Ruhrtriennale 2015

Ich muss auch leben,

d'Lëtzebuerger Land vom 28.08.2015

Robert de Saint-Loup (Maciej Stuhr) kann nicht mehr. Im Schutzanzug sitzt er an einem Tisch, isst, trinkt – und kriegt einen Wutanfall. Der Offizier beschimpft die Nationen, beleidigt Deutschland nach seiner „Nietzscheanisieung“, beleidigt Portugal, beleidigt die USA – jeder kriegt sein Fett weg, totale Verrottung allenthalben. Der Erste Weltkrieg verwüstet Europa, Saint-Loup wird dort sterben.

Der Text stammt von Fernando Pessoa (Ultimatum, 1917), Krzysztof Warlikowski bedient sich im Kulturschatz des zwanzigsten Jahrhunderts, als sei es ein Steinbruch, flickt zusammen, was ihm eben in den Kram passt, um seine Geschichte zu erzählen. Paul Celan liest die Todesfuge (1944), eine Frau in Affenmaske erscheint zu Richard Strauss’ Also sprach Zarahthustra (ein Zitat von Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum), als habe Proust nicht genug geschrieben.

Die Franzosen, Warlikowskis neustes Stück, das am vergangenen Freitag in der Maschinenhalle der Zeche Zweckel in Gladbeck Premiere feierte, ist eigentlich eine Adaptierung von Prousts La recherche du temps perdu, ein langer, wollüstiger Abgesang an die Bourgeoisie, ein Zele­brieren der Fin-de-siècle-Melancholie.

Krzysztof Warlikowski ist immer dann großartig, wenn er macht, was er am Besten kann: Bilder. Seine Figuren, Oriane de Guermantes, ihr Mann Blaise, die Prinzessin von Parma, Rachel, Odette de Crécy, Charles Swann, sind in ihren gesellschaftlichen Rollen gefangen, wie ausgestellt in einer großen Vitrine auf Rädern, die Bühnenbildnerin Małgorzata Szczęśniak in einen sonst eher kargen Dekor schieben lässt. Wie ausgestopfte Tiere in einem naturhistorischen Museum beobachten sie die Gesellschaft und werden selbst beobachtet. Und sie reden, was die Belanglosigkeiten aneinanderreihen: Klatsch über Mondänitäten und skandalträchtige Liebschaften, die neusten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, und Dreyfus, immer wieder Dreyfus.

Krzysztof Warlikowski macht aus seinen Franzosen und der Dekadenz von Prousts heute karikatural erscheinenden Figuren eine Parabel des Hedonismus des frühen 21. Jahrhunderts, mit Themen wie der Suche nach der eigenen (sexuellen) Identität – Sind wir nicht alle ein bisschen schwul und ein bisschen Jude? –, übertriebener Selbstverliebtheit oder der Rolle der Kultur. Viereinhalb Stunden dauert das überbordende Spektakel, zwei Pausen inbegriffen, auf Polnisch, am Ende hat man das Genick verkrampft vom Lesen der Übertitel, aber ab dem dritten Teil hat man sowieso aufgehört, viel zu lesen, denn die Bilder nehmen überhand. Mit der Dunkelheit kommen auch die Fledermäuse, die panikartig herumfliegen, die Schauspieler sind absolut grandios, Magdalena Cielecka als kühle und reiche Schönheit Oriane unvergesslich, Maciej Stuhr kraftvoll in seiner Wut, Bartosz Gelner als Erzähler jugendlich ungestüm. Irgendwann läuft ein am Tropf hängender Karl Lagerfeld über die Bühne, ein Deejay spielt Elektro, immer wieder tanzt sich Claude Bardouil in schwarzer Maske irgendwo einen ab und man weiß nicht recht warum, primitive Bilder blühender Blumen, kleiner Seepferdchen oder küssender Menschen sollen die Aussage wohl verdeutlichen (Identitätssuche und so), aber die bürgerliche Welt ist sowieso längst implodiert. Am Ende, dem Band Le temps retrouvé, sitzen die längst greisen Überlebenden zusammen am Tresen und spätestens, als sie die Liste der Toten in ihrem Umfeld aufzählen, verstehen sie die Belanglosigkeit ihrer Existenz.

Nur einige Kilometer von Gladbeck entfernt liegt Dinslaken, „Salafistenhochburg“ schreiben die Tageszeitungen in ihren Vorankündigungen, wohl um dem Bildungsbürger in uns ein bisschen Angst einzujagen. Im Stadtteil Lohberg hat Triennale-Direktor Johan Simons einen neuen Spielort für sich entdeckt: die Kohlemischhalle der Zeche, die bis 2005 diente. Ein beeindruckendes Monstrum von 70 auf 270 Metern, das da liegt wie ein gestrandeter Lindwurm.

Die Spielstädte zu erobern ist auch für das Publikum (es wurden keine Salafisten gesichtet) eine Herausforderung. Artig folgt es der Prozession durch das Fabrikareal, an Schrotthaufen und ausgedienten Maschinen entlang. Dann sitzt es da, an der hinteren Breitseite der Halle, winzig und beeindruckt. Gleich links sind Orchester und Chor des Collegium Vocale Gent, große Bachspezialisten in Europa, auf einem Podest aus Beton installiert, sonst steht da bloß noch ein Container.

Johan Simons inszeniert hier Accatone, nach dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini von 1961 (Textfassung: Koen Tachelet), als Hommage an das „Subproletariat“. Accatone (beeindruckender Steven Scharf) ist ein Bettler, ein Dieb und Zuhälter. Er verweigert sich der Arbeit und hängt den ganzen Tag herum mit seinen Freunden Pio (Mandela Wee Wee), Balilla (Steven van Watermeulen), Renato (Lukas von der Lühe) und Cartagine (Jeff Wilbusch), mit denen er stupide Wetten abschließt und kindische Spiele macht. Arbeiten tun für sie die Frauen, Maddalena (Sandra Hüller) und Amore (Elsie de Brauw) machen den Strich. „Ich elender Mensch“ singt der Chor gleich zu Anfang, und dank Bach weiß man sofort um das Leiden des Menschen in einer grausamen Welt.

Pasolini hatte Accatone als naturalistische Milieubeschreibung mit Laienschauspielern (und auch mit Bach) in der Wüste Roms angelegt, Johan Simons abstrahiert Handlung und Figuren zu einer scherenschnittartigen Passionsgeschichte. In der Weite der Halle schrumpft der Mensch wie Accatones Moral. Simons versucht nicht erst, die Gewalt nachzustellen, die Schauspieler rezitieren die Vergewaltigungen, Übergriffe und Schlägereien in neutralem Ton, deuten dabei nur einige Bewegungen an, wie ein Tanz (wunderbare Szene zwischen Sandra Hüller und Benny Claessens). Trotz seiner pessimistischen Aussage über die Sinnlosigkeit des menschlichen Strebens nach einem besseren Leben ist Accatone von bewegender Schönheit.

Johan Simons, dessen Inszenierungen regelmäßig im Grand Théâtre gastierten, träumt seit jeher davon, ob als Regisseur, als Theaterdirektor oder als Festivalleiter, Theater zu machen für Menschen, die sonst nie ins Theater gehen. Es sei ihm allerdings bis jetzt noch nicht gelungen, muss er im Programmheft zugeben. Auch mit Accatone nicht, denn die Menschen, über die Pasolini spricht gehen nicht ins Theater – schon gar nicht zu einem so anspruchsvollen (und teuren) Festival wie der Ruhrtriennale.

Die Ruhrtriennale dauert noch bis zum 26. September; www.ruhrtriennale.de.
josée hansen
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