Atomenergie

Keine Lösung für das Klimaproblem

d'Lëtzebuerger Land vom 16.09.2004
Nachdem es der Atomindustrie nicht gelungen ist, sich als sauberer, billige, sichere und zuverlässige Energielieferantin zu etablieren, befindet sie sich weltweit im Niedergang und kämpft ums Überleben. Die fortwährende Krise in der Behandlung nuklearer Abfälle, bei der Sicherheit und den wirtschaftlichen Kosten hat die Glaubwürdigkeit der Branche schwer erschüttert. Derzeit wird verzweifelt nach einer triftigen Begründung und Rechtfertigung für neuerliche staatliche Unterstützung und Finanzierung gesucht. Die Atomlobby sammelt sich hinter der Behauptung, der Umstieg von fossilen Brennstoffen auf Atomenergie dsei er einzige Weg, um die Emission von Kohlendioxid ohne eine radikale Umstellung hergebrachter Verbrauchsmuster zu bremsen, da Atomkraftwerke dieses Gas nicht ausstoßen.

Doch selbst eine oberflächliche Prüfung dieser Frage zeigt, dass die Atomkraft bei der Lösung des Klimaproblems überhaupt keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Alle Ressourcen, die für die Förderung der Atomkraft als gangbare Möglichkeit aufgewandt werden, würden unvermeidlich von wirksamen Maßnahmen zur Reduzierung der drohenden globalen Erwärmung ablenken. Es ist klar, dass unverzüglich gehandelt werden muss, um den Klimawandel zu stoppen. Doch bei der Entscheidung, wie die globale Erwärmung am besten zu bekämpfen ist, müssen wir sowohl die Kostenwirksamkeit von Alternativen zu fossilen Brennstoffen berücksichtigen, als auch die Kosten ihrer Auswirkungen auf die Umwelt sowie ihre Folgen für die weltweite Sicherheit.

Das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes schrieb: „Das Scheitern des US-Atomkraftprogramms stellt die größte Katastrophe in der Wirtschaftsgeschichte dar.“ Die anfänglichen Hoffnungen auf billige Nuklearenergie beruhten auf der Erwartung, dass Atomkraftwerke zwar teurer als mit fossilen Energieträgern betriebene Kraftwerke, ihre Betriebs- und Wartungskosten jedoch extrem niedrig sein würden. Wie die Erfahrung zeigt, war dieser frühe Optimismus völlig fehl am Platze. Die Kosten der nuklearen Aktivitäten auf allen Ebenen überstiegen diese anfänglichen Voraussagen. In vielen Ländern erwiesen sich die Baukosten der Atomkraftanlagen als viel höher als zunächst erwartet. Die Bauzeit verlängerte sich oftmals, und es gab viele unvorhergesehene technische Schwierigkeiten. Die Betriebskosten erwiesen sich ebenfalls als viel weniger prognostizierbar, als zunächst gedacht. Die Kosten wegen erhöhter Sicherheitsanforderungen und regelmäßiger Pannen in der Ausrüstung kamen zu der teuren Frage des Umgangs mit dem Atommüll hinzu. Darüber hinaus stiegen auch noch die vorhergesagten Kosten für die Stilllegung von Anlagen.

Seit der Ölkrise in den 1970-er Jahren sind mehrere „neue“ Formen der Stromerzeugung aufgetaucht, von denen derzeit eine Handvoll als „ausgereift“ und „bankfähig“ betrachtet wird: Sie gelten als zuverlässige und dauerhafte Energieproduktionssysteme und können deshalb private Investitionen sichern. Viele dieser Technologien tragen jetzt mit Hunderten von Megawatt, die jedes Jahr installiert werden, mehr und mehr zur Energieerzeugung bei. Auf der anderen Seite ist deutlich geworden, dass Atomkraft nicht bankfähig ist. So erklärte die Weltbank: „Bankkredite für den Energiesektor verlangen eine Prüfung der Investitionen, Institutionen und Grundsätze des Sektors. Nuklearanlagen im Energiesektor wären nicht wirtschaftlich; sie sind große weiße Elefanten.“

