Kabarett

Es geht um die Wurst

d'Lëtzebuerger Land vom 06.10.2017

Nach dem 8. Oktober ist es vorbei! Doch vorher werden Luftballons und Gummibärchen verteilt, wird auf Dorffesten mit Bier angestoßen und beherzt in die Grillwurst gebissen. Hauptsache Volksnähe zelebrieren. Die Parteien locken junge Kandidatinnen auf ihre Listen und kopieren fleißig die Wahlprogramme der Anderen, wen kümmert’s? Mit Voll mat dobäi! reflektiert das Künstlerkollektiv Richtung 22 den kommunalen Wahlkampf satirisch. Das funktioniert in Teilen gut, denn die Laiendarsteller kennen die Gegebenheiten in Luxemburg und sind ausreichend politisch, um den Nagel auf den Kopf zu treffen.

„Et si Wahlen am Duerf“ lockt das gelbe Plakat. Im kleinen Saal des Théâtre du Centaure wird mit Requiem for a dream an das Referendum erinnert und das Nationbranding auf die Schippe genommen. „Nee, nee, nee!“ ertönt es entschieden, bevor zwei Polizisten auf die kleine Bühne stolpern, die in ihren Uniformen und mit kleinen Lego-Hubschraubern wirken wie Buben. „Bitte beteiligen sie sich an der nationalen Woche!“, wird einer der Beiden ins Publikum rufen und sich fragen, um welches Image es eigentlich geht. Das Neue, für das der Staat über eine Million Euro ausgegeben hat? Ausgestattet mit Taschenlampen suchen sie das verlorene Kind, denn: „Déi Kleng si keng Klengegkeet fir eis.“ Ihr Rassismus tritt in ihren Gesprächen offen zu Tage. Wen interessieren denn Ausländer? Doch nur „déi Asië vun der Asti“ oder „déi Crétins vun der Croix Rouge!“

Political Correctness war für Richtung 22 noch nie ein Maßstab, und das tut dem Stück verdammt gut! Wenn die Beamten beim Kaffee nostalgisch in Erinnerungen an ihre erste Asylantenjagd schwelgen, werden Vorurteile verfestigt. Die Künstlergruppe setzt bewusst auf Stereotype und lässt die Staatsgewalt über „Sozialschmarotzer“ herziehen. Bisweilen ist das hart an der Grenze zum Slapstick, bisweilen schlicht platt, bald akademisch überheblich: „Jhemp, e Polizist mécht, wat e Polizist muss maachen!“

Da in Voll mat dobäi wie in vorangehenden Produktionen von Richtung 22 alle irgendwie ihr Fett abkriegen, lässt man sich darauf ein. Bisweilen gehen der Witz und der Wille, umfassende Kritik in dem Stück unterzubringen, auf Kosten der Regie. So sind es kurze Sketche, die das Kollektiv aneinanderreiht, die zwar als Einzelszenen funktionieren, aber nicht so recht ein geschlossenes Ganzes ergeben wollen. Die teils geistreichen Dialoge plätschern so vor sich hin, die Schauspieler sind laut. Und doch muss man schmunzeln, wenn darüber lamentiert wird, dass keiner der „erwünschten Ausländer“ nach Luxemburg komme. Für wen habe man dann die Hochkultur wie das Mudam erbaut? „Mär bidde cochon à volonté, Oberweishäppchen, dee neie Lift!“

Als Riesengaudi ist eine Szene in dem Büro des Außenministers angelegt. Jean Asselborn sitzt da in Denkerpose, reibt sich die Hände und gibt zu bedenken: „Dat do ass eng hoart Noss!“ Laut monologisierend wird er zu dem Schluss kommen, der Maybrit Illner abzusagen, um „mam Andy“ essen zu gehen. Asselborn-Persiflagen sind an sich garantierte Schenkelklopfer, doch das Schauspiel des ihn mimenden Darstellers wirkt allzu selbstgefällig, da er permanent über seine eigene Performance grinst.

Dank Asselborns Sekretärin ist das Migrationsgesetz schnell aus dem Ärmel geschüttelt. Auf den Home-Trainer startet sie das Trainingsprogramm, wird an der politgerechten Terminologie geschraubt. Es muss heißen: „die Leute dürfen heimkehren!“, nicht: „sie werden zurückgeschickt!“, coacht sie ihn. Ein an sich gelungenes Bild: Da radelt sich der Außenminister um Kopf und Kragen. Am Ende wird das asylfeindliche Gesetz klingen wie eine humanitäre Maßnahme. Verrat an den eigenen Idealen? Ist doch parteiübergreifend Usus! Auch Claude Adam von den Grünen muss den Kopf herhalten.

Und wieder ein abrupter Wechsel: Da wird kistenweise Bier auf die Bühne geschleppt; das ganze Land befindet sich im Volksfest-Modus, in der Gemeindepolitik geht es um die Wurst! Her mit den Wahlsprüchen! Her mit den Kandidaten! „Platz für Fledermäuse und Migranten“, skandiert ein verwirrter Typ. „Usch a Fern“ werden dargestellt von zwei Frauen, die Mut zur Tölpelhaftigkeit haben und die Landeier mimen. Überhaupt überzeugen die Darstellerinnen in dem Stück mehr als die allzu selbstgefälligen jungen Männer.

Einem Mädchen werden mal eben zwei dicke Ordner mit Gemeindereglementen in die Hände gedrückt, während sich Usch und Fern darüber den Kopf zerbrechen, was sie ins Programm schreiben könnten. So wird schamlos abgekupfert. Der Konsens? Unsere Gemeinde verkommt! Der beste Wahlkampfslogan? „Voll mat dobäi!“ Prost! Die Bierflaschen klirren. Dass Gemeinden in diesen Tagen genug Anlass für Spott bieten, zeigt ein trash­iger Werbespot der LSAP aus Wiltz, der eingeblendet wird. Darin laufen die KandidatInnen wie Zuchtbullen auf eine Brücke und posieren dämlich grinsend vor der Kamera. Für Facebook werden hippe Fotos der Kandidaten ausgegraben und gepostet: Lydie Polfer sitzt strahlend auf dem Pferd eines Karussells auf der Schueberfouer. Auf dem „Choucroute“-Fest in Suessem wird sich die Kante gegeben, und die Kandidaten sind „voll“, bevor die Presse kommt. So wird die Neue mal eben gebrieft: „Mär si Bierger mat Häerz a Séil!“ Allein die Außenstehende sieht klar. Ihr lakonisches Fazit: „Wir wollten informativ und politisch sein, aber es ist nur Dorftheater dabei herausgekommen.“ Voll mat dobäi ist freilich Dorftheater und doch politische Realsatire. Das Stück zeigt, dass es gerade in diesen Tagen eines Künstlerkollektivs wie Richtung 22 bedarf, das den lärmenden lokalpolitischen Gecken den Spiegel vorhält.

Voll mat dobäi! En Duerftheaterstéck iwwert pragmatesch Politik mit: Julia Ariete, Anne Gillen, Tessie Jakobs, Jessica Lagoda, Raphael Lemaire, Yannick Maurice, Lars Schmitz, Rick Schmitz, Selma Weber. Crew: Michelle Kleyr, Tony Krieger, Maurice Sinner, Naema Sinner, Gabrielle Taillefert. Premiere war am 26. September im Théâtre du Centaure. Keine weiteren Spieltermine.

Anina Valle Thiele
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