Gespräch mit dem Virologie-Professor Claude P. Muller vom Luxemboug Institute of Health

„Im Modus Eindämmung bleiben“

d'Lëtzebuerger Land vom 06.03.2020

d’Land: Professor Muller, würden Sie heute angesichts des Coronavirus jemandem die Hand geben?

Claude P. Muller: Im Moment nicht. Auch wenn es vielleicht noch nicht nötig ist, sich auf diese Weise zu schützen. Aber man muss sich selbst und andere erst einmal daran gewöhnen, dass das nicht aus Unfreundlichkeit geschieht.

Es wird auch oft empfohlen, sich nicht selber ins Gesicht zu fassen. Eine gute Idee?

Ja. Man fasst alle möglichen Dinge an und greift sich dann an Mund, Nase, Augen. So werden Infektionen übertragen. Regelmäßiges Händewaschen ist deshalb ebenfalls angezeigt.

Könnte Covid-19 am Ende zu einem saisonalen Erreger werden wie die Grippe? Kann man davon ausgehen, dass er zurückgeht, wenn es wärmer wird?

Das lässt sich jetzt noch nicht sagen. Möglicherweise schwächt der Virus sich im Frühjahr und im Sommer ab. Das wäre das saisonale Szenario wie beim Influenza-Virus. Die Hoffnung wäre, dass man ihn dann noch eliminieren könnte, bevor er in der nächsten kalten Jahreszeit wieder auflebt. Auf ein solches Szenario sollten wir hinarbeiten.

Und wie?

Gäbe es weniger Covid-Fälle in der warmen Jahreszeit, würden sie sich besser zurückverfolgen und unter Kontrolle bringen lassen. Deshalb halte ich es für wichtig, im Modus „Eindämmung“ zu bleiben und den Virus zu eliminieren: durch „Social distancing“, durch Rückverfolgung der Infektionswege, durch Quarantäne von Infizierten und ihren Kontaktpersonen. Durch Reduzierung von Kontakten grenzt man den Virus ein und er kann sich nicht weiter ausbreiten. Leider geht das nicht ohne Einschränkung der Bewegungsfreiheit.

Was nicht immer selbstverständlich ist.

Es geht darum, das Risiko für die Allgemeinheit zu senken. Keine Maßnahme ist perfekt, aber jede senkt das Risiko der Weiterverbreitung, senkt den R0-Faktor. Das ist die Zahl derer, die im Durchschnitt von einem Patienten angesteckt werden. Das ist eine wichtige Kenngröße in der Epidemiologie. So lange R0 kleiner ist als 1, jeder Patient also weniger als einen anderen Patienten ansteckt, geht der Ausbruch zurück. Diese Zahl kann natürlich sehr unterschiedlich in den verschiedenen betroffenen Regionen sein, je nach Maßnahmen.

Zurzeit sieht es ja so aus: In China nimmt die Zahl der neu Infizierten ab. In Südkorea, Iran, Europa und den USA nimmt sie zu. Was bedeutet das?

Will man das in Beziehung zum R0-Faktor setzen, muss man eine Latenzzeit berücksichtigen. Jede Maßnahme kann erst nach 14 Tagen, der Dauer der Inkubationszeit, auf ihre Effizienz beurteilt werden. In China, wo die Krankheit früher ausbrach und bereits viele Latenzzeiten vorüber sind, hat man tatsächlich den Eindruck, dass die Zahlen zurückgehen. In anderen Ländern muss man die Latenzzeiten abwarten, bevor man entsprechende Vergleiche anstellen kann. Sicher haben Chinas Anstrengungen die Verbreitung des Virus in anderen Ländern hinausgezögert, so dass sich die Welt besser vorbereiten konnte. China hat Gigantisches geleistet, um der Welt diesen Virus doch noch zu ersparen. Man kann natürlich auch sagen, dass China eine besondere Verantwortung hat: Nach der Sars-Epidemie 2002 wurden die Maßnahmen gegen die speziellen Wildtiermärkte nur halbherzig umgesetzt.

