Trend Couchsurfing

Die Welt wird zum Wohnzimmer

d'Lëtzebuerger Land du 20.05.2010

„Im Durchschnitt geht rund ein Drittel des Reisebudgets eines Backpackers für die Unterkunft drauf. Wenn du rund um die Welt umsonst in Privatwohnungen übernachtest, könntest du diese Kosten einfach streichen. Und du würdest Land und Leute viel besser kennen lernen als in einem Hotel“, fand vor ein paar Jahren der junge Australier Adam Staines und richtete die Internet-Plattform GlobalFreeloaders.com ein. „Von einer netten Person ein Dach über dem Kopf angeboten zu bekommen, ist eines der schönsten Erlebnisse“, dachte sich im Jahr 2000 Veit Kühne, damals 22-jähriger Student in Koblenz. Für „alle, die gern reisen oder gern Menschen anderer Kulturen kennenlernen“, gründete er HospitalityClub.org. Ungefähr zur gleichen Zeit bastelte der Amerikaner Casey Fenton die Webseite Couchsurfing.org, die dann alle anderen überflügelte und dem „Ich suche einen Gratisplatz zum Übernachten“-Phänomen einen Namen gab.

Wahrscheinlich lag die Idee einfach in der Luft. Gastgebernetzwerke hat es auch früher schon gegeben. Das erste soll Servas gewesen sein, 1949 in Dänemark von dem Pazifisten Bob Luitweiler zur allgemeinen Völkerverbrüderung gestartet. Später kamen Austauschdienste auf, über die sich spe-ziell Interessierte gegenseitig einladen konnten, etwa Motorradfahrer, Hochbegabte oder Esperantisten. Im Papierzeitalter war es aber mühsam, die Teilnehmerlisten zu verwalten. Da sind nun Datenbanken, die von den Nutzern selbst laufend aktualisiert werden, viel praktischer. Außerdem lassen sie sich mit ein paar Spendengroschen betreiben, so dass es keine Mitgliedsbeiträge mehr braucht.

Das Internet mildert auch die Angst vor Unbekannten: In den Profilen der Teilnehmer lassen sich die jeweiligen Selbstporträts, Vorlieben und Abneigungen, vor allem aber auch Bewertungen durch andere Gäste oder Gastgeber nachlesen. Axtmörder, Vergewaltiger und Sektierer fallen so relativ schnell auf. Im Hospitality-Club müssen die Nummern der Reisepässe ausgetauscht werden. Couchsurfing bietet – allerdings gegen eine Spende – die Verifizierung von Adressen an. Außerdem wird reisewilligen Anfängern empfohlen, vor Abfahrt den jeweils nächsten der mittlerweile über 1 500 ehrenamtlichen „Couchsurfing-Botschafter“ zu kontaktieren. Und für alle Fälle immer einen „Plan B“ mitzunehmen: etwas Geld und die Adresse eines möglichen Hostels.

Beim Tingeln von Sofa zu Sofa sollte man den gesunden Menschenverstand dabei haben, die Internetportale gründlich studieren und sich nur mit Leuten einlassen, die einem vertrauenswürdig vorkommen. Der Australier Brian Thacker, der eine Couchsurfing-Weltreise zu einem Buch verarbeitet hat, rät, anonyme Massenmails grundsätzlich zu löschen und gezielt nach Gleichgesinnten Ausschau zu halten: „Als schüchterner Bankangestellter kann man bei einem anderem schüchternen Bankangestellten übernachten und zusammen schüchtern sein – man findet immer jemand Passenden.“

Die Chancen, auf ein freies Sofa oder auch nur einen hilfsbereiten Stadtführer zu stoßen, sind natürlich um so größer, je mehr kontaktwillige Teilnehmer bei einer Internetplattform registriert sind. So sind zum Beispiel auf der französischen Seite BeWelcome.org derzeit acht Einträge aus Luxemburg zu finden, bei GlobalFreeloaders 30, im Hospitality-Club 358 – und bei Couchsurfing 1 136.

Dass Couchsurfing, die größte und professionellste Plattform, von einem Software-Ingenieur gegründet wurde, ist ihrer detaillierten Statistik anzumerken: Von den über 1,8 Millionen Mitgliedern aus 237 Ländern bieten rund 540 000 ein Sofa an, 390 000 laden nur zu einem Drink ein und 350 000 sind gerade selbst irgendwo unterwegs. Pro Woche melden sich 15 000 weitere Couchsurfer an. Ihr Durchschnittsalter ist derzeit 28 Jahre. Es haben sich aber auch bereits 14 000 Teilnehmer über 60 und immerhin 346 über 80-Jährige registriert. Die meisten von ihnen stammen aus Europa und den USA. Kein Wunder – ein konservativer Japaner würde sich lieber ins eigene Schwert stürzen, als mit wildfremden Menschen zu plaudern. Wo dem örtlichen Diktator die Hotels gehören, wie in Kuba, kann es auch bei der Einreise Schwierigkeiten geben. Andererseits hat sich die Idee schon von Albanien bis Zimbabwe herumgesprochen, und zu den Top-Zwanzig der Couchsurfer gehören nicht nur die deutschen Reiseweltmeister, sondern auch Brasilianer und Inder.

Wenn das so weitergeht, werden nicht nur Jugendherbergen bald ein Problem haben. Geschäftsreisende zieht es vielleicht nicht unbedingt auf eine Matratze bei irgendwelchen Hippies – aber was spricht gegen eine Couchsurfing-Untergruppe „Manager sucht Platz in Villa“? Den Flug in ferne Touristenghettos kann man sich heute schon sparen. Da holt man sich doch lieber gratis die Welt ins Wohnzimmer: Irgendwo steht bestimmt noch ein altes Sofa herum, und ein paar Nächte hält man so einen Vietnamesen oder eine Neusee­länderin schon aus. Und wenn man die dann herumführt, sieht man Düdelingen oder Walferdingen mit ganz neuen Augen und fühlt sich selbst wie in den Ferien.

Fernweh-Lektüre: Couch Surfing. Eine abenteuerliche Reise um die Welt, von Brian Thacker, Eichborn Verlag, Frankfurt 2009.
Martin Ebner
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