Sprachenunterricht

Tore für ein Fußballfeld

d'Lëtzebuerger Land vom 24.11.2005

Er kam mit der Post - und kam auch gleich zur Sache. "Les langues - notre atout. L'enseignement des langues en question" heißt der Titel jenes neuen Infobriefs Edunews, den das Unterrichtsministerium im Oktober an alle Lehrkräfte verschickt hat. Darin informiert das Ministerium über den Ablauf der seit mehr als einem Jahr geplanten Überprüfung des Sprachenunterrichts. Die Vorarbeiten dazu sind seit Monaten im Gange (siehe d’Land vom 11. November). Eine wichtige Etappe soll am kommenden Donnerstag abgeschlossen werden. Dann nämlich wird, im Rahmen eines Rundtischgesprächs in der Wirtschaftskammer, erstmals ein Vorbericht zum "profil des politiques linguistiques éducatives" des Europarats einem auserwählten Kreis von Fachleuten aus Schule, Politik und Wirtschaft vorgestellt. Sie hatten dem Expertenteam um Berichterstatter Francis Goullier im Sommer dieses Jahres auf dessen Fragen zur luxemburgischen Sprachensituation Rede und Antwort gestanden. Die große Überraschung, das lässt sich jetzt schon sagen, bleibt im Vorbericht aus. Das Prinzip des mehrsprachigen Unterrichts an sich wird nicht angetastet – und das war auch nicht zu erwarten. Seit Jahren setzt sich der Europarat dafür ein, bei den Mitgliedsländern die Vielsprachigkeit zu fördern und die verschiedenen nationalen Sprachpolitiken besser aufeinender abzustimmen. Luxemburg ist der siebte EU-Staat, der seine Sprachenpolitik von den Straßburger Experten unter die Lupe nehmen lässt, und es kassiert dafür zunächst ein dickes Lob. Das Land sei seit langem "Europas bester Schüler in den Sprachen" gewesen, schreiben die Prüfer beeindruckt. Ein Erfolg, der angesichts der demografischen Veränderungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte aber in Gefahr geraten ist. Dass das luxemburgische Schulsystem längst nicht mehr nur ein Trumpf ist, sondern zunehmend zum Problemherd vor allem für die Kinder ausländischer Eltern wird, belegen bekannte Zahlen, die der Lagebericht Sociologie de l’enseignement des langues dans un environnement multilingue des "Centre d’études sur la situation des jeunes en Europe" (Cesije) zusammenfasst. Das 140 Seiten starke Dokument, das die Jugendforscher Charles Berg und Christiane Weis in einer Rekordzeit von fünf Monaten erstellten, bildet zusammen mit den Interviews die wichtigste Grundlage für den provisorischen Bericht des Rats. Demnach hinken mehr als ein Drittel der portugiesischen Kinder schon in der Primärschule dem Unterrichtssoll hinterher, aber nur rund 14 Prozent der luxemburgischen. Etwas weniger als die Hälfte der luxemburgischen Kinder (44 Prozent) erhalten nach der Primärschule eine Empfehlung für den höheren Sekundarunterricht, dagegen kommen nur etwas über 16 Prozent der portugiesischen Schüler in diesen Genuss. Ein Viertel dieser Schüler, denen die höhere Schullaufbahn versagt bleibt, scheitert an ungenügenden Noten in Deutsch. Die Situation der luxemburgischen Schüler ist zwar insgesamt viel besser, der schulische Erfolg ist gleichwohl keineswegs garantiert. Neben ungenügenden Leistungen in der Mathematik scheitern auch sie oft an den Spracherfordernissen - im Französischen. Um der Sprachbürde zu entkommen, wechseln viele an Schulen ins Ausland. Andere brechen vorzeitig ab, um später auf dem Arbeitsmarkt mit schlechten Karten da zu stehen. "La proportion est trop importante pour être ignorée", schreiben die Sprachexperten über die erschreckenden