Im Spiegel stand diese Woche, Epidemiologen der Johns Hopkins University in Baltimore, die den Global Health Security Index herausgibt, hätten gesagt, im Grunde sei kein Land der Welt auf Covid-19 vorbereitet. Verstehen Sie das?

Das ist eine sehr markige Aussage. Ich würde sagen, manche Länder sind besser vorbereitet, andere weniger gut und wiederum andere gar nicht. Für gut vorbereitet halte ich die USA, in Europa Großbritannien und die Niederlande. Deutschland ist dabei, aufzuholen.

Was macht das marktbasierte Gesundheitssystem der USA so gut? Und den britischen National Health Service, dem es an Geld fehlt?

Sie sprechen die klinische, die kurative Medizin in diesen Ländern an. Hier geht es aber um den Bereich der öffentlichen Gesundheit. Die wird in diesen Ländern, besonders was Infektionskrankheiten betrifft, sehr ernst genommen. Die USA haben Top-Leute in dem Bereich. Die Niederlande auch. Andererseits gibt es Länder, deren Gesundheitssystem völlig am Boden liegt: Drei Viertel der 47 subsaharischen Länder haben nicht die von der WHO empfohlene Mindestzahl an Ärzten. Zu diesen Ländern gehören auch die drei Ebola-Länder Guinea, Sierra Leone und Liberia, die gerade mal ein Zehntel dieses Bedarfs decken können. Länder in Europa, die eine hundertmal höhere Ärztedichte haben, werben Mediziner in diesen unterversorgten Ländern ab. Sie wurden in Afrika ausgebildet, werden dann nach Europa oder Nordamerika gelockt.

Sie haben oft in Afrika gearbeitet. Die Statistiken weisen für den ganzen Kontinent bislang nur wenig Covid-Fälle aus. Könnte sich dahinter eine schlimme Realität verstecken?

Das ist eine wichtige, vielleicht die wichtigste, aber eine leider wenig thematisierte Frage. Als einer, der afrikanische Gesundheitssysteme etwas kennt, würde ich zum einen sagen: Ist der Coronavirus in Afrika, dann ist er durch die in vielen dieser Länder überforderten Gesundheitssysteme nicht mehr zu stoppen. Andererseits: Vielleicht gibt es auch natürliche Gründe dafür, dass er sich dort langsamer ausgebreitet. Ich erinnere mich an den Ausbruch der Hühnergrippe H5N1 in Afrika. Als die ersten Fälle in Lagos, Nigeria, ins Lagos University Teaching Hospital eingeliefert wurden, haben die Ärzte nicht an H5N1 gedacht und keine Proben ans Labor geschickt. Wir unterstützten dieses Labor seit Jahren. Die Patienten starben und die Diagnose konnte vom Labor der Klinik erst posthum gestellt weden. Ich dachte: Das war’s dann, die Ausbreitung in der Bevölkerung ist nicht mehr aufzuhalten! Aber ich lag – Gottseidank – völlig falsch: Es gab keine weiteren Fälle. Das ist für mich nach wie vor völlig unverständlich. Vielleicht hat es mit Zufällen zu tun, vielleicht mit Umweltfaktoren, vielleicht gibt es andere Gründe. Hoffen wir, dass diese Umstände auch im Fall des Coronavirus greifen.

Was, meinen Sie, müsste man schnellstmöglich über den Coronavirus in Erfahrung bringen?

Vieles ist nur aus kleinen Fallzahlen bekannt. Robustere Angaben wären nötig, zum Beispiel ab wann der Virus diagnostisch nachweisbar ist, wie lange und in welchem Material. Zusammenhänge zwischen Viruslast und Infektiosität müsste man genauer untersuchen; Dauer und Zeitfenster der Infektiosität und ganz wichtig: Wie viele Infizierte haben nur wenig oder gar keine Symptome? Was ist die Rolle dieser Infizierten bei der Ausbreitung? Wie hoch ist die Infektiosität von anderen Ausscheidungen? Wieviel Virenmaterial kommt aus dem Nasen- und Mund-Rachen-Bereich?