Windkraft, Hydroelektrizität, Fotovoltaik, Deponiegas und Biomasse verdanken ihre Energie alle der Sonne – ob durch direkte Umwandlung mit Hilfe von Solarzellen; die durch Erhitzen entstehenden globalen Wärmeflüsse; potenzielle Energie, die durch den Wasserkreislauf übertragen wird, oder die durch die Pflanzenwelt absorbierte Energie, die bei der Zersetzung freigesetzt wird. Da die Sonne vermutlich noch mehrere Millionen Jahre lang scheinen wird, dürfen diese Energieformen als „nachhaltig“ bezeichnet werden. Die Atomkraft auf der anderen Seite benutzt einen nur begrenzt verfügbaren Brennstoff.

Neben der Kompensation der optimistischen Annahmen der Atomindustrie beinhalten die wahren Kosten einer jeden Energiequelle auch volkswirtschaftliche, d.h. externe Kosten. Solche Kosten erscheinen jedoch nicht in den Bilanzen der Betreiber und bleiben deshalb verborgen. Zu den externen Kosten der Kernkraft gehören die Kosten für Umweltschäden, die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und Gesellschaft nach einem Unfall, Beschädigung der menschlichen Gesundheit und der Umwelt während des Routinebetriebs nuklearer Anlagen sowie langfristige Probleme in Verbindung mit dem Atommüll und der Stilllegung von Kernkraftwerken. Zu den „volkswirtschaftlichen Effekten“, die sich zur monetären Quantifizierung eignen, gehören auch wirtschaftliche Auswirkungen, Beschäftigung, Umwelteinflüsse, Gesundheitsauswirkungen und staatliche Subventionen.
Wenn solche quantifizierbaren volkswirtschaftlichen Kosten dem eigentlichen Strompreis hinzugerechnet werden, sind die Gesamtkosten der Atomkraft extrem hoch. Sie ist im Vergleich zur neuesten Generation erneuerbarer Energie nicht länger wettbewerbsfähig.

Nachhaltige Energiequellen können als Nicht-CO2-emittierende Energiequellen deutlich effektiver sein als Kernkraft. Mit der Kernkraft sind jedoch auch eine Reihe von Umweltproblemen verbunden, die über eine direkte Quantifizierung als „externe Effekte“ hinausgehen. Sie machen die Kernkraft aus einer Umweltschutzperspektive inakzeptabel. Denkt man die Idee „Kernkraft für den Klimaschutz“ in ihrer logischen Konsequenz zu Ende, so muss man auch fragen, wie viele Atomkraftwerke gebaut werden müssten, um international vereinbarte Klimaschutzziele zu erreichen. Die Konsequenzen einer bloßen Verdopplung des Atomenergiebeitrags zum weltweiten Primärenergiemix zeigen die rechtliche und technische Unmöglichkeit dieses Vorschlags: Zurzeit liefern rund 440 Atomkraftwerke etwa fünf Prozent des globalen Primärenergiemixes. Würde diese Zahl verdoppelt, müsste in den kommenden Jahren eine entsprechende Zahl neuer Atomkraftwerke gebaut werden. Trotz dieser enormen Anstrengung würde der Beitrag der Kernenergie zum Primärenergiemix sich nicht verdoppeln, sondern abnehmen, weil der weltweite Energiebedarf in absoluten Zahlen in den nächsten 25 Jahren voraussichtlich um mindestens die Hälfte steigen wird. Um den Anteil der Atomkraft in diesem „business as usual“-Szenario zu verdoppeln, wäre tatsächlich nicht eine Verdoppelung, sondern eine Verdreifachung der Zahl der Reaktoren nötig. Nicht 440, sondern 1 320 Atomreaktoren müssten in 25 Jahren am Netz sein.
Eine derart massive Expansion der Atomkraft würde die Beseitigung politischer Hindernisse verlangen, wie Moratorien über den Bau neuer Anlagen und die Aufhebung seit längerem getroffener öffentlicher und politischer Entscheidungen zum Ausstieg aus der Kernenergie, wie sie derzeit in vielen Ländern bestehen.

