Populärkultur in Serie

Kunstform für sich

d'Lëtzebuerger Land vom 14.08.2015

Der 21. März 1980 war ein Freitag. Ein ereignisloser Start ins erste Frühlingswochenende jenes Jahres. In Porto Alegre wird der spätere Weltfußballer des Jahres Ronaldinho geboren und in Washington D.C. verkündet US-Präsident Jimmy Carter den Boykott der Olympischen Sommerspiele von Moskau. Beides wird die Nation jedoch nicht über den Sommer hinweg beschäftigen, vielmehr suchen die Menschen in den Vereinigten Staaten die Antwort auf eine einzige Frage: „Who done it?“

Ausführlich formuliert: „Wer hat J.R. Ewing erschossen?“ Grund dazu hatten viele. Denn J.R. hat an den Freitagabenden zuvor seinen Bruder vertrieben, einen Geschäftspartner um 20 Millionen US-Dollar gebracht, seine Schwägerin der Prostitution angeklagt und seiner Frau deutlich gemacht, dass er sie in eine Klinik einsperren will. Vier Verdächtige und ein Schuss – so ging die TV-Serie Dallas mit dem Finale der dritten Staffel an jenem Freitagabend in die Sommerpause.

Die Intrigen, Irrungen und Wirrungen um die reiche Ölfamilie Ewing – und insbesondere um den Sohn und Schurken J.R. – aus Texas hat die Seifenoper des Senders CBS zu einer der erfolgreichsten Serie der Fernsehgeschichte gemacht. Doch dieser mordende Cliffhanger schockte die amerikanische Fernsehnation: Wie kann man eine Serie nur so in den Sommer entlassen! Die Frage nach dem Mörder wurde zum wichtigsten Thema, „Who shot J.R.?“ zum geflügelten Satz, der sich auf Tassen, T-Shirts und Autoaufklebern vermarkten ließ. Und es wurde noch schlimmer: Ganze acht Monate musste die Fernsehnation warten, bis am 21. November 1980 endlich die Antwort gesendet wurde, denn ein Autorenstreik hatte den Beginn der vierten Staffel verzögert.

Das waren noch Serien. Dynasty, Hart to Hart, Charlie’s Angels, Star Trek, Love Boat: Klassiker aus den Sechziger- bis Achtzigerjahren, die das Lebensgefühl jener Zeit einfingen. Dann begann irgendwann das Interesse der Zuschauer nachzulassen. Hier noch ein Highlight, dort ein anderes, aber nur wenige Serien schafften es noch, die Zuschauer in ihrer Wochenplanung festzulegen. Was sich in den letzten Jahren wieder geändert hat – so sehr, dass selbst die Internationalen Filmfestspiele Berlin den Fernseh-Mehrteilern eine eigene Sektion einrichteten. Grund dafür sind die veränderten Sehgewohnheiten in der heutigen Zeit.

Kaum noch ein Kinofilm, der mehr als 100 bis 120 Minuten dauert und in dieser Zeit dennoch eine komplexe Geschichte erzählt, Figuren mit Tiefe entwickelt und in differenzierten Handlungssträngen inszeniert. Fernsehserien haben es da leichter. Ihre Episoden sind auf maximal eine Stunde Länge begrenzt und es spannt sich dennoch ein inszenatorischer Bogen über zehn bis zwölf Episoden pro Staffel. Er lässt Figuren und Ereignisse sich entwickeln, den Zuschauer sich mit der Geschichte anfreunden. Das Diktum der TV-Reihen der Siebziger- und Achtzigerjahre, nach dem jede Episode eine in sich abgeschlossene Handlung beinhalten muss und lediglich die Charaktere die verbindende Klammer sind, wurde längst aufgeweicht. Auch die Regel: Maximal drei Handlungsstränge pro Folge, den Zuschauer nur nicht überfordern. Das war früher.

Heute verzichtet die Serie Ray Donovan von Showtime beispielsweise fast ganz auf Episoden-Handlungen und lässt die horizontale Dramaturgie über die gesamte Staffel hinweg walten. Fernsehserien sind eher als zehn- oder zwölfstündige Filme zu sehen, die in einzelnen Häppchen gesendet werden, was es für den Zuschauer erträglich macht. Und das auch nicht mehr im gewohnten Ausstrahlungsrhythmus. Statt nun seine Woche danach gestalten zu müssen, wann dann endlich die nächste Folge zu sehen ist, ermöglichen Streaming-Dienste wie Netflix, Mediatheken von Fernsehsendern oder – wenn auch im abnehmenden Maße – das DVD-/BluRay-Geschäft, dass der Zuschauer sich die Serie zu ihm genehmen Zeiten und in gerafften Blöcken anschauen kann. Ein Trend, dem viele Fernsehsender längst entsprechen und ganze Staffeln in einem Rutsch wegsenden – was in Programmzeitschriften gerne als „Kultnacht“ angekündigt wird.

