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Über Wetter reden

d'Lëtzebuerger Land du 29.08.2014

Danke, dass es dich gibt Wetter! Du bist immer für uns da, du stirbst nie und lässt dich nicht scheiden, auch wenn du schlecht drauf bist. Wir haben uns ja auch an dich gewöhnt, es ist wie in einer Ehe, man muss sich aushalten, irgendwie. Ab und zu gibt es heftige Überraschungen, aber sie gehören dazu. Es kracht ordentlich im Gebälk, aber nachher ist die Luft rein. Eine Himmelserscheinung zeigt sich, sie wird ekstatisch bejubelt und angebetet. Sie heißt Sonne. Umgehend wollen wir unser bleiches Fleisch befreien. Ach, ist das schön, manche schwingen sich auf den Drahtesel oder auf Schusters Rappen und posten Selfies, in denen sie beschaulich aus einer Landschaft schauen. Dafür gibt es sehr viel mehr Likes als für eine Palme am profanen Paradiesstrand. Auf einer Wetter-Umfrage bei RTL schneidet das Wetter gar nicht so schlecht ab. Es ist sogar eine Art Siegerin, zumindest in den Sympathiewerten. So schlimm finden die Leute das Wetter nicht, sie finden sich auf eine heiter-philosophische Art damit ab. Schließlich freuen wir uns, dass wir in einem gemäßigten Klima leben, auch wenn es noch so mäßig ist.

Und nicht in einer Wüste, zum Beispiel. Wüste haltstop, ich will nicht von Wüste reden, bloß nicht von Wüste, sonst kommt wieder die Isis. Ich will keine Isis, heute nicht. Sondern einen freundlichen Baumwald, in dem Menschen aneinander vorbei joggen ohne einander zu köpfen (einander köpfen?). Vielleicht lamentieren sie ein bisschen über den Wald, der noch waldiger oder buschiger sein könnte, oder vermissen ein paar hundsgemeine Bienen, die sie ein bisschen stechen. Aber in der Regel will sie niemand abstechen, das ist schon mal was, eine Zivilisationsleistung, die wir gar nicht hoch genug schätzen können. Nur der Muskelkater lauert auf sie. Der Regen, der auf sie fällt, ist anscheinend nicht mal mehr sauer, der saure Regen ist ausgestorben wie das Waldsterben.

Es ist schön, dass wir das Wetter haben, es verbindet und verbündet uns. Alle Generationen und Klassen und uns alle, mit all unseren Hinter- und Vordergründen. Natürlich ist es den einen kälter als den andern, oder das Wasser steht ihnen bis zum Hals, während die andern Pied-dans-l’eau genießen, wir leben ja schließlich in einer freien Gesellschaft, jedem nach seinen Bedürfnissen.

Aber wir haben doch zumindest ein wenig Stoff, den wir miteinander teilen. Gesprächsstoff, der nicht zündet, nur ein bisschen wärmt, zum Beispiel im Aufzug, oder wenn wir beim Briefkasten nach dem Schlüssel herum fingern. Bevor wir wieder in unsere Residenzen schlurfen. Wir können uns einander nähern, uns zart zunicken und über krass nass reden, oder heiß und Schweiß.

Keine Ahnung, warum Reden übers Wetter so schlechte Bewertungen hat. Es wird arrogant als Small Talk abgetan, dabei ist es ungleich wohltuender als Big Talk. Die Leichenteile bleiben uns ja schon im Hals stecken. Es ist eine Art sozialen Schmieröls, schon vor den Höhlen standen unsere Mütter mit den Nachbarinnen, starrten stirnrunzelnd ins Gestirn und brummelten etwas Kommunikatives dazu.

Meistens gibt es einen Konsens, man kann sich einigen, und trotzdem läuft alles demokratisch ab. Jeder hat seine Meinung, und meistens ist sie einigermaßen dieselbe wie die der andern. Wie schön ist das, man steht nicht so vereinzelt da mit seinen Spleens und Marotten und kann etwas allgemein Verständliches zur Unterhaltung beisteuern. Wenn es kalt ist, zum Beispiel, sagt man es ist kalt, man kann sich auf zustimmendes Nicken freuen und auf kollektives Gezitter. Es gibt ja noch einige, wenn auch wenige Varianten, so dass doch ein bisschen, aber nicht all zuviel Abwechslung aufkommt. Alle dürfen sich anstöhnen, anseufzen, fluchen. Alle dürfen wettern.

Es ist nicht wie bei Israel-Gaza, wo serienweise freundliche, nachdenkliche Mitmenschen plötzlich in den Schützengräben liegen und auf einander scharf schießen, und dann entfreunden sie sich auf FB.

So viele Opfer gibt es beim Wetter nicht.

Michèle Thoma
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