Spa-Reisen

Gut abgehangen

d'Lëtzebuerger Land vom 26.05.2011

Was fehlt, das ist die Kante. Die Schwimmbadbeckenrandüberlaufkante. Mit diesem fehlenden Bau-teil wird ein x-beliebiges Becken zum sagenumwobenen Infinity Pool. Kachelarchitektur, die scheinbar im schwerelosen Nichts endet, die dem Firmament und dem Universum zustrebt, die den Geist in höhere Sphären entfleuchen lässt, während der Körper im wohltemperierten Wasser und der irdischen Schwerkraft überlassen bleibt. Man schwimmt hinaus, hinaus auf hohe See. Es ist das neueste Spiel mit der Illusion, das sich die Spa-Besitzer ausgedacht haben. Lässt man jene Schwimmbadbeckenkante weg und das Wasser in ein darunter liegendes Becken überfließen, hat der Badende das Gefühl in die Unendlichkeit treiben und träumen zu können.

Imposant sind diese Pools wenn sie auf Hochhausdächern, wie dem Marina Bay Sands-Hotel in Singapur, gebaut wurden, um die Höhentauglichkeit von Schwimmern zu testen. Lächerlich wirken diese Badebecken, wenn sie auf ebener Erde betoniert sind und mit einer maximalen Wassertiefe von 90 Zentimetern aufwarten. In diesen XXL-Infinity Pools lässt sich höchstens eine Kneippkur für Fortgeschrittene absolvieren, denn von neuen Horizonten träumen.

Dabei sind Kneippkuren und Schwimmbäder längst von jeder Erholungsurlaubsliste verschwunden. Bricht der Mensch zu einer Wellness- und Wohlfühl-Reise auf, dann gibt es Treatments und Pools, Goldstaubpeeling und Johanniskrautkopfkissen. Dann wuchert jedes Hotel gehobener Kategorien und glänzender Sternenpracht mit einem ultimativen, innovativen und konspirativen Spa, in dem er die Besucherin und den Besucher zu einer Weltreise einlädt, die die Seele von Hawaii über Thailand nach Indien entführt und den Körper doch in der Realität eines halbdunklen Raums in Bad Mondorf, Bitburg oder Belgien verhaftet.

Herzlich willkommen in der Welt der entspannenden Massagen und relaxten Anwendungen. Bitte die Augen schließen, denn es geht rund in der Wellness- und Wohlfühl-Industrie, die stets neue Trends und neue Namen erfindet, um der Welt vorzugaukeln, dass eine Massage mehr ist als nur der ein oder andere beherzte Griff in und an den Rücken, entlang der Beine und zur Schulter. Nein. Die Fango-Packung ist Vergangenheit, jetzt wird mit Schokolade gerieben und gerubbelt. Eine Klangschale bringt kosmische Schwingungen und Yoga die neuesten Verrenkungen aus dem mittelasiatischen Teil der Werde. Schicke Frauen auf schicken Fotos in schicken Broschüren machen glauben, dass die Rundumerneuerung von Körper, Geist und Seele ohne Schweißperle und den leisesten Hauch einer Anstrengung möglich ist.

Alles mit dem einzigen Hintersinn, dass die Frau von Welt mit ihrem Göttergatten in die Massage-Spas dieser Welt pilgert – ein Massagesalon hingegen ist etwas ganz anderes und um diese sollte besagte Dame einen großen Bogen machen und ihren Göttergatten an der kurzen Leine führen. Garniert wird das Wellness-Wohlfühl-Luxus-Spa-Wochenende mit allerlei Heilsversprechen zur Ballast- und Ballaststoffbefreiung. Man wird zum neuen Menschen und bleibt doch immer nur der alte. Aber schön ist es dennoch. Dazuliegen, die Augen zu schließen und einfach geschehen zu lassen.

Es gibt das hawaiianische Lomi Lomi Nui, Ayurveda aus Indien, die Thai-Massage, die balinesische Massage, deren Hot Stone-Variante wohl die bekannteste ist, oder Shiatsu, das aus Japan stammt. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Methoden sind oftmals nur marginal. Bei Lomi Lomi wird wie bei Ayurveda geölt bis die Schwarte trieft, allerdings singen die Hawaiianer bei Beginn der Massage – und finden in manchen Massagen-Praxen dabei kein Ende mehr mit dem – für mitteleuropäische Ohren durchaus – hin und wieder doch sehr dissonanten Gesang. Die balinesische als auch die Thai-Massage kennen die gleichen Griffe. Die Bali-Anwendung wie das Shiatsu stammen aus der chinesischen Medizin und wurden hier wie dort um regionale Ansätze ergänzt.

