Kulturpolitik

Mit dem Gratistransport ins Gratismuseum

d'Lëtzebuerger Land vom 17.05.2019

Ab März nächsten Jahres sollen hierzulande Bus und Bahn kostenlos werden. Vor diesem Hintergrund taucht die Frage wieder auf, ob auch der Eintritt zu den Museen gratis werden soll, ähnlich wie zu den Bibliotheken.

Seit dem 1. April ist der Zugang zur Dauerausstellung im Festungsmuseum Drei ­Eicheln kostenlos. In einer Mitteilung vom 20. März hatte das Museum angekündigt, dass es zu Beginn der Tourismussaison den Zugang zur Kultur erleichtern und vom Bild abkommen möchte, dass das Museum im Fort Thüngen eine unerreichbare Festung sei.

Das Festungsmuseum untersteht dem Nationalmuseum für Geschichte und Kunst, dessen Dauerausstellung ebenfalls kostenlos zugänglich ist. Der Eintritt zu den Sonderausstellungen kostet dagegen sieben Euro. Das Nationalmuseum für Naturgeschichte verlangt fünf Euro Eintritt. Eine Eintrittskarte des kommunalen Geschichtsmuseums kostet fünf Euro, der Eintrittspreis der ihm angegliederten Gemäldegalerie Villa Vauban beträgt ebenfalls fünf Euro. Das Casino Forum d’art contemporain ist seit dem Umbau vor drei Jahren kostenlos. Das Museum für zeitgenössische Kunst Mudam fragt acht Euro Eintritt. Alle Museen bieten Vergünstigungen für verschiedene Besuchergruppen an.

Das Hauptargument, um Museen kostenlos zu machen, ist die Absicht, auf den ohnehin geringen Anteil der Eintrittskartenerlöse am Gesamthaushalt der staatlich oder kommunal finanzierten Museen zu verzichten, um mehr Besucher anzulocken und den Fremdenverkehr zu fördern. In Zeiten des liberalen Benchmarkings, der Audits und Unternehmensberater ist die Besucherzahl ein gewichtiges Argument. Dahinter steckt die gönnerhafte Annahme, dass Leute aus wirtschaftlichen Gründen davon abgeschreckt werden, sich für Kunst oder Geschichte statt für andere Wissensgebiete und Unterhaltungsformen zu interessieren. Aus dem gleichen Kalkül bemühen sich ­Museen, ihre Buchhandlungen zu verkleinern und ihr Restaurants zu vergrößern.

2011 hatte CSV-Kulturministerin Octavie Modert etwas überraschend beschlossen, dass die Museen für Jugendliche bis 21 Jahre und für Studenten bis 26 Jahren kostenlos würden. Der damalige Verwaltungsdirektor des Casino und heutige Erste Regierungsrat im Kulturministerium, Jo Kox, hatte das gegenüber dem Lëtzebuerger Land (23.3.2012) „populistisch“ genannt, weil sich ein Museum nicht darauf beschränken dürfe, seine Besucherzahlen in die Höhe zu treiben.

Als die Regierung Ende vergangenen Jahres den Gratistransport angekündigt hatte, befürchteten einige der unzähligen Transportspezialisten, dass dadurch Leute Bus oder Bahn fahren könnten, „um sich zu wärmen“. Sie dachten vielleicht an Arme und Obdachlose, die im Winter eine Gelegenheit suchen, um nicht frieren zu müssen, und fanden, dass so viel soziale Vermischung den Passagieren und dem Begleitpersonal nicht zuzumuten sei. Denn Bus und Bahn werden vor allem von Schülern und Rentnern, von Arbeitern und kleinen Angestellten oder umweltbewussten Beamten benutzt und erreichen so schon eine Vermischung von Klassen und Schichten, die nur von den Notaufnahmen in den Krankenhäusern übertroffen wird.

Anders die Museen: Museen sind im bedrohlichen Chaos der Welt von den Steuerzahlern finanzierte Oasen für die gehobenen Mittelschichten: Museen sind reich und luxuriös in einer Welt, die vielerorts arm und hässlich ist. Die Besucher können es genießen, in halbleeren Sälen zwischen millionenteuren Gemälden und Skulpturen herumzuschlendern und sich ebenso erlesen zu fühlen. Die kostspielig errichteten oder umgebauten Gebäude gehorchen der gleichen Ästhetik des Exquisiten bis zum Streit um die Fassadensteine des Mudam, die nicht zufällig den Namen Magnys dorés tragen.

In einer als schmutzig und verpestet empfundenen Welt entsprechen die peinlich gefegten Museen den Ansprüchen von Besucherschichten, die wissen, dass Armut schmutzig ist und Sauberkeit Ausdruck von Reichtum. Gewaltige Klimaanlagen bieten bei eisiger Kälte wie bei brütender Hitze nicht nur den empfindlichen Artefakten, sondern auch den sich ebenso empfindsam fühlenden Besuchern eine wohlige Atmosphäre, von der die Passanten außerhalb der Museen nur träumen können. Und während draußen rund um die Uhr die Produktion, der Transport und die Anpreisung der Waren dröhnt, hupt und schreit, herrscht in den Museen die gediegene Stille, die sonst nur der Rentier während seiner immerwährenden Freizeit genießt.

Leben die reüssierenden Kleinbürger in der ständigen Angst, dass neidische Unterschichtenangehörige es auf ihre Audis und Brieftaschen abgesehen haben, gewähren Museen ihnen die absolute Sicherheit: In jedem Ausstellungssaal schützen Wächter und Alarmanlagen die Exponate und die Besucher gleichermaßen vor Übergriffen und Zumutungen bis hin zum Stillen von Säuglingen. Selbst die in den Museumscafés angebotenen Biolimonaden entsprechen den Konsumgewohnten gesundheitsbewusster Mittelschichten, die den Bier oder Cola trinkenden Unterschichten nur Verständnislosigkeit entgegenbringen können.

Die Frage nach der Kostenlosigkeit in den Museen stellt sich anders als im öffentlichen Transport. Um den Preis eines höheren staatlichen Zuschusses dürften die Museen schon bereit sein, auf die Einnahmen aus dem Verkauf von Eintrittskarten zu verzichten. Falls dadurch neben Touristen auch heimische Angehörige anderer Klassen und Schichten den Weg ins Museum fänden, hätte niemand etwas daran auszusetzen, so lange sie dankbar und schweigend die ihrer kulturellen und damit moralischen Überlegenheit sicheren Mittelschichtenangehörigen nachahmen. Frierende Obdachlose sondern am Eingang die uniformierten Angestellten privater Wach- und Schließgesellschaften aus.

Romain Hilgert
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