Manche sind eher lästig als lustig

Sauna-Etikette

d'Lëtzebuerger Land du 11.09.2015

Es ist Herbst und damit zieht, saisonal bedingt, die Konjunktur im Saunabetrieb an. Deshalb, liebe Männer, müssen wir uns über die korrekte Sauna-Etikette unterhalten.

Weil Sie keine Vorstellung davon haben, wie es am Frauentag in der Sauna zugeht, hier eine kleine Schilderung: Mehr oder weniger große Gruppen von Frauen begeben sich gemeinsam in die Sauna. Sie sind an der stattlichen Ausrüstung zu erkennen, die sie dabei haben, die teils nur in mittelgroßen Reisekoffern zu transportieren ist. Bademantel, Badelatschen, Seifen, Schampoo, Conditioner, Peeling-Handschuhe oder -Crèmes, Bodylotion, Fön, Haarglättgerät, Gesichtscrème ...

Die Frauen begeben sich, ebenfalls in Gruppen, in die Sauna ihrer Wahl. Sie drehen die Sanduhr und damit ist nicht nur der Startschuss für ausgiebiges Schwitzen gegeben, sondern auch für den für das gute Funktionieren der Gesellschaft unabdingbaren Informationsaustausch. Über die Arbeit, Freunde und Bekannte, die Kinder, deren Lehrer, hormonale Schwankungen, den Mann oder den Liebhaber – vielleicht über beide, eventuell die eigenen oder die anderer Leute ­–, die Regierung und andere Problemzonen. Der Geräuschpegel, der dabei entsteht, hängt erfahrungsgemäß von der geografischen Lage ab. An südlicheren Standorten kann es vorkommen, dass die Lautstärke riskiert, die Normen der EU-Geräuschverordnung zu überschreiten. An zentralen Standorten in der Landesmitte, werden die Informationen traditionell ein wenig diskreter gehandelt.

Generell gibt es allerdings wenig Hemmungen. Was auch daran liegt, dass alle Beteiligten splitterfasernackt sind. Ausgerechnet das befreit und verbindet. Denn während der Begegnung mit den unterschiedlichsten Frauenkörpern, ob übergewichtig, muskulös oder spindeldürr, mit langen oder kurzen Beinen, großen oder kleinen Brüsten sowie Brustimplantaten, runden oder flachen Pos, setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Bandbreite der Normalität weitgefächert ist. In der wohligen Hitze schwindet das Bewusstsein für die eigenen körperlichen Makel und die der anderen. Wenn sich in der Ruhezone ein halbes Dutzend Frauen mit verschiedenfarbigen Gesichtsmasken unterhalten, ist das ein solch absurdes Bild, dass trotz Anti-Falten-Wirkung der Druck, einem unmöglichen Schönheitsideal zu entsprechen, abfällt.

Diese gleichmachende Wirkung der kollektiven Schwitzerei ist wie wegeblasen, wenn sich Männer auf dem Saunagelände befinden. Denn die Erfahrungsberichte regelmäßiger Sauna-Gängerinnen, die nicht immer am Frauentag können, belegen, dass Frau bei jedem Besuch eine ausführliche Inspektion erwarten oder eine besondere Begegnung befürchten muss.

Manche der Protagonisten machen sich dabei lächerlich, sind aber harmlos: Walferdingen vor ein paar Wochen. Eine Frau geht im Bademantel Richtung Frauen-Umkleide. Ein Mann kommt ihr entgegen, bei ihrem Anblick klappt ihm entgeistert das Kinn herunter, er verliert die Orientierung, verschätzt sich, als er abbiegen will, und knallt frontal mit dem heruntergeklapptem Kinn in die Umkleideschrankwand.

Andere sind eher lästig als lustig, weil sie Frauen, die zum Abkühlen ins Schwimmbecken steigen – notwendigerweise nackt –, unverhohlen einem visuellen Ganzkörper-Check unterziehen und zur besseren Sicht in einer Reihe am Beckenrand entlang auf Stühlen Platz nehmen. Dass sie das tun, ist keine Einbildung, sondern lässt sich mit einem einfachen Experiment empirisch prüfen. Frau ändert während des Versuchs im Vorbeigehen oder -schwimmen flink die Richtung, und die „Zuschauer“ wenden dabei wie beim Tennis den Kopf, um sie nicht aus den Augen zu verlieren...

Oftmals handelt es sich dabei um Männer, die breitbeinig, wie gestrandete Wale, in ihren Stühlen hängen, dabei zwar auf einem Handtuch sitzen, nicht aber unter einem. Deshalb haben betroffene Frauen schon öfter darüber beraten, ob Männer, die alle Einzel- und Kleinteile ihres Körpers gerne zur Schau stellen, vielleicht davon ausgehen, dass auch Frauen diese Art von Aufmerksamkeit gefällt. Obwohl Ausnahmen nicht auszuschließen sind, lautet die Antwort in der Regel: Nein. Lieber würden sie ohne das Bewusstsein abkühlen, dass ein Dutzend Augen auf sie gerichtet sind.

Andere sind geradezu bedrohlich. Es handelt sich um Männer, die den im Ruhebereich inspizierten Frauen in die Sauna folgen und sich dort, obwohl alle andere Bänke frei sind, einen halben Meter neben sie setzen. Auch das ist eine Art der Aufmerksamkeit, die die wenigsten Frauen erfreut. Schon gar nicht, wenn der Betreffende danach Yoga-Übungen macht. Oder masturbiert. Das sind leider keine Scherze, sondern wahre Begebenheiten und eher ein Fall für eine Beschwerde beim Saunapersonal.

Nicht alle Männer fallen unangenehm auf. Es gibt auch solche, die das ungeschriebene Gesetz verinnerlicht haben, nachdem der gemischte Saunagang reibungslos funktioniert. Allen anderen sei es hier einmal ausformuliert: Männer und Frauen, die dort nicht gemeinsam hingegangen sind, ignorieren einander in der Sauna einfach. Man betrachtet während des Saunagangs die Decke, den Boden oder schließt die Augen. Dann können alle ein wenig Privatsphäre haben. Wenn direkter Blickkontakt zwecks Vermeidung von Zusammenstößen unumgänglich ist, schaut man dem Gegenüber entweder ins Gesicht oder auf die Füße. Die Zone dazwischen ist mit oder ohne Handtuch Sperrgebiet.

Michèle Sinner
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