Filmfestival Cineast

Bilder aus dem „Osten“

d'Lëtzebuerger Land vom 26.05.2011

Aber selbstverständlich ist Radek Lipka bereit, von Cineast zu erzählen. Schließlich ist er der Programmchef dieses „Festivals des mitteleuropäischen Films“, wie es im Untertitel heißt. Stellvertretend für die Menschen hinter dem Festival zu sprechen, fiele Lipka allerdings schwerer: An so einem Gespräch müsse un­bedingt auch Hynek Dedecius, der künstlerische Direktor, teilnehmen.

Doch als sie dann zusammen sitzen mit dem Journalisten, der Pole Lipka und der Tscheche Dedecius, da betonen sie mehrfach, „wirklich nicht allein verantwortlich“ für Cineast zu sein, und dass „zu unserer Mannschaft noch mehr Leute“ gehören.

Dass die beiden Direktoren einen Kollektivgeist zu beschwören scheinen, hat seine Gründe. Dieses Festival organisiert niemand hauptberuflich; Dedecius und Lipka arbeiten eigentlich als Übersetzer für die EU-Institutionen. Bezahlt für die Mitarbeit an Cineast wird ebenfalls niemand, und inmitten lauter Ehrenamtlicher werden Direktoren-Funktionen natürlich ziemlich relativ. Hinzu kommt, dass unter den zehn Mitstreitern der „harte Kern“ der Organisatoren nur fünf Personen klein ist. Alle sind spezialisiert auf bestimmte Filmländer. Wenn Cineast bei seiner letzten Ausgabe im November 2010 Filme aus fünf Ländern zeigte – aus Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien –, dann ging jede Ländersektion auf die Vorarbeit weniger, vielleicht sogar einer einzigen Person zurück.

Dabei sei Cineast, sagt Dedecius, mittlerweile so groß, „dass wir ständig ein Festival vorbereiten und die Arbeiten für das nächste sich bereits mit denen für das darauf folgende vermischen. 2010 zählte Cineast in seiner dritten Ausgabe über 4 400 Zuschauer. So viel Publikumsresonanz hatte nicht einmal DirActor’s Cut, das üppig ausgestattete Filmfest für Luxemburg-Stadt.

Angefangen hatte alles 2006 in der Polska.lu ASBL. Lipka war damals mit dabei: „Uns war aufgefallen, dass Filme aus Polen, aber auch aus anderen mittel- und osteuropäischen Ländern in den Programmen der Luxemburger Kinos einfach nicht vorkommen – außer in der Cinémathèque, aber uns ging es um zeitgenössische Filme.“ Und so richtete Polska.lu im Dezember 2006 in der Abteil Neumünster eine Semaine du film polonais aus.

Die Initiative hatte Folgen: In Luxemburg lebende Expats aus anderen früheren Ostblock-Staaten, die meisten von ihnen Mitarbeiter von EU-Institutionen, bedauerten ebenfalls das Fehlen „ihres“ Filmschaffens auf den hiesigen Leinwänden und schlossen sich an. So wurde innerhalb von zwei Jahren aus einer polnischen Filmwoche das Festival du film d’Europe centrale. Im Oktober 2008 zeigte seine erste Ausgabe Filme aus Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Die dritte Ausgabe im vergangenen Herbst trug den neuen Namen Cineast – mit zwei ineinander geschobenen großen E in der Mitte, eines davon mit accent aigu, damit sich ein Wortspiel aus „Cineast“ und „Ciné East“ ergibt.

Bemerkenswerter Weise aber hat keiner der Macher von Cineast von früher her Filmfestival-Erfahrung. „Filmbegeistert sind wir alle“, sagt Dedecius. „Ich selber habe mal Konzerte organisiert.“ Zur Filmfestival-Idee fanden alle erst hier.

Das könnte helfen, um der Frage nach der Motivation der Organisatoren nachzugehen: Die muss stark sein, denn von der Cineast-Mannschaft fährt keiner von Festival zu Festival im Ausland und schaut sich dort die neuesten Werke an. Zur Pflege des Kontakts mit Filminstituten, mit Produzenten, Regisseuren und Verleihfirmen in Polen, Ungarn oder Tschechien bleiben nur Telefon und E-Mail oder die Unterstützung durch Drittpersonen vor Ort. Jeder Cineast-Organisator unterhält sein eigenes Netzwerk an Kontakten.

