Als Prioritäten für die Zukunft hat sich der ACL die Themen Verkehrs­sicherheit und Mobilität gesetzt. Zur „Mobilität“ zählen neue Dienstleistungen für die alternden Mitglieder oder Car-Sharing

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d'Lëtzebuerger Land du 11.07.2014
Im Luxemburger Coming-of-age-Ritual – 18 Geburtstag, Führerschein, Schulabschluss, alkoholgetränkter Urlaub in Lloret del Mar oder auf Mallorca – ist sie ein festes Accessoire: Die Automobilclub-Karte zum Studententarif. Die Mitgliedschaft im ACL ist im überversicherten Luxemburg erblich, wie die in der Caisse médico-chirugicale oder der Air Rescue. Früher, bevor das US-Verteidigungsministerium urlaubende europäische Familien via Satellitensignal Richtung Süden navigierte, und als Flugreisen für die Arbeiterklasse noch unerschwinglich waren, gehörte der Besuch beim ACL-Schalter zur Reisevorbereitung wie das Kofferpacken. Woher sonst Wegbeschreibung und Straßenkarte holen? Mit über 170 000 Mitgliedern ist der ACL in über 70 Prozent der Haushalte vertreten. Über die Verkehrsnachrichten und Staumeldungen im Radio erreicht er auch das restliche Viertel der Bevölkerung. Doch seit das frühere Aushängeschild des ACL, Daniel Tesch, der den Club während elf Jahren leitete, nach den Wahlen seinen Posten räumen musste, war etwas unklar, wer den Betrieb mit rund 150 Mitarbeitern eigentlich leitet. Das hatte weniger damit zu tun, dass es einige Monate dauerte, bis mit Jean-Claude Juchem ein neuer Direktor gefunden war. Sondern vielmehr damit, dass die brave Masse der Anhänger, obwohl sie den Verein finanziert, in seiner Führung nicht mitredet. Daran ändert sich auch nichts, nachdem der Verein bei der letzten Hauptversammlung vor zwei Wochen die Satzung abgeändert hat. Die neue „Gouvernance“, die Verwaltungsratspräsident Yves Wagner am Mittwoch vorstellte, erhält die Klassengesellschaft im ACL aufrecht, die auf die Vereinsgründung 1932 zurückgeht. Seither vererben die Schmelzhären und andere Industrielle, die sich damals ein Auto leisten konnten, das Privileg „assoziiertes“ Mitglied zu sein. Maximal 200, so sieht es die Satzung vor, dieser membres associés mit Zugang zur Hauptversammlung kann der Verein haben. „Es ist logistisch nicht möglich, eine Versammlung für 170 000 Mitglieder durchzuführen“, verteidigt Wagner sein Vorgehen. Membres associés gibt es aktuell 141 an der Zahl. Ein Baron ist darunter, Politiker, Unternehmer und auch Unternehmen, wie etwa die BGL, Foyer Assurances oder die Brasserie de Luxembourg. Dass die Mitgliederliste etwas statisch ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Firma Paul Wurth unter „Wurth, Paul“ geführt wird, dem Namen des Ingenieurs, Schmelzherrn, Autofans und Gründungsmitglieds, der seit 69 Jahren tot ist (auf der Titelseite ist er mit seinem Benz Vélo zu sehen, dem ersten in Luxemburg registrierten Automobil). Angesichts dieser über mehr als 80 Jahre gewachsenen Situation sind von Wagner auf die Schnelle vielleicht keine Wunder zu erwarten, was den Umbau der Verwaltungsgremien betrifft. Immerhin startete er am Mittwoch einen Aufruf an Interessierte, die membre associé werden wollen, sich beim ACL zu melden, um sie in die Hauptversammlung aufzunehmen. Zu den Neuerungen, die Wagner in die Satzung eingeführt hat, gehört eine Altersgrenze für die Verwaltungsratsmitglieder auf jugendliche 75 Jahre. „Langfristig“, sagt Wagner, will er einen größeren Turnus im Verwaltungsrat erreichen – von den aktuellen Verwaltungsratsmitgliedern blicken manche auf eine Karriere von mehreren Jahrzehnten zurück. „E Bopeverein“, beschreibt ein Mitglied die Situation, der bei den seltenen Sitzungen darüber diskutierte, ob hier oder da ein Baum am Straßenrand den Verkehr behinderte. Bei 25 „Bopen“, die sich alle sechs Monate einmal trafen, war an strategische Entscheidungen, was die Unternehmensführung betraf, nicht zu denken. Wodurch der Direktor, die vergangenen elf Jahre war das Daniel Tesch, freie Hand in allen Entscheidungen hatte. „Der Verwaltungsrat war nicht richtig eingebunden“, erklärt Wagner, warum er überhaupt eine neue Kommandohierarchie geschaffen hat, „dabei ist es er, der legal verantwortlich ist“. Anstatt des bisherigen Comité de gérance innerhalb des Verwaltungsrats, unter dem der Direktor allein für das Tagesgeschäft zuständig war, gibt es nun vier Komitees (Autosport, Audit, Strategie und Organisation), unter denen ein Direktionskollegium steht, das vom neuen CEO Jean-Claude Juchem geleitet wird. Juchem selbst hielt sich am Mittwoch sehr mit Aussagen zurück. Seine Priorität in den kommenden Monaten dürfte es sein, die brachliegenden Verhandlungen für das bereits vergangenes Jahr abgelaufene Tarifabkommen wieder in Gang zu bringen. „Wir müssen das Vertrauen der Mitarbeiter erarbeiten“, so Juchem. „Ein Unternehmen dieser Größe kann man nicht führen wie einen Verein vor 30 