Die Frage nach der richtigen Massage lässt sich immer nur unter den Aspekten beantworten: Wie fühle ich mich gerade und wie viel Zeit habe ich? Die Basis-Anwendung ist die Sport-Massage. Kurz, prägnant, nach Wunsch auch kräftig. Die balinesische Massage ist eine weitere gute „Zwischendurch-Anwendung“. Sie rückt das Weltbild und verspannte Muskulaturen wieder gerade, lässt das Wohlfühlen einfach Wohlfühlen sein und in der Hot-Stone-Variante sanft wegdämmern. Ebenso Shiatsu. Setzen die Balinesen auf Energiestränge, sind es beim Shiatsu Meridiane, die Akupunktur-Punkte miteinander verbinden. Wichtiger Knigge-Hinweis: Beim Shiatsu behält man die Klamotten an.

Eine gute Lomi-Lomi-Nui-Anwendung dauert zwei Stunden, in denen Öle auf der Haut verrieben werden. Durch die dabei entstehende Wärme entspannen sich die Muskeln. Das Öl macht die Haut weich und geschmeidig. Die Massage eignet sich allerdings nicht bei Wunden oder Hautkrankheiten. Während der Thai-Massage wird gedehnt und gestreckt, was die Sehne hergibt. Dabei hüpft und läuft die leichtfüßige Masseurin gerne über die Klientin, was aus der Ferne betrachtet, bra-chial aussieht, aber vollkommen zur Muskelentspannung beiträgt. Zweieinhalb Stunden dauert eine gute Anwendung in einem Spa am Strand von Kho Samui, in Mitteleuropa ist man gerne nach 45 Minuten mit dem Kneten fertig – denn jede Entspannungseinrichtung kennt ihre betriebliche Mitbestimmung. Eine einzelne Ayurveda-Massage hingegen widerspricht dem philosophischen Gedanken der indischen Heilkunst. Mag die Vier-Hände-Massage noch so toll sein, der schlecht gemachte Stirnguss erinnert unter Zeitdruck an die chinesische Tropfenfolter, die die neue Identität als Kapha – einer der drei ayurvedischen Aggregatszustände des Men-schen – feiern mag.

Jede gute Massage – ob in Fernost oder in Frisange – setzt die richtige Vorbereitung voraus. Die Kundin verzichtet auf Make-up und Cremes und duscht vor der Behandlung. Beschwipst zur Massage zu gehen ist ebenso kontraproduktiv wie mit sich nach einem üppigen Mahl auf die Bank zu legen. Vor der Massage ist es ratsam, das Dampfbad des Spas aufzusuchen, damit sich in der warmen, feuchten Luft, die Poren öffnen und der Körper auf Temperatur kommt.

Hat das Spa kein Dampfbad, dann ist es wohl kein guter Wellness-Tempel. Doch woran erkennt man, dass ein Spa ein gutes Spa ist? Auf den ersten Blick? Ein gutes Spa zeigt sich auch darin, dass man – vor der Behandlung – gerne bereit ist, eine kleine Führung durch den Wellness-Bereich und einen Einblick in die Arbeit zu geben. Dann einfach auf Äußerlichkeiten achten: Ob die Räumlichkeiten Energie ausstrahlen, ob Plastikblumen zur Zierde dienen oder frisches Grün, ob ein sanfter Duft durch die Luft wabbert oder die letzte Dose Raumspray verschossen wurde, ob es eine wohlige Atmosphäre gibt oder sterile Zweckmäßigkeit.

Eine gute Behandlung beginnt mit einer Art Bestandsaufnahme. Auf einem Fragebogen kann der Klient eintragen, wie er sich seine perfekte Massage vorstellt, ob stark oder sanft zu Werke gegangen werden soll, welche Pflegeprodukte die Klientin zu Hause verwendet, ob man Allergien hat oder an bestimmten Körperstellen nicht berührt werden möchte. Ein mittelmäßiges Spa tapeziert mit diesem Fragebogen anschließend den Pausenraum der Mitarbeiter, damit sich diese bei einer Tasse Kaffee gerne an ihre Klienten erinnern können. In einem guten Spa geht der Therapeut den Fragebogen nochmals mit der Klientin durch, fragt nach und klärt ab, wie stark die Massage nötig und möglich ist. Während der Behandlung fragt die Masseurin dann ein, höchstens zwei Mal nach, ob man zufrieden ist.

