Kino

Aus dem Osten nichts Neues

d'Lëtzebuerger Land du 07.06.2019

Mit Aladdin ist die Neuverfilmung eines weiteren bekannten Disney-Klassikers in den Kinos gestartet. Die Geschichte hier nochmal zusammengefasst: Straßenjunge Aladdin schlägt sich als Taschendieb durch die Straßen Agrabahs. Als er eines Tages die Prinzessin Jasmin kennenlernt, ist es gleich um ihn geschehen und er will nun um jeden Preis ihr Herz gewinnen, doch der Klassenunterschied wird schnell zum Problem. Derweil will der Großwesir Jafar dem Sultan die Herrschaft entreißen, dafür braucht er eine magische Lampe, die ihm zur Macht verhelfen soll. Der Haken: Sie liegt verborgen und ist von gefährlichen Zaubern umgeben. Als sich die Wege von Aladdin und Jafar im Königspalast kreuzen, sieht dieser in dem jungen Taschendieb die Möglichkeit, sich die Wunderlampe zu besorgen ...

Guy Ritchie, der durch Filme wie Lock, Stock and Two Smoking Barrels (1998) und Snatch (2000) oftmals als der britische Tarantino bezeichnet wird, zeichnet für die Neuinterpretation dieses Disney-Zeichentrickfilm-Klassikers von 1992 verantwortlich. Dabei trifft lauwarmer Aufguss es besser: Der Film wirkt über weite Strecken so uninspiriert, dass man sich fragen kann, ob da tatsächlich Guy Ritchie auf dem Regiestuhl saß. Stellt man eingedenk dessen in Rechnung, dass Ritchie noch zuvor mit King Arthur – Legend of the Sword (2017) eine zwar viel kritisierte, aber vor allem mutige, unkonventionelle Neuerzählung des Sagenstoffes um den britischen König vorlegte, dann verwundert seine Verpflichtung für einen Disney-Klassiker umso mehr.

Wie auch bei Beauty and the Beast (1991) lag der Zauber dieser Animationsfilme besonders in den Musikkompositionen von Alan Menken, die es ihm ermöglichten, in der Zeit von 1990 bis 1996 ganze acht Oscars zu erlangen. Gerne spricht man in diesem Zusammenhang gemeinhin von der so genannten „Disney-Renaissance“. Hier allerdings wirkt dieser einstige Zauber verblasst, jede Musiknummer wirkt nostalgiehalber lustlos abgehakt. Das mag zum Teil an dem rasanten Erzähltempo liegen: Guy Ritchie ist bekannt dafür, dass er mit hektischer Montage und spritzigen Dialogen – zumindest hier scheint die Signatur des Filmemachers etwas durchzuscheinen – den Erzählfluss antreibt. Dieser Film hat kaum ruhige Momente, kann deshalb nicht aufatmen, sodass die Charakterentwicklungen darunter erheblich zu leiden haben. Ja, die aufwändigen Dekors und die farbenprächtige Inszenierung haben ihre Momente, aber das Ganze ist vielleicht mit übergroßer Zuckerwatte zu vergleichen: groß, bunt, süß, aber ohne wirkliche Substanz.

Will Smith als Genie ist sicherlich eine der Stärken des Films, reicht jedoch kaum an Robin Williams heran. Williams hatte der Zeichentrickfigur einst seine Stimme geliehen und in ihr nicht weniger als zweiundfünfzig Figuren vereint. Diesen Druck hat womöglich auch Will Smith gespürt, der so stark aufspielt, dass er die gesamte Leinwand einzunehmen scheint. Das ist humorvolle Unterhaltung, allerdings drängt seine Präsenz Mena Massoud als Aladdin und Naomi Scott als Jasmin punktuell in den Hintergrund, wo doch beide die Hautfiguren des Films sein sollten. Marwan Kenzari als Jafar geht allerdings vollkommen unter. Da, wo der Zeichentrickfilm noch eine überexplizit-offene Charakterisierung des Großwesirs als larger-than-life-Bösewicht erreichte, interpretiert Kenzari diesen machthungrigen Intriganten viel zurückgenommener, ja es wird unsinnigerweise versucht, ihm ein psychologisches Profil zu verleihen – das ist schwach und tendiert zur Lächerlichkeit. Was da noch mit dem Zeichenstift funktionierte, lässt sich so in der Realverfilmung nicht verwirklichen. Das ist bezüglich einer Adaptation zwar per se keine Anforderung, wenngleich dieser Version damit das affektiert-theatralische Moment entzogen wird.

Wie schon bei der Neuverfilmung von Beauty and the Beast (2017) oder Dumbo (2019) wird hier versucht, den Stoff den Gender-Anforderungen des 21. Jahrhunderts zuzuführen. So weisen auch hier die Zeichen der Zeit in dieselbe Richtung: Prinzessin Jasmin muss sich als emanzipierte Frau über die Zwangsehe empören und beugt sich den vorherrschenden Geschlechterrollen nicht. So unbeholfen diese Bemühungen wirken, so offensichtlich verfällt der Film in der Darstellung dieses Orients den stereotypen, westlich geprägten Vorstellungen eines mythisch-exotischen Morgenlandes. Für die jüngeren Zuschauer mag all das funktionieren. Das sollte aber kaum verwundern: Optisch hat dieser Film ohnehin mehr zu bieten als inhaltlich.

Marc Trappendreher
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