Luxemburgensia

Terra incognita

d'Lëtzebuerger Land vom 10.08.2018

Ach Luxemburg, deine Verkanntheit als Touristenmagnet, ach Großherzogtum, deine Geheimnisse. Hat man in einem so kleinen Land nicht schnell alles gesehen? Diesen Sommer verheißen zwei Buchveröffentlichungen das Gegenteil.

Der Kölner Emons-Verlag gibt eine Reihe alternativer Reiseführer heraus, die zur Erkundung von Städten und Regionen anhand von „111 Orten, die man gesehen haben muss“, aufrufen. Die Bände richten das Augenmerk nicht nur auf Kurztripklassiker wie Brüssel, München oder Paris, sondern auch auf weniger überlaufene Reiseziele, etwa den Hunsrück oder das Saarland, zu dem es sogar schon zwei Bände gibt. Hundertelf Orte in Luxemburg zu finden, zu denen man guten Gewissens neugierige Freunde aus dem Ausland schicken könnte, wirkt auf Anhieb wie eine Tour de Force. Das beliebte Stickeralbum, das eine einheimische Supermarktkette 2014 an seine Kunden verschenkte, führte zum Beispiel nur knapp halb so viele sehenswerte Orte in Luxemburg an. Dort ging es, wohlgemerkt, um Luxemburg als Land. Der Autor des Bandes, der Schriftsteller Joscha Remus, verspricht, allein auf dem Gebiet von Luxemburg-Stadt über hundert sehenswerte Orte ausfindig gemacht zu haben. Dass das nicht ganz ohne Trickserei abgehen kann, liegt auf der Hand.

Trick eins: Restaurants, Cafés und Bäckereien sind Orte. Bei über einem Fünftel der von Remus zusammengetragenen Must-sees handelt es sich um Empfehlungen für die Pflege des leiblichen Wohls. Bei einigen dieser Orte leuchtet die Wahl ein, da sie einen Beitrag zum kulturellen Leben leisten, etwa beim Café Bovary in Weimerskirch, dem Café des Artistes in Grund oder dem Gudde Wëllen. Bei anderen träfe das Label „Orte, die der Autor gesehen hat“ eher zu als der tatsächliche Titel des Buches.

Trick zwei: Ein Ort lässt sich in mehrere Orte aufteilen. Der Autor schickt den Leser zum Beispiel nicht einfach nach Luxemburg-Grund, sondern faltet hier eine überschaubare Anzahl von Quadratmetern zu Alzettebrücke, dem Garten von Will Lofy, einem Weinlokal, einem Hotel, einer kitschigen Napoleon-Statuette und dem Café des Artistes auseinander. Auch die Rotonden und der unmittelbar davor platzierte Foodtruck ergeben für den Autor nicht einen, sondern zwei Orte. Zum Glück kann sich der ahnungslose Tourist die geografischen Zusammenhänge zwischen den einzelnen „Orten“ mit Hilfe von Karten am Ende des Buches selbst erschließen.

Trick drei: Ein Ding ist ein Ort. Der zur Taubenabwehr mit Nadeln gespickte Steinkopf von Adolph von Nassau-Weilburg an der Fassade des Bahnhofs mag aus repräsentativen oder historischen Gründen irgendwie durchgehen, spätestens aber bei Hydranten und den Verzierungen von Fassaden kann man sich des Eindrucks einer gewissen Beliebigkeit nicht mehr erwehren. Man müsste freilich testen, was die Freunde aus dem Ausland dazu sagen würden, wenn man sie zu einem Spielplatz mit lustiger Raketenrutsche oder zu einem Geschicklichkeitsparcours für Radfahrer schickte.

Einige Tipps sind darüber hinaus bereits hinfällig, weil es die empfohlenen Orte, etwa die Kapelle von Wim Delvoye, nicht mehr gibt.

Die Beliebigkeit ihrer Auswahl macht Susanne Jaspers ironisch zum Thema ihres kleinen Buches. Sie schickt ihr Zielpublikum – tendenziell: Luxemburger, die denken, sie würden jede Schattierung des Lokalkolorits aus dem Effeff kennen – auf eine Entdeckungsreise zu „kuriosen Orten“, deren Geschichten zum größten Teil interessanter sind als die Begehung selbst. Zusammen mit einem leicht als Georges Hausemer identifzierbaren „Begleiter“ spürt die Autorin Gerüchten und Sagen nach, die sich mehr als einmal nicht oder nicht länger in der Wirklichkeit verankern lassen. Mehr als einmal ist der in Frage stehende Ort so kurios, dass ihn die Autorin gar nicht erst findet. Die Existenz eines dreibeinigen Hasen, eine gut versteckte Burg und der Merscher Kongo bleiben mysteriös.

Die Irrfahrt gehört in diesem Buch zum Konzept. Es gilt die ansonsten stets fragwürdige Losung: Der Weg ist das Ziel. So wie sich beim Hören eines Witzes die Erwartung im Nichts der Pointe auflöst, ist auch Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange ein oft amüsantes Spiel mit der Erwartung des Lesers. Das beginnt bereits beim Titel. Wer sich Sorgen um einen von Rückenleiden geplagten Präsidenten der Europäischen Kommission macht, sei beruhigt: Es sind ein anderer Jean-Claude und eine andere Hühnerstange gemeint.

Das Buch liest sich wie die Beschreibung absurder Road Trips, denen man vielleicht tatsächlich Anregungen für einen Sonntagsausflug entnehmen kann.

Susanne Jaspers: Mit Jean-Claude auf der Hühnerstange. Kuriose Orte in Luxemburg. 115 S. Capybarabooks, Luxemburg 2018. / Joscha Remus: 111 Orte in Luxemburg, die man gesehen haben muss. 235 S. Emons Verlag, Köln 2018.

Elise Schmit
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