Schließlich soll die Zeit entspannt vergehen und nicht mit langwierigen Erörterungen des Klimawandels, in einem uninteressanten Small-Talk über die Katzenkinder des Vaters des Masseurs oder einer hitzigen Diskussion über die Schulnoten seiner Kinder enden. Gedanken kommen und Gedanken gehen während einer Anwendung. Das ist gut so, denn mit diesen Gedankenspielen signalisiert die Seele die ein oder andere Befindlichkeit, an der es noch aufzuräumen gilt.

Deshalb ist es wichtig, dass die Zeitplanung für eine Massage stimmt. Mal ebenso in der Mittagspause zur Anwendung zu huschen, ist ebenso möglich, wie mal eben Ulysses von James Joyce zu lesen. Einen Termin für eine Massage zu vereinbaren bedeutet für den Klientin sich selbst Zeit zu geben und sich selbst Zeit zu lassen – sowohl vor der Behandlung als auch danach. Von der Massagebank zum Auto zu hetzen, weil sonst die nächste Parkstunde in der Tiefgarage berechnet werden könnte, lässt alle gewonnene Energie spätestens im Treppenaufgang zum Parkdeck verpuffen. Also nach der Massage: Abwarten und Tee trinken. Das Signal zum Aufbruch kommt von selbst. Am besten Abschalten lässt es sich jedoch in der Ferne, wenn man auch räumlich dem Stress und der Hetze entflohen ist und nicht nach zwei Stunden Wohlbehagen in die alte Tretmühle zurückkehren muss.

Dann lohnt sich die Reise in die vielleicht schönsten Spas dieser Welt – abseits vom überflüssigen Schnickes und himmelschreienden Gigantismus eines Infinity Pools. Im Kempinski Hohe Tatra im slowakischen Poprad gibt es nicht nur klare Bergluft, sondern auch einen einzigartiger Blick auf die Bergwelt der Karpaten. Hier unbedingt die Sportmassage nehmen, anschließend nach dem geheimen Turmzimmer fragen. Auf der Mittelstrecke lockt Jordanien mit seinen Ressorts am Gestade des Toten Meers. Der Vorteil gegenüber der israelischen Seite ist, dass am jordanischen Ufer der Sonnenuntergang seine volle Magie entfaltet. Allen Hotels ist gemeinsam, dass sie über großzügige Spa-Landschaften verfügen, in denen auch Heilbehandlungen stattfinden.

Im Mövenpick Resort am Toten Meer gibt es neben dem Infinity Pool, der sich gen Jerusalem öffnet, einen großen Spa-Bereich, der keine Wünsche offen lässt. Hier werden Produkte und Kosmetika, die auf Mineralien und Erden aus dem Toten Meer basieren. Ein Geheimtipp aber ist das Evason im jordanischen Ma’In, wo bereits König Herodes seine Schuppenflechte in den heißen Quellen des Wadis kuriert haben soll. Heute wird das Spa, das versteckt im tiefen Tal liegt, von der thailändischen Six Senses-Gruppe gemanagt. Höhepunkt ist ein Bad während einer kühlen Wüstennacht im heißen Wasser des Naturpools.

Wer noch größere Distanz braucht, dem hilft das Setai South Beach in Miami. Nicht wundern, hier ist die Badewanne mitten im Zimmer und die Toilette wurde direkt aus der Kommunardenzeit der 68er-Revolution übernommen. Für diese gewöhnungsbedürftigen Umstände entschädigt der Service am Strand. Nach der Massage eine Liege am Strand einnehmen und nach einer Florida Boy Orange verlangen. Einsam, türkisblau und tropisch sind hingegen die Malediven. Nur wenige Bootsminuten vom Flughafen entfernt liegt das Resort Baros. Ankommen, abschalten und dann eine Hot Stone-Massage. Was genau war noch mal dieser Infinity Pool?

Martin Theobald
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