Fotografie

Mitten im Urlaub

d'Lëtzebuerger Land du 22.08.2014

Auf dem Weg durch Clervaux schallen den Fußgängern entlang der Grand-Rue sphärische E-Gitarrenklänge entgegen. Ein paar versprengte Touristen in Funktionskleidung stehen im Nieselregen oder finden unter den Schirmen der Straßencafés Zuflucht. Es ist eben diese Klientel, der sich Yvon Lambert in seiner Ausstellung On Vacation im ehemaligen Brauhaus widmet. In 57 analogen Farbfotografien befasst sich der Luxemburger Fotograf mit dem Tourismus im Norden des Landes. Die Fotografien sind Ergebnis einer von Juli bis September dauernden Künstlerresidenz des Vereins Clervaux – Cité de l’image asbl., bei der die „charakteristischen Merkmale des Ortes“ im Fokus stehen sollten. Lambert entschied sich dazu, sich auf die „Reiselandschaft der Region“ zu spezialisieren.

Im hellen und architektonisch ansprechenden Ausstellungsraum des Brauhauses hängt nun eine Auswahl von 57 Aufnahmen. Die Reihenfolge hat einen narrativen Charakter: Personen in bunter Freizeitkleidung in Momenten der Ankunft, beim Überschreiten von Brücken und Treppen oder am Bahnhof. Es folgen Ansichten aus Vianden und Clervaux, die neben Außenansichten auch die Innenräume, wie Hotels, Restaurants oder Cafés, zeigen. Im weiteren Verlauf bewegt sich der Blickwinkel zunehmend aus den Ortschaften heraus in den Naturpark Obersauer und schwenkt über den Campingplatz Bourscheid-Plage, den Golfplatz in Eselborn hin zu Aufnahmen von verschiedenen Plätzen um den Stausee.

Lambert, der ausschließlich analog arbeitet und sich dabei gerne auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen konzentriert, hat sich dazu entschlossen, dieses Projekt durchweg in Farbe auszuführen. Dies erweist sich als gute Entscheidung in Anbetracht des gewählten Themas, ist doch gerade die Freizeitindustrie ebenso wie ihre Zielgruppe von bunten Farben geprägt, seien es die T-Shirts und Rucksäcke der Urlauber, die Auslage der Eisdiele, die ungesund grell verzierte Torte in einer Konditorei oder auch das Grün der Wälder und Wiesen sowie das Blau der Sauer, in denen die Menschen mitunter wie grelle Fremdkörper wirken.

Lamberts Motive zeigen gängige Urlaubsklischees, ohne diese grotesk oder verwerflich wirken zu lassen, wie dies beispielsweise der britische Fotograf Martin Parr in seinen kritischen Dokumentationen des Massentourismus tut. Statt einer distanzierten Betrachtung wählt Lambert einen teilnehmenden Blickwinkel, der eine ganz andere Qualität von Nähe erreicht als dies bei vergleichbaren Reportagen meist der Fall ist. Seine Bilder sind nicht etwa aus der Distanz aufgenommen, sondern er blickt Leuten über die Schulter, fotografiert Besucherfamilien so als würde er selbst dazugehören und wird durch seinen Schatten oder seine Schuhe selbst ein Teil des Bildes. Gerade durch diese Nähe wirken manche der Fotografien wie Urlaubsbilder aus einem Familienalbum, so etwa eine Aufnahme zweier Kinder, die gelangweilt und mehr aus Verlegenheit als aus Hunger in ihren Pommes stochern. Quer über den Tisch fotografiert könnte dieses Motiv auch aus der Perspektive eines fotografisch ambitionierten Familienvaters aufgenommen sein.

Der Fotograf – und damit auch der Betrachter – wird Teil des Urlaubsbetriebs. Er steht mit in der Schlange vor der Eistheke und erahnt die Erwartung, gleich die obligate Waffel Eis in der Hand zu halten. Er blickt auf das altmodische, Vintage-artige Interieur von Hotels oder fährt Sessellift in Vianden, mit Blick auf Lamberts All-Stars-Schuhe und seinen Schatten, der in einigen der Bilder auftaucht; während er in anderen Reportagen als unverzeihlicher Fauxpas empfunden werden würde, ist er hier bewusster Teil eines authentischen Konzepts.

Somit sind die Fotografien keineswegs frei von Witz und Ironie, etwa die Aufnahme eines Hundes im Schaufenster einer Galerie, neben einer Spiegelung von Lamberts Beinen in kurzer Hose und unterhalb eines Gemäldes, dessen wellige Pinselführung sich im Fell des Hundes wiederfindet. Eine Kombination aus pensionierten Campern, Plastikstühlen und Gartenzwergen lässt ebenso schmunzeln wie ein Lux-Privat-Leser, der Dank des großformatigen Groschenblatts anonym bleibt.

Bei aller Spontaneität, die diese Bilder kennzeichnet, sind sie doch größtenteils von durchdachten Bildkompositionen geprägt, die beispielsweise in der Fotografie einer Telefonzelle und einer Bank oder eines Wohnwagens als verlorene Blick-, Kommunikations- und Unterbringungsorte in den weiten Landschaften mit blauem Himmel voll zum Tragen kommen.

Der Urlaub im Luxemburger Norden wird bei Lambert also durch den Grad an Beteiligung, wie sie eine Künstlerresidenz zulässt, auf eine sehr lebendige und durchaus subjektive Weise vermittelt. Begleitet wird die Ausstellung im Brauhaus von einem Bildband mit zusätzlichen Fotografien sowie einem Einführungstext von Annick Meyer, dem allerdings weniger Ausschweifungen gut getan hätten.

On Vacation. Fotografien von Yvon Lambert; bis 26. Oktober., Fr.-Di., 14-18 Uhr im ehemaligen Brauhaus in Clervaux. Buch zur Ausstellung mit Einführung von Annick Meyer. Hrsg.: Clervaux – cité de l‘image asbl. 168 Seiten. ISBN 978-99959-0-080-9. Weitere Informationen: www.clervauximage.lu.
Boris Loder
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