Wie sehr Streaming-Dienste damit den Zeitgeist treffen, verdeutlicht beispielsweise Netflix. Etwas mehr als 65 Millionen Kunden zählt Netflix, das bis Ende kommenden Jahres in 200 Ländern verfügbar sein möchte. Der US-amerikanische Dienst ist seit Herbst letzten Jahres auch in Luxemburg verfügbar. Monatlich 7,99 Euro kostet das Basisangebot, für Einsteiger gibt es einen kostenfreien Probemonat. Voraussetzung zum Empfang sind ein Internetanschluss und ein kompatibles Endgerät wie Smartphone, Tablet, Computer oder Fernsehgerät. Doch wer nun erwartet, in eine Schatzkammer an Kindheitserinnerungen eintauchen zu können, wird enttäuscht werden. Das Angebot ist aufgrund rechtlicher Einschränkungen (noch) überschaubar, die Filmbibliothek ebenso und eher enttäuschend – aber immerhin werbefrei. Internethandel-Platzhirsch Amazon möchte sich ebenfalls ein Stück vom Kuchen abschneiden und bietet in Deutschland seinen Videoverleih nun als Streaming-Dienst Prime an. Günstiger als Netflix, aber nur als Jahresgebühr berechnet. Die schlägt mit 49 Euro zu Buche. Der Dienst ist, wie bei beim Wettbewerber auch, jederzeit problemlos kündbar.

Dennoch hat es Netflix geschafft, genreprägende Serien in Eigenregie zu produzieren – wie House of Cards. Die Adaption einer britischen Miniserie zeigt das Werden des fiktiven US-amerikanischen Politikers Frank Underwood, gespielt von Kevin Spacey. Innovativ wurde vor allen Dingen die Erzählweise empfunden, bei der der Hauptdarsteller immer wieder die so genannte „vierte Wand“ durchbricht und direkt den Zuschauer anspricht, um ihm seine Motivationen und Hintergründe zum Geschehen zu erläutern. Eigentlich nichts Neues, denn dies wurde bereits in der sehenswerten Serie House of Lies (seit 2012) konsequent umgesetzt. Was Frank Underwood der Politikbetrieb ist, ist hier Marty Kaan, gespielt von Don Cheadle, die Unternehmensberatungsbranche mit all ihrem trügerischen Schein. Beide Serien machten deutlich, dass es auch für gestandene Schauspielerinnen und Darsteller keinen Karriereknick mehr bedeutet, sich einer Serie zu verschreiben. Früher war das die letzte Option für kassengiftige Leinwandhelden.

Überhaupt ist die Serie an sich zur Kunstform geworden. Beredtes Beispiel dafür ist Game of Thrones. Kein anderer Mehrteiler macht deutlich, dass Serien kein Füllprogramm mehr sind, sondern Ausstattungsschlachten mit beachtlichen Budgets, innovativer Erzählform und visionärer Thematik. Der Aufwand lässt sich leicht wieder einspielen, wenn man den Nerv und den Kult der Zuschauer trifft. Das hat Mad Men geschafft, die genauestens die Sechzigerjahre rekonstruiert und solides Seriengeschehen einer Werbeagentur abfeiert. Es funktioniert auch retrospektiv.

Doch Serien verpassen oft den Absprung. Dann dreht spätestens ab der vierten Staffel der Plot ins vollkommen Absurde, Übersteigerte und Unglaubwürdige. Die Handlung frisst die Serie, friert dabei in der Erzählweise fest und wird danach noch in einem Kinofilm verramscht, um die letzten Euro und Dollar aus der Geschichte raus zu quetschen. Wer hatte in der letzten Staffel von Desperate Housewives noch den Überblick über die Schicksale der Serien-figuren, ihre Ehen, Techtelmechtel, ihre Nahtod-erfahrungen oder Morde? So kann eine Serie den Bezug zum Zuschauer verlieren, weil sie ihm keine Identifikationsmöglichkeiten und keinen Anlass zur positiven Abgrenzung mehr bietet.

Fernsehserien sind auch billiger zu produzieren als Kinofilme Den Gesetzen des Marktes folgend, wird zunächst nur ein Pilotfilm realisiert. Gefällt der in demoskopisch genauestens analysierten Ausstrahlungen, geht die erste Staffel an den Start. Hier entscheiden dann Einschaltquoten und Werbeumsätze über den Fortgang der Serie. Um Finanzinvests möglichst klein zu halten, macht sich niemand wirklich Gedanken darüber, ob das Serienkonstrukt auch für weitere Staffeln taugt. Dann lässt sich die Serie noch bis in eine dritte oder vierte Staffel verlängern.