Oft wird behauptet, die Atomkraft sei eine ausgereifte Technologie, da sie nunmehr seit mehr als 40 Jahren genutzt wird. Ungeachtet dessen gibt es immer noch kein umweltverträgliches Programm für den Umgang mit radioaktiven Abfällen. Dieses Problem verschlimmert sich von Tag zu Tag angesichts der unablässigen Produktion radioaktiven Abfalls. Atommüll entsteht in jedem Stadium des Kernbrennstoffkreislaufs, vom Uranabbau bis hin zur Wiederaufbereitung abgebrannter Kernbrennstäbe. Ein Großteil dieses Mülls wird für Tausende von Jahren gefährlich bleiben und hinterlässt künftigen Generationen ein tödlich radioaktives Erbe. In den Atomkraftwerken muss hochradioaktiver Müll regelmäßig aus dem Reaktor entfernt werden, und an den meisten Standorten wird dieser „abgebrannte“ Brennstoff vorübergehend in wassergefüllten Kühlbecken gelagert. Obwohl eine Vielzahl unterschiedlicher Entsorgungsmethoden Jahrzehnte lang diskutiert wurden, gibt es immer noch keine nachgewiesene Methode zur Isolierung nuklearen Abfalls von der Umwelt über angemessene Zeiträume hinweg. Auch werden beim Routinebetrieb eines jeden Atomkraftwerks manche Abfälle direkt in die Umwelt abgegeben. Flüssigabfall wird ins Meer abgelassen, Abgase werden in die Atmosphäre abgegeben.

Plutonium ist ein unvermeidliches Nebenprodukt der atomaren Energieerzeugung. Plutonium ist in den abgebrannten Kernbrennstoffen enthalten. Es ist eine der gefährlichsten und radiotoxischsten Substanzen, die es gibt. Ein einziges Mikrogramm, kleiner als ein Staubteilchen, kann todbringenden Krebs verursachen, wenn es eingeatmet oder geschluckt wird, und eine Plutoniumkugel, noch nicht einmal von der Größe eines Tennisballs, kann zur Herstellung einer Atombombe benutzt werden. Die Verbindung zwischen der zivilen Nutzung der Nukleartechnologie und militärischen Anwendungen ist einer der beunruhigendsten Aspekte des atomaren Zeitalters. Die allerersten primitiven Atomreaktoren wurden in den 1940-er und 1950-er Jahren speziell zur Plutoniumproduktion für die US-amerikanischen, sowjetischen und britischen Bomben gebaut. Erst später wurden sie für die Erzeugung von Atomstrom umgerüstet. Ebenso wie sich die nukleare Technologie über den Erdball verbreitet, nimmt auch das Risiko der nuklearen Proliferation zu. Atomwaffen können unter Verwendung von Plutonium aus militärischen oder zivilen Quellen gebaut werden.

Die unredlichen Ansprüche der Atomindustrie, bei der Verminderung des Klimawandels eine Rolle zu spielen, müssen als das zurückgewiesen werden, was sie sind: gefährliche und selbstgefällige Fantasien, die ein schweres Erbe todbringenden radioaktiven Mülls erzeugen, die Risiken katastrophaler Atomunfälle erhöhen und die Bedrohung durch die Atomwaffenproliferation erheblich steigern würden. Abgesehen von Umwelteinflüssen, schließt die Atomwirtschaft ihre Nutzung für die Bekämpfung der globalen Erwärmung selbst aus. Weder ist sie die billigste, noch ist sie die sauberste der nichtfossilen Brennstoffalternativen. Eine Unmenge erneuerbarer Technologien hat die Atomkraft in Entwicklung und Leistung überflügelt, während die kostenwirksamste Art des Herangehens an den Bedarf an neuer Energie immer noch in der Energieeffizienz besteht. Die Herausforderung des Klimawandels wirft die wichtige Frage auf, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen möchten: Eine Welt, in der die untrennbaren Technologien militärischer und ziviler Atomkraft in jedem Land die Oberhand haben, oder eine Welt, in der Energie klug eingesetzt und durch die Nutzung nachhaltiger, erneuerbarer Energiesysteme erzeugt wird. Wir haben die Wahl.
Roger Spautz ist Mitarbeiter von Greenpeace Luxemburg.
Roger Spautz
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