Befunde, und sie raten den luxemburgischen Verantwortlichen dringend, die bisherige Praxis im Sprachenunterricht genauestens zu überprüfen. Problempunkte haben Goullier und seine Kollegen gleich mehrere ausgemacht. Obwohl die Mehrsprachigkeit erklärtes Ziel der luxemburgischen Bildungspolitik ist, fehle es sowohl im Primär- wie auch im Sekundarunterricht an klaren, aufeinander abgestimmten Konzepten, nach denen die verschiedenen Sprachen gelehrt und bewertet werden. Oder wie es ein Lehrer im Gespräch mit den Experten ausdrückte: "Il faudrait mettre des buts sur cet immense terrain de football." Unter Mehrsprachigkeit würde häufig die Fähigkeit verstanden, mehrere Sprachen nahezu so perfekt wie die eigene Muttersprache zu beherrschen - eine "naive Vorstellung" meinen die Sprachprüfer, und eine kontraproduktive noch dazu. Denn abgesehen davon, dass nur sehr wenige Menschen sich als Sprachgenies entpuppen, führt die hohe Messlatte oft zu schlechten Noten. Durch den ständigen indirekten Vergleich mit Muttersprachlern, werden die im internationalen Vergleich guten Sprachleistungen glatt übersehen. In Schulbüchern und bei Tests überwiegen zumeist Übungen zur Grammatik und Rechtschreibung. Da riskiert auch ein Schüler, der die Sprache versteht und gut spricht, schnell mal ein "ungenügend" zu kassieren. Die Nulltoleranz insbesondere gegenüber Schreibfehlern geschieht auf Anordnung von oben. In einem Auszug aus dem Plan d'études pour l’nseignement primaire von 1989, den der Vorbericht zitiert, steht: "contrairement à l’écrit, une certaine tolérance quant aux fautes du langage oral est à recommander". Um diese Herangehensweise zu beenden, schlägt der Europarat vor, neben präzise formulierten Kompetenzniveaus für das Schreiben auch solche für das Verstehen und für das Sprechen einzuführen, so wie sie der gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprache vorsieht. Damit nicht genug. Statt für alle Sprachen (und Schüler) dieselben Anforderungen vorzuschreiben, schlagen die Experten die Einführung eines abgestuften Angebots vor. Könnten Schüler beispielsweise zwischen Erst- und Zweitsprachen wählen, würde ihren jeweiligen sprachlichen Fähigkeiten besser Rechnung getragen. Portugiesische Schüler mit einem Faible fürs Französische könnten in der Erstsprache Französisch ein höheres Kompetenzniveau erreichen - und müssten in Deutsch nicht mehr so viel pauken. Weil ein gewisser Leistungsdruck von vornherein entfällt, lernen sie womöglich auch besser und motivierter. Aber nicht nur überzogene  Anforderungen der Programme sind laut Europarat Schuld an dem Notenstress und dem schlechten Selbstbild vieler Jungen und Mädchen. Auch Lehrer tragen - bewusst oder unbewusst - dazu bei. Die meisten von ihnen sprechen Deutsch oder Französisch annähernd perfekt, ein einseitiger, zu strenger Blick insbesondere auf die sprachlichen Fehler ihrer Schüler liegt da nahe. Alles andere als perfekt sind indes häufig ihre didaktischen Fähigkeiten. "La formation initiale et continue ne suffit pas encore à les doter des outils méthodologiques et des représentations adaptées." Wie wer wann welche Sprachen am besten lernt, wie gut luxemburgische und nicht-luxemburgische Schüler den Wechsel von einer Unterrichtssprache in die andere verkraften, mit welchen Methoden, welchen Schulbüchern Sprachproblemen am besten beizukommen ist, darüber ist trotz jahrzehntelangen Unterrichts in drei, ja vier Sprachen (Luxemburgisch, Deutsch, Französisch, Englisch) noch