Rückt das nächste Festival heran, wächst der Arbeitsaufwand. „Derzeit, vier, fünf Monate vor Cineast 2011, investiert jeder von uns vielleicht zwei Stunden pro Tag in die Festivalvorbereitung“, schätzt Lipka. „Ab sechs Wochen vor Festivalbeginn arbeiten manche quasi Vollzeit für Cineast. Zwei von uns sind Freiberufler und können sich tagsüber leichter frei machen, andere arbeiten sehr viel nachts. Wiederum andere nehmen ein paar Tage Urlaub von ihrer eigentlichen Arbeit.“

Offenbar jedoch ist Cineast für die hinter ihm Stehenden mehr als nur eine Kulturveranstaltung. Als Festival für Expats sei es nie gedacht gewesen, sagt Lipka, und mittlerweile würden tatsächlich nicht mehr die hierzulande lebenden Neu-Europäer das Gros der Festivalbesucher ausmachen: „Schätzungsweise 60 Prozent der Zuschauer kommen aus der französisch- und der englischsprachigen Gemeinschaft, oder sie sind Luxemburger.“

Wer an Cineast mitwirkt, scheint mit den anderen ein Von-sich-erzählen-Wollen zu teilen. „Schon möglich, dass ich an einem Festival des osteuropäischen Films auch mitarbeiten würde, wenn ich nicht in Luxemburg lebte, sondern zum Beispiel in Brüssel“, sagt Lipka. Doch ob der hauptberuflich als Übersetzer auf dem Kirchberg Tätige Filmfestival-Programmchef geworden wäre, wenn er noch in Warschau leben würde? Vermutlich nicht.

Im Westen Bilder aus dem Osten zu zeigen – darum geht es. Gerade weil „Westen“ und „Osten“, trotz Euro-Krise in Alteuropa, gesellschaftlich nach wie vor verschiedene Welten meinen. „Obwohl die EU das eigentlich beendet hat“, sagt Lipka, und Dedecius feststellt: „Heute haben alle im Grunde die gleichen Probleme.“ Kein Filmemacher aus Osteuropa müsse mehr die Transformation zum Kapitalismus zum Thema machen, geschweige die kommunistische Vergangenheit mit Einheitspartei und Geheimpolizei. Daher kommt es auch, dass für Cineast der aktuelle Autorenfilm im Vordergrund steht: künstlerisch und gesellschaftlich engagiertes Konzeptkino, das am besten nicht älter als zwei Jahre ist. „Das Kino hat den Vorzug, universell zu sein“, sagt Dedecius. Filme sehe jeder, und deshalb könnten die aus dem Ausland leichter verstanden als etwa eine Ausstellung oder ein Konzert.

Für die Zukunft von Cineast scheint momentan gesorgt – sogar durch noch mehr engagierte Ehrenamtliche. „Wir erhalten immer wieder Angebote, neue Ländersektionen zu eröffnen. Die uns darauf ansprechen, würden auch die Organisation übernehmen“, sagt Lipka. So schnell wachsen soll das Festival auf dieser Ebene aber nicht. Seit 2010 gilt, dass jedes Jahr ein Filmland neu hinzukommen soll. Letztes Jahr war es Rumänien, in diesem Jahr wird die Reihe an Bulgarien sein.

Was nicht verhindert, dass Cineast 2011 insgesamt umfangreicher wird als die Edition von 2010: mit mehr Ehrengästen, einem separaten Kurzfilmprogramm und einem Programm für Kinder und Jugendliche. Es wird mehr Zusatzveranstaltungen geben als im vergangenen Jahr – mehr Konzerte, Ausstellungen und Partys. Und weil Luxemburg sich, wie Hynek Dedecius bemerkt, „doch nicht so richtig“ eigne für ein Festivalprogramm, in dem es ein paar Tage lang von Vormittags bis tief in die Nacht besondere Filme zu sehen gibt, wird Cineast 2011 gestreckt: auf 19 Festivaltage vom 5. bis zum 23. Oktober – was immerhin doppelt so lang ist wie die Filmfestspiele von Cannes.

Peter Feist
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