Das macht Hoffnung für: Ray Donovan, The Good Wife, Scandal und Girls von US-amerikanischen Sendern, Vorstadtweiber, Lilyhammer oder Secret State aus Österreich beziehungsweise Großbritannien. Vorstadtweiber ist der beredte Beweis dafür, dass die besten deutschsprachigen Fernsehserien in Wien erdacht und inszeniert werden. Was am Anfang mühevoll in die Puschen kommt, entpuppt sich über zehn Folgen als ein frivoles Spiel um Macht, Geld und Liebe in der Vorstadt, wo Fassade alles, aber auch wirklich alles ist. Von der deutschen ARD im Juni dieses Jahres versendet, sollen nun Staffel zwei und drei folgen.

Secret State knüpft an den Erfolg der dänischen Serie Borgen an und zeigt Politik und Politisches um den britischen Premier, der nicht nur außenpolitische Krisen meistern, sondern auch innerparteiliche Intrigen überstehen muss. Interessant ist die Einarbeitung aktueller Politik. Als Miniserie mit vier Teilen aufgelegt, war der Plot durchaus auf weitere Staffeln angelegt, frei empfangbar auf Arte. Die norwegische Netflix-Koproduktion Lilyhammer bringt einen amerikanischen Ganoven per Zeugenschutzprogramm aus New York City in die norwegische Provinz. Spannender, gewagter, aber auch lustiger kann ein Aufein-anderprallen von Kulturen nicht sein.

Ray Donovan (aus der gleichnamigen Serie) ist ein so genannter „Fixer“, also einer, der für die Schönen und Reichen Hollywoods die Welt in Ordnung und frei von Skandalen hält und Spuren von Fehltritten beseitigt, bevor diese auch nur ruchbar werden. Im Kontrast dazu steht das heile Familienleben, das gar nicht so heil ist, weil es jede Menge Leichen im Keller gibt. Die Serie aus einem Nebengewerbe kalifornischen Glamours zeigt Hollywood abseits der wohlbekannten Postkartenidyllen.

Im gleichen Sujet spielt Scandal, der derzeit auf ABC in der fünften Staffel läuft. Die Krisenmanagerin und Politikberaterin Olivia Pope soll mit ihrem Team aus hochqualifizierten Anwälten Probleme lösen, bevor sie sich zu Skandalen entwickeln. Ihre Ideengeberin kann die Serie nicht leugnen: Shonda Rhimes ist vor allem für ihre Arztserien Privat Practice und Grey’s Anatomy bekannt, was genug Herzschmerz in den Skandal bringt, aber dennoch eine solide erzählte Serie ergibt. Leider irgendwann, irgendwo im Fernsehen. Das Irgendwo ist Super RTL.

Aus dem Genre der Anwaltsserien sticht derzeit The Good Wife hervor. Sie setzt sich nach dem Ally McBeal-Hype Ende der Neunziger nicht mehr mit der Selbstfindung einer Frau auseinander, sondern wirft grelles Scheinwerferlicht auf das Rechtssystem der Vereinigten Staaten und dessen politische Klasse. Private Geschichten bleiben nicht aus, doch braucht es keinen Toilettenraum, um die Handlung voran zu bringen.

Wer vollends im Herzschmerz einer New Yorkerin versinken möchte und keine Angst vor furzenden Darstellern hat, sollte sich Girls gönnen. Drehbuchautorin Lena Dunham ist gleichzeitig Hauptdarstellerin, die freizügig aus ihrem Liebesleben berichtet und von den amourösen Abenteuern ihrer Freundinnen erzählt. Auch diese Serie spielt in der Vorstadt, wo nicht alle schlank und rank, blond toupiert, muskulös und sonnengebräunt sind, sondern einfach nur Mädchen.

Fernsehserien unterliegen wie jede Populärkultur dem Zeitgeist, dem Geschmack und dem Gespür der Fernsehzuschauer – vor allem aber auch der Erkenntnis, was in einem Land funktioniert, muss nicht unbedingt in einem anderen zum Hit werden. Die Reihe The Sopranos war in den Vereinigten Staaten und Frankreich ein Hit, beide mit dem Film Noir vertraut, in Deutschland hingegen zündete die Serie kaum. Doch wichtiger ist, dass über die Streaming-Dienste die Serien im Original angeboten werden – ohne alberne Synchronisationen. Zugrunde gehen wird das Fernsehen an solchen Streaming-Diensten nicht, denn es braucht jemanden, der die Fernsehreihen mit Ideen, Geld und vor allen Dingen Mut produziert. J.R. Ewing wurde von irgendeiner entfernten Verwandten erschossen, die kein Mensch auf dem Zettel hatte – und an die sich heute auch kein Mensch mehr erinnert.

Martin Theobald
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