr 1835-36

14 Amtliches Verzeichnis, Sommer-Halbjahr 1836

15 Courrier du grand-duché de Luxembourg, 10. Juni 1866, S. 1

16 Luxemburger Wort, 16. Dezember 1898, S.3

17 Charles Arendt, Porträt-Galerie hervorragender Persönlichkeiten aus der Geschichte des Luxemburger Landes, Luxemburg, Huss, 1910 S. 46

18 Memorial, Nr. 13/1843, S. 174

19 Memorial, Nr. 58/1848, S. 471

20 Memorial, Nr.88/1853, S. 773

21 Ingrid Bodsch, S. 19

22 Palatia, S. 9

23 Mega2, III/1, S. 293

24 Mega2, III/1, S. 297

25 Ingrid Bodsch, S. 21

26 Mega2, III/1, S. 299

27 Amtliches Verzeichnis, Winter-Halbjahr 1836-37

Romain Hilgert
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