Die kleine Zeitzeugin

Kreuzigungen

d'Lëtzebuerger Land vom 04.07.2014

Zwischendurch, in den Pausen, tauchen unentspannte Herren oder Damen auf und erzählen ekelhafte Dinge. Dinge, die es überhaupt nicht gibt. Vollkommen irrwitziges Zeug, man sollte abschalten, eigentlich will man ja nur zur Toilette oder ein Bier holen oder mit dem Hund raus, und dann kommen die und erzählen einem so perverse Sachen. Klick die weg!

Endlich, eine gemütliche Kommentatorenrunde. So ist es gut, da sind wir zuhause, in einem friedlichen ewigen Geplätscher, man muss gar nicht wissen, was sie da reden – dass sie es tun und wie sie es tun, ist das Schöne und Wertvolle. Jede Bewegung wird bis in die mikroskopischsten Details analysiert und von mehreren Seiten befundet, von lauter extrem kompetenten Experten, aber auch von so genannten Legenden. Taktik und Technik werden nach wissenschaftlichen Kriterien beurteilt. Aber auch Lob und Tadel werden verteilt, wie es sich gehört.

Es gibt die rechtschaffen sich Abrackernden und die Glückspilze und die Entdeckungen und die Pechvögel. Plötzlich wird aus einem Gott ein Niemand, der sich beschämt vom Acker schleicht. Ein Armer wird umarmt und geküsst, gefiederte Inka-Könige auf den Tribünen liegen ihm zu Füßen. Alles ist möglich, singt es in uns, yes, we can. Dann, Sekunden später, stürzt einer, Welten stürzen ein, und alles beginnt von vorne, das Chaos, der Kampf, der Wahnsinn, die Ekstase. Einer bekreuzigt sich.

Aber wie schön, dass es Regeln gibt in dieser deregulierten Welt! Der Rasen ist ordentlich gemäht, schön gestreift, und an den Trikots erkennen wir, wer wer ist. Schließlich ähneln sich die Menschen immer mehr, die Menschheit ähnelt sich selber immer mehr. Woran könnten wir ohne Trikots zum Beispiel Franzosen erkennen? Alles hat so seine Ordnung. Die Hymnen werden geschmettert oder hervor gepresst zwischen unwilligen Lippen, aber immerhin. Die kriegsbemalten Leiber, die schlachtaffin dekorierten Schädel werden stolz dem Gegner präsentiert. Alle wissen, was zu tun ist, der Tormann steht im Tor, der Stürmer stürmt. Das Publikum buht oder jubelt oder tobt. Es ist alles klar, übersichtlich, selbst wenn sich alle in einem Pulk verbeißen und Knie sich in Augenhöhlen rammen. Es wird gebetet oder gespuckt, wenn auch leider mit abnehmender Tendenz. Der Kampf ist hart, es wird ordentlich gebissen und getreten. Aber dann pfeift der Schiedsrichter, die Trainer schimpfen, es gibt gelbe und rote Karten.

Wie beruhigend: Die Welt ist heil, trotz aller schmerzverzerrten Antlitze, trotz Blut und Wunden und zertrümmerten Gliedmaßen. Es ist grausam und großartig, aber alle überleben. Blut fließt, aber nur ganz wenig, schon kommen die Helferlein angetrabt und bringen den Helden aus dem Schussfeld, der Nächste bitte.

Dann ist Pause. Schon wieder ein Herr im Anzug, der seltsame Dinge berichtet. Von wo? Sie klingen so fremd. Was redet der? Von Booten mit Leichen! Ukraine Russland, sagt der. Haben die nicht mitgespielt? Was tun die dort, dort draußen, wo niemand zuschaut? Oder tun sie es, weil niemand zuschaut? Was ist das für eine kranke Parallelwelt? Warum sind die nicht hier, hier mit uns, vor dem Bildschirm versammelt, auf dem Bildschirm versammelt? Vor dem Rettungsschirm in unseren Höhlen, vor dem wir nicht die Knochen unserer Feinde nagen, sondern nur friedliche, dekadente Chips. Wo es so schön ist: Wir sind in der Oper, im Melodram, in einem Gottesdienst ohne Teufel, mit lauter Teufelskerlen. Warum lieben und hassen sie nicht hier, warum kämpfen sie nicht hier, hier erstehen alle wieder auf und können nach Hause gehen. Ab und zu werden Bissspuren fotografiert, aber niemand wird zerfleischt oder aufgegessen, kein Skalp wird an ein Tor genagelt. Die Verlierer gehen nach Hause, das ist das Schlimmste.

Der Herr im Anzug sagt, Kreuzigungen. Was redet der für perverses Zeug, mir wird schlecht, wir sind doch nicht bei Bibel TV!

Bitte, bitte, gebt mir Volk Opium! Oder wenigstens Chips und Spiele.

Michèle Thoma
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