Kino

Geschichten von der NSA

d'Lëtzebuerger Land du 14.08.2015

Im Juni 2013 traf sich der Whistleblower Edward Snowden in einem Hotel in Hongkong mit dem Guardian-Reporter Glenn Greenwald und Ewen MacAskill, dem Washington-Bürochef des Guardian. Ach Tage lang erläuterte Snowden den beiden Journalisten, welche Informationen er über die weltweiten Ausspäh-Aktivitäten des US-Nachrichtendienstes NSA zusammengetragen hatte.

Während der Hotelzimmergespräche lief die Kamera der US-amerikanischen Filmemacherin Laura Poitras immer wieder mit. Snowden hatte sie schon im Januar 2013 über eine verschlüsselte E-Mail kontaktiert, sich ihr als „Citizenfour“ vorgestellt und versprochen, Beweise dafür zu liefern, dass die NSA jeden Bürger der Vereinigten Staaten überwache. Poitras arbeitete damals an einem Dokumentarfilm über die Abhörprogramme, die von der US-Regierung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingerichtet worden waren, und hatte mit My Country, My Country (2006) über den Irak und The Oath (2011) über das Al-Kaida-Netzwerk bereits zwei Dokumentationen über die Welt nach 9/11 realisiert. The Program, so der Arbeitstitel des Films über die Abhörprogramme, sollte den Abschluss einer Trilogie bilden. Durch Snowdens Enthüllungen wurde daraus ein derart brisantes Projekt, dass Poitras, um es vollenden zu können, nach Berlin umzog, wo sie heute noch lebt. Citizenfour erhielt im Februar den Oscar für den besten Dokumentarfilm und wird zurzeit in der Reihe Summer Follies im Utopia-Kino gezeigt.

Snowden, NSA, „nach Berlin umgezogen“: Das lässt vermuten, dass Citizenfour ein Thriller sei, dass er schockierende Einblick ins Tun und Lassen von Geheimdiensten erlaube und politische Verwicklungen aufdecke. Oder dass er eine Heldengeschichte über Edward Snowden erzähle.

Von all dem tut der Film ein bisschen. Ein regelrechtes Snowden-Porträt konnte er schon deshalb schlecht werden, weil Poitras nicht wissen konnte, was sie während der acht Tage in Hongkong erwarten würde, und ihre Geschichte improvisieren musste. Snowden zu heroisieren, vermied sie aber. „I’m not the story here“, sagt der Whistleblower zu Beginn der Gespräche im Hotel; ihm gehe es um die Sache. Poitras zeigt einen stillen, nachdenklichen Snowden, der immer wieder darüber reflektiert, was er soeben dabei ist, zu tun. In einer Szene erklärt der damals 29-Jährige Ingenieur mit dem Kurzhaarschnitt und der randlosen Brille, der über ein Subunternehmen für die NSA gearbeitet hat, ohne Eitelkeit in die Kamera, Gefängnis zu riskieren, sei das kleinere Übel verglichen mit einer Einschränkung seiner geistigen Freiheit. Das ist der kurzen Stilisierung als eigentlich sehr amerikanischer Held genug. Erblickt man Snowden gegen Ende des Films durch ein Fenster seiner Wohnung im russischen Exil beim gemeinsamen Kochen mit seiner Freundin, nachdem diese zu ihm reisen durfte, sieht das aus, als hätten beide noch einmal großes Glück gehabt, dem Zugriff der US-Behörden entgangen zu sein.

Weil Citizenfour den Geheimnisverräter beinah als Jedermann zeigt, ist das Spannende an dem Film weniger die Augenzeugenschaft der Hotelgespräche, die dem Publikum geboten wird, sondern mitzuerleben, wie die Enthüllungen an die Öffentlichkeit gelangen, wie Zeitungsredaktionen mit diesen Informationen umgehen, wie Rechtsanwälte Snowdens Situation gegenüber der US-Justiz analysieren und wie in parlamentarischen Hearings im Ausland die Auswirkungen des von Washington aus organisierten weltweiten Ausspähens diskutiert werden.

Trotz aller spannenden Momente lässt Citizenfour seine Zuschauer aber immer wieder seltsam unbeteiligt. Das könnte daran liegen, dass Snowdens Geschichte nun bekannt ist und was er enthüllt hat, mittlerweile von der Wirklichkeit und weiteren Abhörskandalen der NSA, ihres britischen Pendants GCHQ und des deutschen BND überholt wurde. Umso mehr aber fällt auf, dass Poitras’ Film nur wenig politisch angelegt ist. Snowdens Enthüllungen sind in eine Sammlung von Hinweisen eingebettet, die andeuten, dass alles wahrscheinlich noch viel schlimmer ist, als dieser eine Whistleblower öffentlich gemacht hat. Beim Zuschauer kann das Angst auslösen, auf Schritt und Tritt überwacht zu werden. Etwa, wenn Snowden im Hotelzimmer den Netzstecker aus dem Festnetztelefon zieht, „weil diese modernen VoIP-Apparate wie kleine Computer sind und man über sie sogar mithören kann, wenn der Hörer aufgelegt ist“.

Dagegen reicht die Analyse des Films nicht so weit, auch nur zu fragen, wieso die Ausspähungen stattfinden, geschweige, zu einer Antwort auszuholen. In Citizenfour scheint alles eine fatale Folge von 9/11 zu sein und darauf hin – wer weiß – vielleicht eine vorher in vernünftigen Grenzen funktionierende Überwachung ausgeufert zu sein und nun mit Hinweisen auf „nationale Sicherheit“ und „Terrorismusgefahr“ gedeckt zu werden. So dass der Film am Ende die vor allem in den USA gern gepflegten Verschwörungstheorien von einem gegen die Bürger gerichteten Regierungsapparat bedient. Geschichten darüber aber wurden im Kino und im Fernsehen schon viele erzählt.

Peter Feist
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