Jahren“, sagt Wagner, für den die Rolle des Comité des gestion nicht klar genug definiert war. Wenn er sich jetzt um die Einbindung des Verwaltungsrats sorgt, schwingt nach dem sehr öffentlichen und unfreiwilligen Ausscheiden Daniel Teschs der Vorwurf von Alleingängen gegenüber dem ehemaligen Direktor mit. Da beide Parteien im Rahmen von Teschs Abfindung Stillschweigen vereinbart haben, halten sie sich mit direkten Anschuldigungen zurück. Doch letztlich geht es auch ums Geld. Darum, wie es generell gehandhabt wird. Denn obwohl noch weiter in die Informatik investiert werden müsse, erklärt Wagner, „haben wir heute eine bessere Übersicht über unsere Finanzen als vor einem Jahr“. Daraus muss man schließen, dass sie davor nicht besonders gut war. Davon abgesehen geht es um konkrete Ausgaben. Beispielsweise die für die Operation „Yellow Cab“, dem Taxi-Dienst für die Mitglieder. „Der Taxi-Dienst hat Geld gekostet, keines eingebracht“, sagt der Präsident, ohne spezifisch zu werden. „Viel Geld“, fügt er widerwillig auf Nachfrage hinzu, darunter versteht er Beträge ab 100 000 Euro. Deswegen ist die Einstellung des Taxi-Dienstes für ihn beschlossene Sache, spätestens bis zum Herbst soll feststehen, wann die letzte Yellow-Cab-Fahrt stattfindet. Dabei gesteht er ein, dass der alternative Taxi-Dienst als Druckmittel seinen Zweck erfüllt hat – ein Gesetzentwurf zur Reform des Taxiwesens liegt im Parlament vor –; den Segen des Comité des gestion dafür hatte Tesch. Tesch selbst ist immer noch membre associé beim ACL und äußerte kürzlich in einem Brief an den Verwaltungsrat seine Bedenken über dessen gouvernance, nicht zuletzt im Bezug auf den Umgang mit dem Club-Vermögen, das über sechs Millionen Euro Rücklagen und das Grundstück umfasst, auf dem der Clubsitz in Helfent steht, und wer kontrolliere, wie der Verwaltungsrat darüber verfüge. Fragen, die Tesch nicht ganz umsonst aufwirft. Im „modernen“ Unternehmen, dessen Struktur sich Wagner zum Vorbild nimmt, beaufsichtigt der Verwaltungsrat den Vorstand, er selbst wird von den Aktionären kontrolliert, die ihn abwählen, wenn sie unzufrieden sind. Diese Kontrolle fällt beim ACL aus, weil die breite Mitgliedermasse, aus deren Beitragszahlungen das Millionenvermögen angespart wurde, bei der Bestimmung des Verwaltungsrat nicht mitreden darf. Dass Wagner am Mittwoch in Bezug auf die Finanzen etwas hinter den eigenen Transparenz­ansprüchen zurückblieb, ist aber wahrscheinlich wiederum auf die Causa Tesch zurückzuführen. Dass das Ergebnis 2013 „schlecht“ war und das Geschäftsjahr mit einem Verlust von 212 000 Euro abgeschlossen wurde, teilte Wagner nur auf Nachfrage mit. Einerseits sitzt Wagner in der Zwickmühle, weil der Verein in der Vergangenheit – das sieht man an den Registereinträgen – kein Budget beim Handelsregister hinterlegt hat, was er nun ändern will. Zweitens dürfte die Abfindung, die Tesch im Zuge seines Abgangs erhielt, nicht unwesentlich zum Verlust beigetragen haben. Zudem hat der ACL in die eigenen Anlagen für die technischen Check-ups investiert, und die Fahrzeugflotte der Pannenhilfe und Mietwagen zum Teil erneuert. Dass unter dem Strich ein Fehlbetrag steht, erklärt Kommunikations- und Marketingchef Frank Schmit aber auch damit, dass im Budget für 2013 vorgesehen war, die Mitgliedszahl auf 173 000 anzuheben, wodurch die Beiträge gestiegen wären, man die dafür nötigen Aktionen aber eingestellt hat, um sich auf die Bindung der vorhandenen Mitglieder zu konzentrieren. So kamen 2013 12,8 Millionen Euro Beitragszahlungen zusammen, wovon 7,8 Millionen Euro in die Pannenhilfe für die Mitglieder flossen und weitere 1,2 Millionen Euro für weitere Dienstleistungen an die Mitglieder ausgegeben wurden. Den Kontakt mit der Basis hält der ACL unterdessen über Umfragen durch das Meinungsforschungsinstitut Quest. Für seine Lobbyarbeit, erklärt Schmit, behält der ACL nur Positionen zurück, die bei den Befragungen von mindestens 75 Prozent der Mitglieder getragen werden. So vertrat der ACL vor den letzten Wahlen in seinem Forderungskatalog tatsächlich einmal die Meinung der Mitglieder und nicht nur die der eigenen Führungsetage. Ob es die Mitglieder bislang überhaupt gestört hat, dass sie nicht mitreden können, ist fraglich. Wahrscheinlich sehen die meisten den ACL als Unternehmen, bei dem sie verschiedene Dienstleistungen einkaufen. Die Pannenhilfe, die Reisevorbereitung, aber auch verstärkt das Reisen selbst. Vergangenes Jahr lotste der ACL 1 300 Mitglieder in Gruppen von 20 Leuten durch China, an der Indien-Reise werden dieses Jahr über 1 000 teilnehmen. Wohl flankiert und von mindestens zwei Reiseführern gut behütet, trauen sich so auch diejenigen in ferne Länder, die das Abenteuer allein nicht wagen würden. Darin hat der ACL die Bedürfnisse seiner Luxemburger Kundschaft sehr wohl erkannt.
Michèle Sinner
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