Kommentar

Wie gehabt

d'Lëtzebuerger Land vom 29.08.2014

Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt, sagen die einen, dagegen könne man nichts machen. Wer es dennoch versucht, macht sich verdächtig, moralisierend und verklemmt zu sein. Prostitution ist ohne Zwang und Unterdrückung undenkbar, zementiert die Ausbeutung von Frauen durch Männer und gehört deshalb bekämpft, sagen die anderen. Schweden ging am weitesten und verbot Männern wie Frauen kurzerhand, Profit daraus zu schlagen, wenn Frauen (und einige Männer) ihre Körper verkaufen.

Das klingt überzeugend, doch das Problem Prostitution ist zu vielschichtig, um es allein per Gesetz und mittels Strafverfolgung lösen zu wollen. In Schweden scheint sich insbesondere die Straßenprostitution als Folge des Sexkaufverbots in andere, noch schwerer zu kontrollierende Nischen zu verlagern: ins Internet, in Privatwohnungen, ins Ausland.

In Deutschland gingen die Grünen und die Sozialdemokraten einen diametral anderen Weg: Die Legalisierung sollte die Sexarbeit aus dem Dunkelfeld holen. Den meisten Feministinnen galt der Ansatz von vornherein als suspekt, weil er die Frage nach den ungleichen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern ausblendete. Nun zeigt sich: Auch die Legalisierung funktioniert keineswegs als Befreiungsinstrument, sondern hat die Sexindustrie zusätzlich angeheizt und das Geschäft mit dem Körper von Frauen legitimiert und sogar normalisiert. Und damit seine hochproblematischen Begleiterscheinungen: Prostitution geht noch immer meistens mit schwerwiegender Kriminalität, Frauenverachtung und der skrupellosen Ausbeutung von Notlagen einher.

Der Glaube an den Legalisierungs-Ansatz war ohnehin naiv. Wer meint, der Verkauf von Sex sei ein Geschäft wie jedes andere, dürfte kaum etwas dagegen haben, wenn der eigene Sohn und die eigene Tochter dort Erfüllung suchten, wenn Arbeitsämter Stellenanzeigen fürs Sexgewerbe schalteten und Weiterbildungskurse in Gang-Bang, BDSM und Fetischsex organisierten. Dass diese dann vornehmlich von Frauen besucht würden, wäre vermutlich nichts weiter als ein unglücklicher Formfehler.

Auch wäre es arbeitsrechtlich konsequent, wenn Arbeitgeber ihre Angestellten anweisen würden, wie oft und in welchen Positionen sie ihren Körper dem Kunden feilzubieten hätten. Derartige Weisungen sind selbstverständlich auch in Deutschland verboten, und es war nie die Absicht des Gesetzgebers, sie zu legitimieren. Prostituierte haben, wie alle anderen Menschen auch, ein Grundrecht auf Würde und körperliche Unversehrtheit. Ihr Körper gehört ihnen und es ist an ihnen, zu entscheiden, was sie ihm und sich selbst zumuten.

Dies zu Ende gedacht bedeutet aber auch, einzugestehen, womit sich viele schwertun: dass die Wege in die Prostitution vielfältig sind. Aus Prostituierten per se wehrlose Opfer zu machen, wird ihrem Recht auf Selbstbestimmung nicht gerecht und hilft denen, die aus der Szene raus wollen, auch nicht weiter.

Die Plattform Prostitution versucht, den unterschiedlichen Lebensrealitäten Rechnung zu tragen, in dem sie Zwangsprostitution von freiwilliger Prostitution unterscheidet. Doch die Trennung hat ihre Tücken, so lange Armut, fehlende Perspektiven, (männliche) Ausbeutung und Gewalt sowie Geschlechterrollenstereotype hauptursächlich dafür sind, dass Frauen ihren Körper verkaufen.

Wer die Rechte von Prostituierten wirklich verteidigen und ihre Situation nachhaltig verbessern will, muss daher auf vielen Ebenen ansetzen und insbesondere den Menschenhandel, die Zuhälterei und die Armut von Frauen bekämpfen. Schon deshalb liegt Schweden richtig damit, die Verhaltensweisen von Freiern und Zuhältern schärfer in den Fokus von Strafverfolgung und Politik zu rücken.

In Luxemburg versucht die Regierung einen pragmatischen Weg zwischen Verbot (der Zuhälterei) und Entkriminalisierung (der Prostituierten). Eigentlich keine schlechte Idee – würde sie energisch umgesetzt und die Ausbeutung von Frauen konsequent geächtet. Die Realität zeigt jedoch, dass selbst Strafverfolger, die es besser wissen müssten, sich mitunter schwertun, Zuhälterei und Zwangsprostitution zu erkennen und zu bekämpfen. In Esch waren Polizisten und Zuhälter auf Du und Du.

Die Plattform Prostitution scheut sich in ihrer Analyse, die ungleichen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern anzuprangern, die sich im Geschäft mit dem Sex widerspiegeln. Wohl deshalb wirkt der Abschlussbericht ziemlich zahnlos und unentschieden. Weil bisher zudem ein Aktionsplan mit konkreten Fristen und klar bezifferten Ressourcen fehlt, ist zu befürchten, dass Prostituierten unter Blau-Rot-Grün dasselbe Schicksal blüht wie unter Schwarz-Rot: Experten diskutieren, es folgen politische Absichtserklärungen und in den Wohnungen, auf der Straße, im Internet geht alles so weiter wie gehabt. Ines Kurschat

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