Sie sagten vor ein paar Wochen in einem Tageblatt-Interview, der Coronavirus docke ziemlich tief in Atemwegen an. Da müsse er erst mal hinkommen.

Stimmt, aber mittlerweile weiß man, dass der Virus auch an Rezeptoren der Nasenschleimhaut mit hoher Affinität andockt und sich dort vermehrt. Dadurch gelangt er beim Niesen leichter nach draußen. Müsste er von einer Lunge in die nächste wandern, wäre die Infektiosität geringer, die Symptome aber schwerwiegender, die Zahl der leichten und inapparenten Fälle niedriger.

Stimmt es, dass man noch nicht genau weiß, wo der Coronavirus herkommt?

Ich meine, es ist ziemlich klar, dass er aus Fledermäusen stammt und über einen Zwischenwirt auf den Menschen übertragen wurde. Das scheint auf einem Wildtiermarkt passiert zu sein. Wer solche Märkte kennt, weiß, dass dort viele Menschen und die unterschiedlichsten Tiere auf engstem Raum zusammenkommen. Mitunter kann sogar eine neue Tierspezies auf einem solchen Markt entdeckt werden. Die Tiere werden dort geschlachtet und zum Verzehr angeboten. Blut und Sekrete des tierischen Zwischenwirts können Viren enthalten, die einen Menschen, zum Beispiel mit geschwächtem Immunsystem, infizieren können. Zum Glück scheint dies im Fall von Coronaviren nur sehr, sehr selten zu geschehen, zuletzt 2002, was zur Sars-Epidemie führte.

Liegt es am Virus, wenn Menschen über 65 häufiger schwer erkranken, oder an vielleicht bestehenden Nebenerkrankungen?

An Letzterem. Ältere Menschen haben nun mal häufiger Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Probleme, Lungenprobleme, und oft mehrere Probleme gleichzeitig. Auch bei Infektionen mit Sars, Mers oder der Influenza sind sie gefährdeter.

Hat es Sinn, sich jetzt noch gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen?

Ja. Man kann kann damit auch eine Ko-Infektion mit Influenza und Covid-19 vermeiden. Diese Kombination wäre sicher noch gefährlicher. Abgesehen davon sollte man sich immer gegen die Influenza impfen lassen, insbesondere wenn man über 60 ist oder eine chronische Krankheit hat.

Sind Personen, die Covid-19 einmal hatten, danach immun?

Ich würde sagen, ja. Das sollte normalerweise so sein. Es scheint aber in Japan Fälle von Zweitinfektionen zu geben. Die Hintergründe kenne ich nicht. Es könnte an einer Immunschwäche des Patienten liegen oder an einer Veränderung des Virus, einer so genannten Escape-Mutante, so dass die erste Virusvariante nicht gegen die zweite schützt. Das wäre sehr bedrohlich, weil es auch den Nutzen eines Impfstoffes mindern könnte.

Ist aus dem Coronavirus etwas zu lernen? Epidemien gibt es ja immer wieder. Vielleicht kommt nächstes Jahr eine noch viel gefährlichere. Was müssten wir besser machen?

Meistens geht es um Viren, die aus dem Tierreich auf den Menschen übergehen. Je enger der Kontakt zwischen Mensch, Nutz- und Wildtieren ist, umso mehr nimmt das Epidemie-Risiko zu. Hinzu kommt die hohe Bevölkerungsdichte in vielen Städten insbesondere der Dritten Welt.

Was folgt daraus für ein kleines, aber nach außen extrem offenes Land wie Luxemburg?

In der gegenwärtigen Situation sollten sich zum Beispiel Betriebe Gedanken machen, wie sie Kontakte zwischen den Mitarbeitern reduzieren können und wer von der Belegschaft von zu Hause aus arbeiten kann. Maßnahmen sollten auch beim Besucherverkehr ansetzen. Besonders gefährdet sind Altersheime: Die vielen Besucher können eine echte Gefährdung für die Heimbewohner sein. Unter über 80-Jährigen kann die Sterblichkeit bis zu 20 Prozent erreichen.

Peter Feist
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