nicht allzu viel bekannt. Aussagekräftige wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zur Mehrsprachigkeit sind rar und oft veraltet oder nicht repräsentativ, didaktische Untersuchungen existieren kaum. Noch dünner wird die Datenlage, wenn es um den Spracherwerb geht. Welche Lernstrategien ausländische Schüler anwenden, um neben ihrer Muttersprache Luxemburgisch, Deutsch und Französisch zu lernen, dazu fehlen systematische Erkenntnisse, die von den Lehrer konsequent umgesetzt werden könnten. "Da gibt es enormen Nachholbedarf", sagt Cesije-Leiter Charles Berg, der vor allem die Universität in der Pflicht sieht. Wer weiß, vielleicht fallen dann auch einige als selbstverständlich vorausgesetzte, aber bislang unbewiesene Annahmen: etwa die, dass frühes Luxemburgischlernen romanophonen Kindern bei ihrer - deutschen - Alphabetisierung am besten hilft. "Wir haben es mit einem Sprachenunterricht zu tun, der einseitig auf die Bedürfnisse luxemburgischer Schüler zugeschnitten ist", fasst Christiane Weis das Grundproblem des Luxemburger Bildungssystems zusammen. Diese Erkenntnis ist denn auch der große Verdienst der beiden Berichte von Cesije und Europarat. Trotz dürftiger Datenlage und obwohl einige der skizzierten Zusammenhänge erst noch belegt werden müssen, führen die Autoren ihren Lesern eines mit aller Deutlichkeit vor Augen: wie komplex und schwierig es ist, Kindern unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Fähigkeiten mehrere Sprachen beizubringen - und dabei zugleich Grundsätzen wie der Chancengleichheit und Selbstentfaltung gerecht zu werden. Die Straßburger Experten haben kein Patentrezept, wie die kniffelige Aufgabe zu lösen ist; das gibt es ohnehin nicht. Aber sie nennen verschiedene Pisten und Punkte, entlang denen Politiker und Lehrer zukünftig den Sprachenunterricht gestalten können - wenn sie dies wollen. Bisher haben sich die Lehrer mit Fundamentalkritik zurückgehalten. Auf den Informationsveranstaltungen, die das Cesije gemeinsam mit dem Ministerium für die Sprachlehrer organisiert hat, so berichtet Berg, sei jedenfalls "engagiert und konstruktiv" diskutiert worden. Das liegt sicherlich auch daran, dass Aufgeschlossene derlei Diskussionsangebote meistens am ehesten wahrnehmen. Wer sich indes ein wenig breiter umhört, wird feststellen, dass viele Lehrer noch nichts über die anstehende Generalüberholung des Sprachenunterrichts wissen, ungeachtet aller Vorankündigungen etwa durch die Edunews. Zudem sind die provisorischen Ergebnisse der Straßburger Experten bisher lediglich bruchstückweise präsentiert worden. Ein erster Testlauf, wie weit die - externe - Kritik am luxemburgischen Sprachenunterricht gehen kann, ohne auf Widerstand zu stoßen, wird das Rundtischgespräch am 1. Dezember sein. Die Rückmeldungen der teilnehmenden nationalen Fachleuten sollen, so sieht es der weitere Ablauf vor, Anfang nächsten Jahres in ein endgültiges Sprachenprofil einfließen. Spätestens wenn dieses Profil dann offiziell vorliegt, wird sich zeigen, ob die kontrollierte, sachliche und konsensorientierte Vorgehensweise, um die das Unterrichtsministerium derzeit bemüht ist und wofür es sämtliche Vorarbeiten bislang von der Presse abgeschirmt hat, sich so weiterführen lässt. Und ob es Ministerin Mady Delvaux-Stehres eines Tages tatsächlich gelingt, verschiedene Vorschläge des Europarats mit den Schulakteuren in konkrete Maßnahmen umzusetzen.     

Ines Kurschat
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